Die Zahl der Grippeinfizierten steigt stark. Auch der Impfstoff geht zur Neige. Und selbst Blutspenden werden wegen der Krankheitswelle knapp.
Grippewelle in NRWInfluenzazahlen haben sich in Köln binnen einer Woche mehr als vervierfacht

Viele Menschen streckt gerade die Grippe nieder. Hausärzte sprechen von vielen schweren Fällen, die zwei Wochen andauern. (Symbolbild)
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Die Grippewelle hat Nordrhein-Westfalen und Köln im Griff. Das Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz NRW zählte in der vergangenen Woche 3122 bestätigte Influenza-Fälle und damit mehr als viermal so viel wie in der Woche zuvor. Auch in Köln hat sich die Zahl binnen einer Woche auf 172 Meldungen mehr als vervierfacht.
Die Vier-Wochen-Inzidenz gerechnet auf 100.000 Einwohner liegt mit 91,58 NRW-weit in Duisburg am höchsten. In Köln rangiert der Wert mit 31,52 etwas unter dem Landesdurchschnitt (34,89). In der Region am stärksten betroffen ist Bonn mit 58,76, am seltensten erkrankt sind die Menschen den Zahlen zufolge im Kreis Euskirchen mit einer Inzidenz von 17,27.

Dr. Mirjam Antz ist Fachärztin für Innere Medizin und Palliativmedizin und arbeitet in der Hausarztpraxis Dres. Antz und Team. Sie sagt: „Die Menschen sind schwerer betroffen als noch vor ein paar Wochen. Viele sind wirklich zwei Wochen krank – mit hohem Fieber und Gliederschmerzen.“
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Die Krankheitswelle macht sich auch in den Hausarztpraxen der Region bemerkbar. Die Kölner Internistin Dr. Mirjam Antz berichtet von einem Patientenansturm, vor allem vergangenen Montag. Man habe mehr als 50 Menschen in der Infektionssprechstunde behandelt, das seien zehnmal so viele wie an einem Sommertag. „Die Menschen sind auch schwerer betroffen als noch vor ein paar Wochen. Viele sind wirklich zwei Wochen krank – mit hohem Fieber und Gliederschmerzen“, sagt Antz im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
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Betroffen seien derzeit vor allem Kinder, Jugendliche und berufstätige Erwachsene, nicht selten müssten sie zwei Wochen krankgeschrieben werden. „Die Senioren trifft es meist erst zum Ende der Grippesaison“, so die Ärztin. Gesellten sich noch Luftnot oder Kreislaufbeschwerden hinzu, muss die Hausärztin auch vermehrt ins Krankenhaus einweisen.
Hausärzte rechnen mit deutlichem Anstieg bis Ende Februar
„Die Wartezimmer sind voll“, schreibt auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Nordrhein auf Anfrage. Die Lage unterscheide sich aber nicht maßgeblich von anderen Jahren Mitte Januar. Da nun die Karnevalssaison Fahrt aufnimmt, rechnet man damit, dass die Atemwegserkrankungen „gerade bei den Jugendlichen und (jungen) Erwachsenen bis Ende Februar deutlich ansteigen“.
Wer jetzt noch über eine Impfung nachdenkt, sollte nicht mehr lange zögern. Schließlich benötigt der Impfstoff etwa 14 Tage, um seine maximale Schutzwirkung zu erreichen, und schützt dann gerade noch rechtzeitig vor einer Ansteckung rund um den Straßenkarneval. Wichtig zu wissen: Auch wer nicht feiert, ist betroffen. „Schließlich stecken sich Großeltern häufig bei den Kindern oder Enkeln an“, sagt der Kölner Apotheker Thomas Preis, Vorstand des Apothekerverbands Nordrhein, auf Anfrage.

