In Sachen LiebeWeihnachten in der Patchwork-Familie ohne Streit – geht das überhaupt?

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Finger mit Weihnachtsmannmützen und aufgemalten Gesichtern als streitendes Paar mit weinendem Kind.

Die Erwartungen an Weihnachten sind hoch, Konflikte programmiert, nicht nur bei Patchworkfamilien.

Das Weihnachtsfest wird gerade in Patchworkfamilien oft zu einer Zerreißprobe. Sinnvoll ist es deshalb, schon im Vorfeld die Bedürfnisse aller Beteiligten zu erfragen, rät Psychotherapeut Daniel Wagner.

Weihnachten ist für unsere Familie jedes Jahr eine Zerreißprobe. Mein Mann und ich haben jeweils bereits volljährige Kinder aus vorherigen Ehen. Ich komme mit seinen beiden Söhnen ganz gut zurecht, er aber gar nicht mit meinen drei Töchtern. Zudem gehen unsere Vorstellungen auseinander, wie wir das Fest, das bei uns stattfindet, gestalten. Sollen wir alle zusammen feiern, oder entzerren wir das und feiern mit den jeweiligen Kindern separat? Zudem wäre ich für Hinweise dankbar, wie wir weniger aneinandergeraten. (Barbara, 68)

Familienstreitigkeiten unterm Weihnachtsbaum sind ein Klassiker und werden vielen Menschen bekannt sein. Häufig haben wir hohe und mitunter unrealistische Erwartungen an diese Tage. Da kommen auf einmal Menschen eng zusammen, die sonst womöglich das ganze Jahr über kaum miteinander zu tun haben. Und dennoch besteht häufig auch in dieser Konstellation der Anspruch an eine ganz friedliche und besinnliche Atmosphäre.

Häufig sind wir dann so unter Stress, dass wir eher in einem Kampf- oder Fluchtmodus in die Feiertage gehen.

In der Realität zeigt sich aber eine ganze Reihe potenziell stressauslösender Faktoren rund um das Fest. Das geht schon in der Vorbereitung los: Haben wir für alle Geschenke? Und am besten noch solche, über die sich die Beschenkten freuen. Welches Essen gibt es, und wie viel Zeit und Energie stecken wir in Einkauf und Zubereitung? Welchen Ritualen und Traditionen möchten wir nachgehen, und worauf können wir uns einigen? Besorgen wir einen Baum? Gehen wir in die Kirche?

Häufig sind wir dann so unter Stress, dass wir eher in einem Kampf- oder Fluchtmodus in die Feiertage gehen, statt in besinnlicher Stimmung. Nicht selten, so wie auch in Ihrem Fall, gibt es dann noch Differenzen zwischen einzelnen Familienmitgliedern. Vielleicht ist es daher für Ihre Familie sinnvoll, sich mit allen Beteiligten abzustimmen und zu planen, noch bevor Sie mittendrin sind. So ist es einfacher, Probleme niedrigschwellig anzusprechen und nicht erst, wenn die Dinge schon eskaliert sind.

So kommen Sie im Idealfall weg von Angriffen und Vorwürfen, können Wünsche benennen und Kompromisse gestalten. Was letztlich stimmig für Sie sein wird, ist hochindividuell. Trauen Sie sich aber ruhig, Konventionen in Frage zu stellen und eingefahrene Muster aufzubrechen.

Wenn sich alle gemeinsam einsetzen, entsteht womöglich eine größere Verbundenheit und ein Gemeinschaftssinn

Versuchen Sie zu identifizieren, für wen eigentlich was anstrengend ist – und was schön. Bedenken Sie, dass es nicht nur für Sie als Eltern eine Herausforderung ist, sondern auch für Ihre Kinder. Diese möchten vielleicht auch den jeweils anderen Elternteil besuchen und dann womöglich noch die Eltern ihrer eigenen Partner. Besprechen Sie offen, ob denn überhaupt alle zusammen feiern müssen, oder ob es nicht auch eine Option sein kann, Besuche kurz zu halten oder gleich ins neue Jahr zu verlegen.

Vielleicht verbringen Sie auch einzelne Teile im Ablauf des Fests, wie beispielsweise das Geschenke auspacken, separat voneinander und andere dann wieder mit allen zusammen. Versuchen Sie auch schon die Vorbereitungen zu entzerren, indem Sie Aufgaben verteilen, so dass sich alle beteiligen und nicht alles an einzelnen Familienmitgliedern hängen bleibt. Wenn sich alle gemeinsam einsetzen, entsteht womöglich eine größere Verbundenheit und ein Gemeinschaftssinn.

Denken Sie auch immer wieder an Verschnaufpausen, und überlegen Sie, was Ihnen guttut. Machen Sie beispielsweise zwischendurch einen Spaziergang oder einen Mittagsschlaf. Und wenn all das nicht hilft, stellen Sie sich fürs nächste Jahr die Frage, ob denn überhaupt etwas veranstaltet werden muss. Vielleicht ist es ja sogar das Allerbeste für Sie, die Tage in stiller, besinnlicher Zurückgezogenheit zu verbringen. 

Unser Team von Expertinnen und Experten beantwortet Ihre Fragen. Die Psychotherapeuten Désirée Beumers, Carolina Gerstenberg und Daniel Wagner sowie die Diplom-Psychologinnen Elisabeth Raffauf und Katharina Grünewald sind versiert in der Beratung rund um Liebe, Beziehung und Partnerschaft. Der Urologe Volker Wittkamp kennt sich mit allem aus, was Liebe mit unserem Körper macht – und umgekehrt. Schreiben Sie uns, was Sie in der Liebe bewegt! Ihre Zuschriften werden anonymisiert weitergegeben. Schicken Sie Ihre Frage an: in-sachen-liebe@dumont.de

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