Moutainbiking erlebt einen Boom. Ein Trend, der im Wald bisweilen zu Konflikten führt. NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) will jetzt das Forstgesetz ändern - und „Chaoten“ die rote Karte zeigen.
NRW plant Beschränkungen für Mountainebiker„Viele Radfahrer richten im Wald schwere Schäden an“

Ein Radfahrer ist auf eibem schmalen Waldweg unterwegs. Umweltschützer beklagen, dass die Natur Schaden nehmen kann.
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Frank Pechtheyden ist der Förster im Knechtstedener Wald, der zwischen Köln und Neuss gelegen ist. Sein Revier umfasst 2300 Hektar und lockt viele Besucher an. „In unseren Wäldern suchen viele Menschen nach Erholung. Das finde ich gut“, sagt der 50-Jährige im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Aber es komme auch immer häufiger zu Nutzungskonflikten. „Seitdem es auch Mountainbikes mit E-Antrieb gibt, haben die Beschwerden von Fußgängern und Reitern deutlich zugenommen“, berichtet Pechtheyden. „Ich bekomme regelmäßig E-Mails, in denen sich Leute über viel zu schnell fahrende oder rücksichtslose Radfahrer im Wald aufregen“, sagt der Förster. Zum Teil kämen die Radfahrer „mit Tempo 30 von hinten angeflogen“. Da würden Fußgänger „dann oft zu Tode erschreckt“.
Die Beschwerden richten sich vor allem gegen Mountainbiker. Schätzungen zufolge sind in NRW – vor allem an Wochenenden – Hunderttausende in den Wäldern unterwegs. Die Sportart erlebt einen Boom, geländegängige E-Räder ermöglichen es Radfahrern zum Teil, in bislang ungenutzte Bereiche vorzudringen. Förster Pechtheyden verfolgt die Entwicklung mit Sorge: „Viele Radfahrer wissen nicht, dass sie außerhalb von Waldwegen in den Biotopen schwere Schäden anrichten können.“
Das Problem: Die Mountainbiker errichten im Wald oft eigene Strecken, so genannte Trails. „Manchmal werden sogar für den Bau junge Bäume ausgerissen, und Spechte, Meisen und Uhus durch die Beunruhigung aus ihren Revieren vertrieben“, erklärt der Förster. In der Brutzeit könne das fatale Folgen haben: „Wenn Nester wegen der Störungen verlassen werden, gehen die Jungtiere zum Teil elendig zu Grunde.“ Manche Mountainbikefahrer meinten, sie könnten jeden Pfad nutzen, um dort „eine Rennstrecke“ zu bauen.
Dabei würden oft Rückegassen genutzt, die Waldarbeiter hinterlassen haben, um Holz zu schlagen, erklärt Pechtheyden. Die illegalen Trails würden oft mit Gegenständen ausgebaut, die im Wald nichts zu suchen hätten: „Um Sprungschanzen oder Rampen zu errichten, werden Beton – oder Siebdruckplatten aus dem Baumarkt in die Böden eingelassen. Das bereitet den Förstern regelmäßig eine Menge Arbeit, wenn sie solche Aufbauten wieder abreißen müssen“, berichtet der Mitarbeiter des Landesbetriebs Wald und Forst.
NRW ist ein großes Flächenland mit hoher Walddichte, ein Drittel des Landes sind mit Wald bedeckt. NRW-Forstministerin Silke Gorißen will das Landesforstgesetz jetzt überarbeiten. „Die Menschen sollen auch weiterhin den Wald genießen können“, sagt die CDU-Politikerin. „Zum Schutz von Flora und Fauna und der Erholungssuchenden zeigen wir aber chaotischem Verhalten im Wald die Rote Karte.“
Es bestehe die Notwendigkeit, „Regelungen zum Beispiel beim Waldbetretungsrecht zu präzisieren“, heißt es im Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Leider komme es seit mehreren Jahren immer wieder zu Fällen von Vandalismus „durch gedankenlose Einzelpersonen“ im Wald. Auf den Trails würden ohne Absprache mit dem jeweiligen Waldbesitzer illegale Rennstrecken mit Rampen und Steilkurven errichtet und dazu sogar Bäume abgesägt oder waldfremdes Material eingebaut.
