Größere Unterstützung angekündigtLiefert Deutschland jetzt Marder-Panzer an die Ukraine?

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Soldaten des Panzergrenadierbataillons 371 aus dem sächsische Marienberg verladen Schützenpanzer auf Güteranhänger der Eisenbahn.

Medienberichten zufolge erwägt Deutschland, der Ukraine den Schützenpanzer Marder zu überlassen.

Der Westen will die Ukraine mit neuen Panzerlieferungen für eine Gegenoffensive im Frühjahr ausstatten. Frankreich liefert Späthpanzer, die USA und offenbar auch Deutschland erwägen die Lieferung von Schützenpanzern. Was bringen sie?

Europa will der Ukraine zur Verteidigung gegen Russlands Vernichtungskrieg erstmals „leichte Kampfpanzer“ westlicher Bauart liefern, wie der Élyséepalast am Mittwochabend verkündete. Emmanuel Macron hatte in einem Telefonat mit seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj angekündigt, der Ukraine Panzer des Typs AMX-10 RC zur Verfügung zu stellen.

Wann und wie viele Panzer das ukrainische Militär erhalten soll, sagte Macron zunächst nicht. Frankreich hebe die Verteidigungsunterstützung für die Ukraine „auf ein neues Level“, so Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache an die Bevölkerung. „Das sendet ein klares Signal an alle unsere Partner: Es gibt keinen rationalen Grund, weshalb Panzer westlicher Bauart bislang nicht an die Ukraine geliefert wurden.“

Scholz lehnte Abgabe von deutschen Kampf- und Schützenpanzern bisher ab

Die Ukraine hatte zuvor bereits Kampfpanzer sowjetischer Bauart aus Polen erhalten, jedoch keine westlichen Modelle. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte die Abgabe von deutschen Kampf- und Schützenpanzern, wie den Leopard 2, bisher stets mit der Begründung abgelehnt, dass schwere Waffen nur in enger Abstimmung mit den Nato-Partnern an die Ukraine geliefert werden sollen. Aus den Reihen der Unionsfraktion und von FDP und Grünen hatte es wiederholt Forderungen nach modernen Kampf- und Schützenpanzern für die Ukraine gegeben.

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„Der französische AMX-10 ist kein Kampfpanzer, sondern ein schneller Jagd- beziehungsweise Spähpanzer der Aufklärungstruppe“, stellt Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer klar. Die Aufklärungstruppe versuche unerkannt und möglichst ohne Feindberührung ein Lagebild zu schaffen und unzureichend gesichertes Gelände einzunehmen, so der Kommandant des Gardebataillons im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Dagegen versuche ein Kampfpanzer Gelände durch Kampf in Besitz zu nehmen, kämpfe gegen andere Panzer und müsse daher stark gepanzert sein.

„Mit einem echten Kampfpanzer, wie dem Leopard II, ist der AMX-10 in keinem Fall vergleichbar.“
Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer

Der AMX-10 aus Frankreich sei aber gar nicht bis leicht gepanzert. „Mit einem echten Kampfpanzer, wie dem Leopard II, ist der AMX-10 daher in keinem Fall vergleichbar.“ Der französische Panzer besteht zu einem Großteil aus Aluminium, ist daher sehr leicht und kann laut Reisner bei guter Motorleistung sehr hohe Geschwindigkeiten und Distanzen erreichen. Außerdem verfüge er über eine hohe Feuerkraft. „Im direkten Gefecht oder gar Duell mit einem russischen Kampfpanzer würde dieses Fahrzeug unterlegen sein, weil die Panzerung nicht ausreicht.“

Dabei wäre Frankreich durchaus in der Lage, der Ukraine echte Kampfpanzer zu übergeben. Der französische Leclerc ist vergleichbar mit dem deutschen Kampfpanzer Leopard 2 und könnte es mit den von Russland vielfach eingesetzten sowjetischen Kampfpanzern T-72 aufnehmen.

AMX-10 könne bei Vorstößen und neuen Offensiven helfen

Dennoch helfe der AMX-10 aus Frankreich dem ukrainischen Militär enorm, meint Oberst Reisner: „Er kann bei Vorstößen und neuen Offensiven dabei helfen, die Lücken des Gegners zu erkennen und den nachstoßenden Kräften die Einnahme des Gebiets zu ermöglichen.“ Vor allem zur weitreichenden Feuerunterstützung werde die Ukraine ihn aufgrund der leistungsfähigen Kanone mit hoher Reichweite einsetzen können.

