Wenn Kinder viel zu früh auf die Welt kommen, müssen sie viel aufholen. Musiktherapie kann ihnen dabei helfen. Ein Besuch bei Shay und Logan.
NeonatologieWie Frühchen an der Uniklinik Köln mit Musik gefördert werden

Die Musiktherapeutin Anna Fischer betreut die Zwillinge Shay und Logan nach deren Frühgeburt in der Frauenklinik der Universitätsklinik Köln.
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Hinter den zarten Augenlidern zuckt es, die rosafarbenen Lippen verziehen sich zeitweise zu einem feinen Lächeln. Falls Shay oder Logan von etwas träumen, dann könnte es ein sanft fließender Waldbach sein, der über flache Kieselsteine plätschert. Zumindest hören sich die Töne so an, als würden sie ein solch entspannendes Naturereignis untermalen. Sogar das gelegentliche Piepsen des Überwachungsmonitors stört das Idyll nur unmerklich.
Anna Fischer hat das Monochord auf das winzige Doppelbettchen gelegt und streicht mit den Fingern an den Saiten entlang. Das Instrument wird oft in Therapieprozesse einbezogen, weil der warme, tiefe Klang als angenehm und beruhigend empfunden wird. Manchmal summt Fischer zu ihrem sanften Spiel oder legt einem der beiden Zwillingskindern die Hand auf den kleinen Körper. Die beiden Geschwister kamen am 11. März zur Welt, dabei sollten es eigentlich Hochsommerkinder werden. Sie wogen mit 330 und 390 Gramm nicht sehr viel mehr als zwei kleine Papayas und hätten auf ein DIN-A4-Schulblockblatt gepasst. Verglichen mit der nahezu durchsichtigen Zartheit von damals kann man heute schon von Brocken sprechen: In der Uniklinik Köln wurden die Geschwister auf zwei und drei Kilogramm aufgepäppelt.
Intelligenzquotient leidet unter Frühgeburt
Rund jedes elfte Kind in Deutschland kommt als Frühchen zur Welt, also vor der 37. Schwangerschaftswoche. Manche Kinder bleiben wie Shay und Logan nur gut die Hälfte der von der Natur vorgesehenen Zeit im Mutterleib. Dass sie überleben, galt bis vor wenigen Jahren noch als medizinisches Wunder. Noch in den 1960er Jahren starben neun von zehn derjenigen, die bei der Geburt weniger als 1500 Gramm auf die Waage brachten. Heute retten Mediziner acht von zehn Frühchen das Leben. Eine neue Langzeitstudie der britischen Universität Warwick mit Teilnehmern aus Bayern prognostiziert vielen von ihnen die Chance auf ein glückliches, gesundes und erfülltes Leben als Erwachsene. Jedes fünfte Frühgeborene allerdings hat als Erwachsener Probleme, etwa beim Umgang mit Geld, beim Führen von Freundschaften oder in der Liebe. Medizinisch betrachtet spielt dabei auch der Intelligenzquotient eine Rolle. Wird ein Kind vor der 33. Schwangerschaftswoche geboren, fällt der IQ für jede Woche, die es früher geboren wird, um je 2,3 Punkte.
Was die Forschenden auch betonen: Frühgeborene könnten davon profitieren, würde man einen noch stärkeren Fokus auf die geistige Entwicklung im frühkindlichen Stadium legen. Und genau hier kommt die Musiktherapeutin Anna Fischer von der Uniklinik Köln ins Spiel. 27 Stunden in der Woche arbeitet sie, finanziert von Förder- und Spendengeld, zwischen Inkubatoren und Überwachungsmonitoren. Die Krankenkasse trägt die Kosten nicht, da es sich um keine klassische medizinische Therapie handelt. Dabei sind die Ziele hochgesteckt und in Teilen auch von zahlreichen Studien bestätigt: Musiktherapie ist geeignet, um die Herz- und Atemfrequenz zu stabilisieren, die Wahrnehmung und Entwicklung zu fördern, das Kind und die Eltern zu beruhigen und die Bindung zu stärken.
„Durch die individuelle musikalische Begleitung wird das vegetative Nervensystem des Kindes reguliert“, sagt Fischer. In gewisser Weise versuche sie, die Geräuschkulisse im Mutterleib nachzubauen. „Hohe Frequenzen und plötzliche Töne werden da herausgefiltert. Das Kind entwickelt sich also natürlicher, wenn wir es mit tiefen, sanften Tönen versorgen“, sagt Fischer. Glissando als Medizin.

