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Kölner Start-upDiese Technologie soll verdorbene Lebensmittel entlarven

6 min
Patrick Peter steht vor einer Leinwand während eines Pitches.

Patrick Peter hat das Kölner Start-up FreshX Technology gegründet.

Das Start-up FreshX Technology hat ein Gerät entwickelt, das misst, ob ein Lebensmittel frisch oder schlecht ist – ein Kölner Beispiel dafür, wie aus Visionen von Studenten marktfähige Produkte entstehen

Sommerliches Abendbrot im Garten. Ein paar grünliche Fliegen surren über dem frischen Aufschnitt, das Gehackte hat es ihnen besonders angetan. Für die einen taugt, was nicht aufgegessen wird, trotzdem noch fürs Frühstück am nächsten Tag. Und sie beißen am Morgen danach genüsslich in ihr Mettbrötchen. Anderen dreht sich beim Gedanken an das Hackfleisch von gestern der Magen um. Einer der häufigsten Sätze, der in diesem Sommer vor geöffneten Kühlschranktüren zu hören ist, dürfte zweifellos lauten: „Ist das wirklich noch gut?“

Mit der Antwort auf die Frage wollen Patrick Peter und Torben Rieger Geld verdienen. Sie haben ein Gerät gebaut, das die Frische von Fleisch und Fisch in wenigen Sekunden bestimmen soll. Die Idee, erzählt Peter, damals Physikstudent an der Universität Köln, sei ihm beim Kochen gekommen: „Ich musste zweimal hintereinander Hähnchen wegschmeißen, obwohl es laut Etikett noch gut war. Doch es sah ganz anders aus und roch auch so.“

Uni unterstützt Gründer „von der Idee bis zum Start-up“

Aber wie misst man Gammelfleisch? Ein Messinstrument für den Alltag, etwa zur Bestimmung von Fäulnisgasen, habe es auf dem Markt so nicht gegeben, erzählt Peter. Also begann er, zu tüfteln, zu experimentieren, er entwarf einen ersten Prototypen und holte den Mikrobiologen Torben Rieger mit an Bord. Inzwischen haben sie ein Patent auf die Sensortechnologie angemeldet. Aus der Hühnchenpleite ist das Start-up FreshX Technology entstanden.

Viele Start-ups scheitern beim Weg von der ersten Idee bis zur Gründung eines Unternehmens. Bei FreshX war das anders. Denn die Gründer hatten eine Art Paten, das Gateway Exzellenz Start-up Center (ESC). Das ist eine Einheit der Universität zu Köln und weiterer Hochschulen, die frühphasige Innovationsprojekte und damit Studierende, aber auch Wissenschaftler ausfindig macht und während der Gründung unterstützt.

Einer, der im Zweifel über Sinn und Unsinn von Geschäftsideen entscheidet, ist Marc Kley. Er ist geschäftsführender Direktor des ESC und betont die Bedeutung des Programms: Es gehe um den Transfer von Forschung und Studieninhalten in die reale Welt. „Es können hier nicht alle Professor oder Professorin werden. Und nicht alle wollen in die Industrie gehen. Ein Start-up zu gründen, ist eine Option, um sich selbstständig zu machen.“

Marc Kley ist Direktor des Gateway Exzellenz Start-up Centers Köln. In seinem Job geht es auch ums Netzwerken – wie hier während des Kölner Branchentreffs im Stadtgarten.

Marc Kley ist Direktor des Gateway Exzellenz Start-up Centers Köln. In seinem Job geht es auch ums Netzwerken – wie hier während des Kölner Branchentreffs im Stadtgarten.

Neben FreshX Technology sind mehr als 200 weitere Jungunternehmen aus dem ESC seit der Gründung 2019 hervorgegangen. Ein Aushängeschild ist das Unternehmen Vytal, ein Anbieter von Mehrwegbehältern als ökologische Alternative für Mitnahmespeisen. Als aufstrebend gilt auch das Biotech-Start-up Detchgene, das einen „PCR-Test to go“ für unterschiedliche Krankheitserreger erfunden hat.

Doch auch deutlich weniger disruptive Ideen haben Kley und sein Team begleitet: Gin auf Algenbasis, Kokoswasser mit Ballaststoffen, Kuchen aus Gemüseteig, um nur einige Beispiele aus dem Bereich der Lebensmittelbranche zu nennen. Die Kriterien für die Förderfähigkeit scheinen recht weit gefasst.

„Innovativ meint, dass die Gründerinnen und Gründer eine neuartige Problemlösung oder eine neuartige Anwendung schaffen“, sagt Marc Kley. Etwas Neues zu erfinden reiche aber nicht aus. Die Erfindung sollte Nutzen – neudeutsch: „Impact“ – liefern. Heißt: „In Gesellschaft oder Wirtschaft hineinwirken, ein Problem lösen“, erklärt der Kölner. Denn nicht jedes Produkt oder jede Dienstleistung ist gleichbedeutend mit Fortschritt.

