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NRW und die schrumpfende Geburten-ZahlWie ein Bundesland in den demografischen Sinkflug gerät

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In NRW kommen immer weniger Babys zur Welt. Hier ein Foto aus einer Neugeborenen-Station im Krankenhaus.

In NRW kommen immer weniger Babys zur Welt. Hier ein Foto aus einer Neugeborenen-Station im Krankenhaus.

NRWs sinkende Geburtenzahlen reflektieren wirtschaftliche Unsicherheiten und sozialen Wandel. Trotz regionaler Unterschiede bleibt der Abwärtstrend bestehen.

Es gibt Statistiken, die man überblättert, weil sie abstrakt wirken. Und es gibt Zahlen, die wie ein leiser Stimmungsbericht einer Gesellschaft daherkommen. Die Geburten gehören zur zweiten Kategorie: Sie verraten etwas über Vertrauen – in Einkommen, in Betreuung, in die eigene Zukunft. Nordrhein-Westfalen liefert dafür seit einigen Jahren ein Muster, das sich nicht mehr wegmoderieren lässt: Die Kurve zeigt nach unten. Und sie bleibt dort.

Die Landesregierung verweist in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage aus dem Landtag auf den amtlichen Trend: 2024 wurden in NRW 152.688 Kinder lebend geboren, nach 155.515 im Jahr 2023. Schon das ist das dritte Minusjahr in Folge. Entscheidend ist aber: Für 2025 liegt eine Geburtenschätzung von rund 148.750 Geburten vor – also noch einmal etwa 4000 weniger als 2024; ein Rückgang um 2,6 Prozent.

Vier Minusjahre – und eine neue Normalität

Dass sich solche Entwicklungen in einem Bundesland wie NRW nicht als Randnotiz behandeln lassen, liegt nicht nur an der Größe. NRW ist ein verdichtetes Land: Metropolen und Mittelstädte, ländliche Kreise, ein dauernd in Bewegung stehender Arbeitsmarkt. Wenn hier weniger Kinder geboren werden, dann ist das nicht bloß Demografie, sondern ein Signal aus vielen Milieus zugleich. Und es ist, trotz aller individuellen Motive, ein kollektiver Befund: Offenkundig empfinden mehr Menschen den Schritt zur Elternschaft als schwieriger planbar.

Hindernisse gibt es genug. Eine größere Wohnung im Ballungsraum, ein Vertrag, der über die Probezeit hinausreicht, eine Kita, die nicht nur existiert, sondern auch zu den Arbeitszeiten passt, eine Großeltern-Generation, die nicht selbst noch pendelt oder pflegt: Unter solchen Bedingungen wird Elternschaft zu einer Frage der persönlichen Risikobereitschaft – und gerade diese sinkt, wenn die Welt als unsicher erlebt wird. Es ist kein Zufall, dass die Geburtenziffer in Krisenjahren oft fällt. Die Überraschung ist eher, wie hartnäckig sie unten bleibt.

1,39 Kinder je Frau – und der Blick über NRW hinaus

Dabei hilft es, zwei Dinge auseinanderzuhalten. Die reine Geburtenzahl – wie viele Kinder in einem Jahr zur Welt kommen – hängt auch davon ab, wie viele Frauen überhaupt in den geburtenstarken Altersgruppen leben. Die zusammengefasste Geburtenziffer, oft schlicht „Geburtenrate“ genannt, versucht genau das zu bereinigen. Sie fragt: Wie viele Kinder bekäme eine Frau im Laufe ihres Lebens, wenn die in einem Jahr beobachteten Geburtenhäufigkeiten dauerhaft gelten?

Vier Babys liegen in einer Kita nebeneinander. Die Geburtenhäufigkeit in den NRW-Kommunen und Städten kann weit auseinander liegen.

Vier Babys liegen in einer Kita nebeneinander. Die Geburtenhäufigkeit in den NRW-Kommunen und Städten kann weit auseinander liegen.

Für NRW liegt dieser Wert 2024 bei 1,39 Kindern je Frau. IT-NRW, die Statistikbehörde des Landes, spricht vom niedrigsten Stand seit 13 Jahren. 2016 beispielsweise lag die Rate bei 1,62.

Die sinkende Bereitschaft, Kinder zu bekommen

Es ist die zweite, subtilere Botschaft hinter der ersten: Nicht nur die Köpfe in den Jahrgängen ändern sich – auch das Verhalten, die Entscheidungslage, die Bereitschaft. Wer NRW nur für sich betrachtet, könnte versucht sein, die Entwicklung als regionale Besonderheit zu lesen: Strukturwandel hier, Großstadtstress dort, irgendwo dazwischen ein ländlicher Raum, der sich an Abwanderung gewöhnt hat.

Doch der Blick auf Deutschland relativiert und verschärft zugleich. Bundesweit lag die zusammengefasste Geburtenziffer 2024 bei 1,35 Kindern je Frau; 2023 waren es 1,38. NRW liegt mit seinen 1,39 also etwas höher als der Bund, aber es liegt nicht außerhalb des Trends. Der Unterschied ist eher erzählerisch als statistisch: Während Deutschland insgesamt zuletzt von einem „abgeschwächten“ Rückgang spricht, wirkt NRW wie ein Land im seriellen Minus - Jahr für Jahr.

Das gespaltene Land

Zugleich ist NRW kein einheitlicher Raum. Die Zahlen der Landesregierung skizzieren ein gespaltenes Land: Neun Kreise und kreisfreie Städte hätten 2025 gegen den Trend zugelegt, mit Olpe als „Spitzenreiter“ (+3,3 Prozent), gefolgt von Bonn (+3 Prozent) und Gelsenkirchen (+2,3 Prozent). Auf der anderen Seite stünden Einbrüche wie in Bottrop (−12,5 Prozent) oder im Rheinisch-Bergischen Kreis (−10,5 Prozent) und im Kreis Euskirchen mit einem Minus von fünf Prozent. In Köln wird der Rückgang auf 1,1 Prozent geschätzt, demnach kamen hier im vergangenen Jahr 9310 Babys zur Welt.

Und noch eine Verschiebung lässt sich in den Tabellen der Landtagsantwort ablesen: die nach Staatsangehörigkeit. Die Zahl der Geburten von Müttern mit ausländischer Staatsangehörigkeit bleibt in den letzten Jahren relativ stabil. Der Rückgang findet besonders stark bei Müttern mit deutscher Staatsangehörigkeit statt. Wer über die demografische Zukunft NRWs spricht, spricht also nicht nur über weniger Kinder insgesamt, sondern auch über eine Veränderung der Zusammensetzung – und damit über Integrations-, Bildungs- und Arbeitsmarktfragen, die in der öffentlichen Debatte gern getrennt werden, in der Wirklichkeit aber ineinandergreifen.