Anna Fischer arbeitet vor allem mit dem Monochord am Säuglingsbettchen.
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Auch Pascal Schäfer, der Vater der Zwillinge, genießt die Minuten, in welchen Fischer mit seinen Kindern arbeitet. „Die entspannen sich dabei, das merkt man schon daran, dass sie anschließend oft pupsen“, sagt er und lacht. Auch er selbst käme bei den Klängen ein bisschen runter. Obwohl er grundsätzlich Heavy Metal bevorzuge. Und auch bei seinen Kindern hält er eine Weiterentwicklung des Musikgeschmackes durchaus noch für möglich. „Als meine Frau noch schwanger war und wir Metal im Auto gehört haben, waren die beiden immer ganz ruhig“, sagt Schäfer.

Musiktherapeutin Anna Fischer: „Wir achten immer auf den Aktivitätszustand des Kindes. Wie empfänglich ist es gerade? Was tut ihm gut?“
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Für Professorin Dr. Angela Kribs, Oberärztin der Neonatologie an der Uniklinik Köln, gleicht die Musiktherapie zunächst einmal die Nachteile aus, denen Frühchen in der Neonatologie ausgesetzt sind. „Die Sinneskanäle sind offen, sie empfangen hier viel, das für ihre Entwicklung nicht förderlich ist: das Gepiepse der Monitore, das Krachen des zuschlagenden Mülldeckels. Durch die Musiktherapie gelingt es uns, diesen Stress wieder herunterzuregulieren. Und zwar nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Eltern“, sagt Kribs.
Die Eltern zu erreichen, sei kein angenehmes Nebenprodukt, sondern zentraler Therapiebestandteil. „Stress blockiert die Kontaktaufnahme zwischen Eltern und Kind. Und ein gesunder Kontakt ist die Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung des Kindes.“ Wichtig sei auch die Individualität des Angebots, das Wohlergehen des Kindes behalte man jederzeit im Blick. Früher habe man mit beruhigender Hintergrundmusik für alle operiert, davon sei man aber abgerückt. „Wir achten immer auf den Aktivitätszustand des Kindes. Wie empfänglich ist es gerade? Was tut ihm gut?“, erklärt Fischer.
Wenn Fischer nicht in der Uniklinik am Inkubator steht und im Wiegenliedstil für Kind und Eltern summt, dann arbeitet sie im Sozialpsychiatrischen Zentrum in Köln, wo auch viele ehemalige Frühchen angebunden sind. In der Uniklinik gleich nach der Geburt einzusteigen, fühlt sich für sie stimmig an. Aber Fischer würde sich zeitlich gerne noch weiter an den Anfang heranrobben. „Auch in der Schwangerschaft kann Musiktherapie schon förderlich für Geburtsverlauf und Entwicklung sein.“
Logan ist nach dem kleinen Privatkonzert von Fischer in einen tiefen Schlaf gefallen, Shay dagegen scheinen die Töne eher aktiviert zu haben. Sie strampelt und wedelt mit den Armen, auch die Augen hat sie geöffnet. „Wahrscheinlich hat sie schon wieder Hunger“, sagt ihr Vater und freut sich. Schließlich gilt es noch ein paar hundert Gramm aufzuholen, die ihr Bruder ihr schon voraus ist. Wenn alles gut geht, dürfen die beiden in einer Woche nach Hause, wo auch ein Hund und eine Katze auf den Zuwachs warten. Schäfer sagt: „Dann ist die ganze Familie zusammen. Wir werden einfach entspannen, in Ruhe ankommen. Da warten wir schon so lange drauf.“
Die Musiktherapie für Frühchen an der Uniklinik Köln wird von Förder- und Spendengeld finanziert. Wer sie unterstützen will, der kann das mit einer Spende an die Uniklinik tun. Verwendungszweck: PSP 8001-9371-0012-01 Musiktherapie
