Russland schränkt das Internet massiv ein – angeblich wegen Angriffen. Doch die Zweifel an der Kreml-Version werden auch bei Experten lauter.
Im Kreml wächst die Angst„Putins ohnehin ausgeprägte Paranoia scheint deutlich zuzunehmen“

Kremlchef Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz. (Archivbild)
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Russland hat die Blockade der Messenger-App Telegram in der Hauptstadt Moskau und weiteren Großstädten nach Angaben des russischen Investigativmediums „Agentstvo“ am Mittwoch (25. März) erneut verschärft. Die Einschränkungen bei der Nutzung der App kommen demnach nun jenen gleich, die es in Russland bereits bei offiziell gesperrten Messengern wie Signal oder Whatsapp gibt, berichtete „Agentstvo“.
Zuvor hatte es Berichte gegeben, die Internetsperren in Russland seien zu Wochenbeginn teilweise gelockert worden. Die kurzfristige Lockerung könnte an technischen Problemen beim Netzbetreiber gelegen haben, hieß es weiter.
Internetsperren sorgen für Ärger und Spekulationen in Russland
Bereits seit Wochen ist das mobile Internet in russischen Großstädten erheblich eingeschränkt, auch in der Hauptstadt Moskau. Zuletzt schien vorwiegend die App Telegram ins Visier der russischen Behörden zu rücken, die ihr Vorgehen offiziell mit Sicherheitsmaßnahmen angesichts ukrainischer Drohnenangriffe begründen.
Die Maßnahmen haben in Russland unterdessen für vergleichsweise viel offene Kritik an der Regierung gesorgt. In Straßeninterviews beklagten sich zahlreiche Russinnen und Russen über die Beeinträchtigungen im Alltag. Auch bei den russischen Streitkräften, die überwiegend Telegram nutzen, sorgten die Maßnahmen für Kritik, wie russische Kriegsblogger berichteten.
Der Kreml versucht derzeit, eine staatlich kontrollierte Messenger-App namens Max zu etablieren. Telegram hatte sich zuvor geweigert, den russischen Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten Zugang zu ihrer App zu gewähren. Auch an der Begründung der restriktiven Maßnahmen in Städten wie Moskau oder St. Petersburg werden mittlerweile Zweifel laut – insbesondere mit Blick auf Kremlchef Wladimir Putin, dem bereits seit Jahren paranoide Züge nachgesagt werden.
Wladimir Putin nach Tötung von Ali Chamenei „völlig verunsichert“?
Nun liegt für manche Russland-Experten und Beobachter der Schluss nahe, dass die Internetsperren in Russland hauptsächlich Putins Angst vor einem Attentat und nicht wie offiziell behauptet ukrainischen Drohnenangriffen geschuldet seien.
„Selbst kremlnahe Propagandisten vermuten, dass der Krieg im Iran eine größere Rolle spielt als der in der Ukraine“, schreibt etwa die Journalistin und Russland-Expertin Julia Ioffe in einem aktuellen Artikel über „Putins Paranoia“. Den kursierenden Gerüchten zufolge sei der Kremlchef seit dem Angriff auf den iranischen obersten Anführer Ajatollah Ali Chamenei „völlig verunsichert“, berichtete Ioffe weiter.
Dass Putin speziell auf die Tötung des damaligen lybischen Machthabers Muammar Ghaddafi mit einer drastischen Verschärfung seiner persönlichen Sicherheitsmaßnahmen reagiert hat, ist bereits länger bekannt. „Er soll sich die Aufnahmen von Gaddafis letzten Stunden wiederholt angesehen haben“, berichtete indessen auch Ioffe.
„Putins ausgeprägte Paranoia scheint noch einmal deutlich zuzunehmen“
In „vielerlei Hinsicht“ habe der Tod Gaddafis im Jahr 2011 den Beginn eines „rechtsradikalen, revanchistischen Kurswechsels“ beim Kremlchef dargestellt. „Nun scheint Putins ohnehin schon ausgeprägte Paranoia noch einmal deutlich zuzunehmen“, berichtete die Journalistin weiter.
Zuvor hatten auch russische Medien bereits eine mutmaßliche Verhaltensänderung bei Putin attestiert. So berichtete „Agentstvo“ etwa bereits in der vergangenen Woche, dass Putin kaum noch öffentliche Veranstaltungen im Kreml wahrgenommen habe, nachdem Chamenei getötet und die Internetsperren in Russland in Kraft getreten seien.
Wladimir Putin meidet offenbar öffentliche Veranstaltungen im Kreml
„Die letzte öffentliche Veranstaltung, die der Präsident im Kreml abhielt, war ein Treffen über die Situation auf dem Öl- und Gasmarkt am 9. März“, berichtete das russische Investigativmedium und thematisierte in diesem Kontext die Spekulationen, die in Russland nach der Tötung Chameneis populär geworden sind.
„Es kursieren unbestätigte, aber hartnäckige Gerüchte, dass man im Kreml Angst bekommen habe, weil Ali Chamenei, der am 28. Februar ermordet wurde, von der CIA und dem Mossad mithilfe von Straßenüberwachungskameras (von denen es in Moskau sogar noch mehr gibt) aufgespürt worden sei“, schrieb auch der russische Oppositionspolitiker Dmitri Gudkow in seinem Telegram-Kanal.
Skurrile Gerüchte: „Biochemisches Material“ in der Bettwäsche
Mitunter kursieren in Russland derzeit auch skurril anmutende Gerüchte. So berichtete ein populärer Telegram-Kanal etwa mit Bezug auf eine Quelle beim russischen Sicherheitsdienst, dass Putin einer „internen Bedrohung“ ausgesetzt sei, und beschrieb angebliche Pläne, „biochemisches Material“ in der Bettwäsche des Kremlchefs zu platzieren, wie das US-Magazin „Newsweek“ kürzlich berichtete.
Während derartige unbestätigte Spekulationen durch die andauernden Internetsperren weiterhin neue Nahrung in Russland bekommen, vermuten auch Russland-Kenner wie der Kremlkritiker Bill Browder vordergründig Putins Angst vor einem Attentat hinter den Maßnahmen.
Kremlkritiker: „Putin ist ein ängstlicher Feigling“
„Putin ist ein ängstlicher Feigling“, erklärte Browder nun im Gespräch mit dem britischen „Times Radio“. Der nunmehrige Kremlkritiker war einst der größte ausländische Investor in Russland, wandelte sich dann jedoch zu einem der schärfsten Gegner Putins.
Der Kremlchef habe beschlossen, das Internet in Moskau abzuschalten, „weil er glaubt, Chamenei sei so aufgespürt, ins Visier genommen und getötet worden“, führte Browder aus. „Er befürchtet, die Ukrainer oder andere könnten es nutzen, um ihn zu finden und zu töten.“ Den Regierungssitz in Moskau besuche der russische Machthaber deshalb nur noch selten, berichtete auch der Kremlkritiker.