Thomas Preis, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände und des Kölner Apothekerverbands, rät Über-60-Jährigen auch jetzt noch zur Grippeimpfung – selbst wenn sie keine Karnevalsfeierlichkeiten planten. „Schließlich stecken sich Großeltern häufig bei den Kindern oder Enkeln an.“
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Außerdem werde der Impfstoff knapp. Viele Praxen – darunter auch die von Antz – haben ihre Vorräte zum Teil schon aufgebraucht. Die Versorgung ist laut Preis dennoch gesichert. Da das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel Mitte dieser Woche einen Versorgungsengpass ausgerufen habe, dürfe der Impfstoff für Über-60-Jährige bis Ende April nun auch aus dem Ausland importiert werden. In vielen Kölner Apotheken liegen deshalb derzeit Verpackungen mit italienischer Aufschrift, aber unverändertem Inhalt. Viele Apotheken in Köln impften ihre erwachsenen Kunden direkt, erlaubt ist ihnen das seit der Pandemie.
Insgesamt sei die Zahl derer, die eine Schutzimpfung gegen Influenza in Anspruch nähmen, „erschreckend gering“, laut Preis. Gerade nach der Corona-Pandemie habe sich eine Impfmüdigkeit breitgemacht. In NRW lag die Impfquote in der vergangenen Saison laut Robert Koch-Institut (RKI) bei knapp 34 Prozent berechnet auf die Risikogruppe ab 60 Jahren, für die eine Impfung empfohlen wird. „Um einen guten Schutz möglichst vieler zu erreichen, müsste die Quote laut Weltgesundheitsorganisation mindestens doppelt so hoch sein“, sagt Preis.
Eine hohe Impfquote strebt man vor allem deshalb an, um eine schwere Epidemie zu vermeiden, die weitere Probleme nach sich zieht – zum Beispiel die Knappheit von Plätzen auf der Intensivstation. An der Uniklinik Köln registriert man nach Auskunft von Professor Dr. Jan Rybniker, Leiter Klinische Infektiologie, hohe Infektionszahlen „auch mit schweren Verläufen und Behandlungen auf der Intensivstation“. Auch bei den Kindern verzeichnet die Uniklinik laut Professor Dr. Jörg Dötsch, Direktor Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, einen starken Anstieg an echten Grippefällen. „Die Kinderklinik ist wie die meisten anderen Kliniken in der Umgebung gut belegt. Es gelingt aber, teilweise in Absprache mit den kooperierenden Kliniken immer, alle Kinder, die einer stationären Versorgung bedürfen, angemessen zu behandeln“, so Dötsch auf Anfrage des „Stadt-Anzeiger“.
Laut Deutschem Intensivregister Divi sind in NRW derzeit 2521 von 2851 Intensivbetten belegt, das entspricht einer Auslastung von knapp 90 Prozent. Pro Standort sind damit im Schnitt zwei Plätze frei. Erfreulich aus Sicht der Uniklinik Köln: „Bei RSV sehen wir in dieser Saison noch sehr wenig Aktivität - im Gegensatz zu den beiden vorherigen Wintern. Das ist wahrscheinlich ein Erfolg der passiven Immunisierung bei Kindern. Bezogen auf Corona sehen wir aktuell ebenfalls wenige Infektionen“, so Rybniker.
Auch beim Deutschen Roten Kreuz sind die Sorgen, die die Grippewelle mit sich bringt, groß. Erkrankte Menschen fallen auch als Blutspender aus, darüber hinaus trage auch die Wetterlage zu einem geringeren Spendenaufkommen bei, berichtet ein Sprecher des DRK-Blutspendedienst West auf Anfrage. Das Spendenaufkommen sei „unter das notwendige Niveau gesunken“, die „Vorräte an Blutpräparaten sind angespannt“.
Täglich benötige man allein im Versorgungsgebiet West mehrere Tausend Blutspenden, um Kliniken zuverlässig beliefern zu können. Da Blutpräparate nur begrenzt haltbar seien, könne man in guten Zeiten nicht auf Vorrat lagern. „Mit Blick auf die anstehenden Karnevalstage sehen wir die Lage mit Sorge“, so der Sprecher. Erfahrungsgemäß sinke die Spendenbereitschaft in dieser Zeit weiter, „während der Bedarf in den Kliniken unverändert hoch bleibt oder durch unfallbedingte Notfälle oder verstärkte Influenza-Zahlen sogar steigen kann“. Auch an der Uniklinik Köln bemerkt man nach Aussage eines Kliniksprechers die Engpässe bei Blutprodukten. Bislang könnten aber alle Patientinnen und Patienten versorgt werden.