Frankreichs Panzerlieferung hat vor allem symbolischen Wert und ist ein Vorstoß, der den Weg für die Lieferung von Leopard 2 und anderen Kampfpanzern ebnen soll. „Mit der französischen Ankündigung bricht die Hauptausrede des Bundeskanzlers weg, keine schweren gepanzerten Fahrzeuge zu liefern“, sagt Unionspolitiker und Leiter der deutschen Nato-Delegation, Johann Wadepuhl, dem RND. Frankreich leiste die dringend notwendige Unterstützung für die Ukraine und sende ein klares Signal an Präsident Putin.

„Wir werden unsere Lieferungen stets den Erfordernissen des Schlachtfelds anpassen.“
Vizekanzler Robert Habeck (Grüne)

„Die Ankündigung zeigt einmal mehr, dass die Achse Paris-Berlin nicht mehr funktioniert“, so Wadepuhl weiter. Auch Politiker aus der eigenen Koalition riefen den Bundeskanzler auf, deutsche Kampf- und Schützenpanzer an die Ukraine zu liefern. „Der Ball liegt jetzt in Berlin“, erklärte FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Aus der Bundesregierung äußerte sich zunächst nur Vizekanzler Robert Habeck (Grüne). „Wir werden unsere Lieferungen stets den Erfordernissen des Schlachtfelds anpassen“, sagte er, ohne näher auf Details einzugehen.

Derzeit erwägen auch die USA, die Ukraine mit neuen Waffen zu unterstützen und ihr den Schützenpanzer Bradley zu überlassen. Das gepanzerte Kettenfahrzeug ist vergleichbar mit dem deutschen Puma und dem Marder und verfügt über eine Kanone, ein Maschinengewehr sowie panzerbrechende Raketen. Deutschland hat bisher weder Puma noch Marder geliefert. Medienberichten zufolge erwägt Deutschland aber nun, der Ukraine den Schützenpanzer Marder zu überlassen.

In der Vergangenheit häufig Argumente gegen die Lieferung westlicher Kampfpanzer

Laut Reisner sei der Bradley aber, ebenso wie westeuropäische Kampfpanzer, sehr komplex, ausbildungs- und wartungsintensiv, und habe einen hohen Spritverbrauch. Hinzu komme die notwendige Munition für die Bordbewaffnung. Damit der Bradley ein Ziel in Angriff nehmen kann, brauche er zudem den Schutz von Kampfpanzern.

Diese Gründe wurden in der Vergangenheit häufig als Argumente gegen die Lieferung westlicher Kampfpanzer hervorgebracht. Im Vergleich mit russischen Panzern verfüge der amerikanische Bradley über eine bessere Sensorik, so Reisner. „Er kann den Feind früher erkennen und schneller bekämpfen.“ Eine weitere Besonderheit am Bradley sei, dass er Soldaten transportieren und am Angriffsziel absetzen kann.

Ukraine fordert 300 Kampfpanzer, 600 bis 700 Kampfschützenpanzer und 500 Artilleriesysteme

Der Eindruck, der Westen beginne jetzt mit der Lieferung schwerer Waffen, ist laut Experte Reisner aber falsch. Der Westen hat bisher an Kampfpanzern nur Modelle sowjetischer Bauart geliefert, aber keine westlichen Waffen, betont Reisner. Westliche Artilleriesysteme, wie die Himars-Raketenwerfer oder Panzerhaubitzen, seien hier eine Ausnahme. „Der AMX-10, aber auch der Bradley und der Marder, zählen noch nicht zu den schweren Waffen“, macht Reisner deutlich.

Die ukrainischen Streitkräfte sind inzwischen mehr und mehr auf westliche Waffen angewiesen. Bis zum Sommer hatte der Westen etwa 1400 sowjetische Panzer, Kampfschützenpanzer, gepanzerte Transortfahrzeuge und Artilleriesysteme geliefert, so Oberst Reisner. Mit dieser neuen Ausstattung sei die ukrainische Armee in der Lage gewesen, die Offensiven im Spätsommer und Herbst durchzuführen. „Jetzt ist diese erste Waffenlieferung des Westens signifikant aufgebraucht und die Ukraine ist auf neue Waffen angewiesen.“ Der ukrainische Generalstabschef forderte daher zuletzt weitere 300 Kampfpanzer, 600 bis 700 Kampfschützenpanzer und 500 Artilleriesysteme. (rnd)

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