Der vorliegende Entwurf für die Novelle des Forstgesetzes legt nun fest, dass Radfahren auf ausgewiesenen Trails oder befestigten und naturfesten Waldwegen mit ausreichender Breite erlaubt ist. Befürchtungen, künftig sei das Radfahren nur noch auf Wegen mit einer Breite von 3,5 Metern erlaubt, seien ein Missverständnis, hieß es. Im neuen Gesetzentwurf werde „keine genaue Wegebreite“ genannt.

Förster Frank Pechtheyden arbeitet seit 2002 beim Landesbetrieb Wald und Holz.
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Die Deutsche Initiative Mountainbike (DIMB) zeigt sich entsetzt über die Pläne. „Wir sind fast rückwärts vom Stuhl gefallen, als wir von den Plänen in NRW erfahren haben“, sagt Fachreferentin Sonja Schrieter im Gespräch mit unserer Zeitung. Insbesondere deshalb, weil der Dialog mit den Landesforsten bis zuletzt sehr konstruktiv verlaufen sei.
Der DIMD sieht sich in der Diskussion um die Gesetzesnovelle in ein falsches Licht gerückt. „Die Behauptung, durch das Radfahren auf festen Waldwegen würden enorme Bodenschäden entstehen, können wir nicht nachvollziehen“, betont Schrieter. Auch die Darstellung, Mountainbikefahrer „seien allesamt rasende Chaoten, die auf die Natur oder auf Fußgänger keine Rücksicht nehmen würden“, verzerre die Realität. „Das ist ein kleiner, einstelliger Prozentsatz an Menschen, die sich rücksichtlos verhalten, den es auch im Straßenverkehr oder auf der Skipiste gibt. Das hat nichts mit dem Mountainbiken zu tun, das ist eine Charaktereigenschaft“, so die Fachreferentin.
Mountainbikefahren mache auf anspruchsvollen Wegen, die meist nicht breiter als der Lenker sind, am meisten Spaß. „Die NRW-Pläne würden die Ausübung unseres Hobbys in der Fläche quasi unmöglich machen“, so Schrieter. „Die Politik sollte sich überlegen, ob das klug ist. In Deutschland gibt es mehr Mountainbiker als aktive Fußballspieler.“ Auch der Deutsche Alpenverein äußerte Kritik. „Das Fahrradfahren auf Fahrwege zu beschränken, lehnen wir entschieden ab“, sagte dessen Sprecher Steffen Reich unserer Zeitung. Zwar gebe es „in Einzelfällen“ Konflikte zwischen Wanderern und Radfahrern, das Problem sei aber nicht so groß wie oft kommuniziert werde. „Wichtiger sind gegenseitiger Respekt, ein rücksichtsvolles Verhalten und bei Bedarf örtlich abgestimmte Lenkungskonzepte“, so Reich.
Das Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat jetzt die Verbändebeteiligung zur Änderung des im Kabinett beschlossenen Gesetzentwurfs eingeleitet. Die Verbände aus Waldbesitz, Forstwirtschaft, Naturschutz und Freizeitnutzungen erhalten nun die Gelegenheit, ihre Stellungnahme zum Gesetzentwurf abzugeben.
Der Streit um das Radfahren im Wald dürfte auch Thema im bevorstehenden Landtagswahlkampf werden. Dietmar Brockes, Umweltexperte der FDP im Landtag, hält von den geplanten Änderungen wenig. „Mountainbiken gehört längst zur Naherholung im Wald dazu. Biker sind kein Fremdkörper, den man mit Verboten aus dem Wald drängen kann“, so der Politiker vom Niederrhein. Die Novellierung schieße übers Ziel hinaus: „Will Schwarz‑Grün wirklich, dass künftig Polizei und Ordnungsamt im Unterholz nach illegalen Mountainbikern suchen?“, fragt der Liberale. Pauschale und schwer kontrollierbare Verbote seien keine nachhaltige Lösung und würden die Akzeptanz untergraben.
Frank Pechtheyden ist zuversichtlich, dass der Konflikt nicht eskalieren muss. „Natürlich sind die meisten Mountainbiker vernünftig“, stellt der Förster klar. Es gebe auch Beispiele für eine positive Zusammenarbeit zwischen Forstverwaltung und Radfahrern: „An der Glessener Höhe bei Frechen hat der Deutsche Interessenverband Mountainbike zusammen mit dem Forstamt und dem Rhein-Erft-Kreis ein attraktives Angebot geschaffen. Das zeigt, dass sich Konflikte lösen lassen, wenn sich alle Akteure die Hand reichen.“