Start-ups bringen das Neue in die Welt. Große, etablierte Unternehmen und Organisationen tun sich schwer mit der Umsetzung von neuen Ideen
Marc Kley, Geschäftsführender Direktor des Gateway Exzellenz Start-up Center Köln

Die Idee von FreshX Technology aber erfülle die Kriterien. Die Technik haben Peter und Rieger in ein tragbares Gerät in Smartphonegröße eingebaut. Beim Auflegen erfasst es die Veränderungen, die beim Verderb tierischer Lebensmittel entstehen. „Die Signale werden mit einer internen Referenzdatenbasis abgeglichen und in eine verständliche Einschätzung übersetzt“, erklärt Peter. „In unter 20 Sekunden erhält der Verbraucher eine Rückmeldung, ob das Lebensmittel noch genießbar ist und, falls ja, wie lange es noch im Kühlschrank aufbewahrt werden kann.“

Es soll helfen, so Peter, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, Unsicherheiten zu verringern und die Gesundheit zu schützen – Stichwort „Impact“. Interessant sei das besonders für Schwangere, Menschen mit Autoimmunerkrankungen oder Personen mit eingeschränktem Geruchssinn, also diejenigen, für die verdorbene Lebensmittel ein erhöhtes Risiko darstellen.  Den Markteintritt plant FreshX Technology für Anfang 2027, einige Zertifizierungsschleifen stünden noch aus. 80 bis 90 Euro soll das Gerät dann kosten.

Technologie trifft Zeitgeist und politische Debatte

Und noch ein weiteres Projekt verfolgen die Gründer. Neben dem Gerät für private Endverbraucher arbeiten sie auch an einer Lösung für Unternehmen: Gastronomie, Lebensmittelproduktion, Handel. Die Variante soll da greifen, wo Lebensmittelskandale entstehen. Ein Beispiel ist der laufende Wilke-Wurst-Prozess. Das nordhessische Unternehmen soll bis 2019 mit Listerien verseuchte Ware in den Handel gebracht und so den Tod von elf Menschen mitverursacht haben.  Auch die aktuellen politischen Entwicklungen dürften die Motivation der Kölner Gründer und den Sinn ihres Unterfangens verstärken.

Denn um Bürokratie abzubauen, plant die Bundesregierung die Abschaffung einer Meldepflicht für Prüflabore. Das könnte die Skepsis von Verbrauchern gegenüber vermeintlich frischen Produkten befeuern. „Wenn unabhängige Kontrollwege geschwächt werden, wird es umso wichtiger, dass Menschen die Qualität ihrer Lebensmittel auch im eigenen Haushalt besser einschätzen können“, so Peter. Die FreshX-Technologie scheint den Zeitgeist zu treffen.

Keine Garantie auf Erfolg

Ob das Produkt wirklich den Markt verändern wird, weiß heute niemand.„Prognosen zu den Erfolgschancen einer Idee geben wir nicht ab. Das ist schwer einzuschätzen, selbst mit viel Marktexpertise“, sagt Marc Kley. Die Aufgabe des Gateway Exzellenz Start-up Centers bestehe darin, die Erfolgschancen der Gründer zu steigern. „Wir bringen ihnen bei, ihre Ideen selbst im Kontakt mit Anwendern zu validieren und gegebenenfalls anzupassen. Die Idee ist die eine Sache, entscheidend ist die Ausführung.“

Hackfleisch aus dem Supermarkt in einer Plastikverpackung steht in einem Kühlschrank.

Noch genießbar oder schon verdorben? Das Start-up FreshX hat ein Gerät entwickelt, das bei der Beurteilung helfen soll.

Denn nicht jeder Wissenschaftler oder Student mit einer klugen Idee ist automatisch der geborene Unternehmer. Patrick Peter allerdings scheint das Gen in sich zu tragen. FreshX Technology ist nicht sein erstes Unternehmen. Er hat auch Titan Grip hochgezogen: einen Onlineshop, der Equipment für Griffkraftsport und Armwrestling vertreibt. Was skurril klingt, sichert sein jüngstes Projekt derzeit finanziell ab. FreshX Technology kommt bislang ohne Investoren aus. Zusätzlich werden Peter und Rieger durch das Gründerstipendium mit einem monatlichen Zuschuss vom Land gefördert.

Vom Kölner Start-up Center gibt es derweil keine Geldleistungen. Die Uni aber stellt Gründern einen Arbeitsplatz im Innodom zur Verfügung, hilft beim Bürokratie-Wust. Die Teilnehmer erhalten Coachings, etwa zum Thema Patentrecht oder unternehmerischen Fragen, und profitieren vom Netzwerk.

Start-up-Ökosystem nimmt an Fahrt auf – Standort NRW hängt hinterher

Nun ist es aber kein Geheimnis, dass nicht alle Gründer den großen Durchbruch erzielen. Laut Institut für Mittelstandsforschung in Bonn ist die Rede davon, dass bis zu 90 Prozent der Start-ups in kürzester Zeit wieder vom Markt verschwinden. Marc Kley sagt: „Diese Zahl wird immer wieder genannt – es gibt aber keine Studie, die eine solche Rate belegt. Von unseren Teams wissen wir, dass die große Mehrheit nach drei Jahren noch am Markt ist.“ Die Rechnung sei aufs Investoren-Jargon zurückzuführen: „Die sprechen davon, dass nur eines von zehn Start-ups das gewünschte Wachstum zeigt und ein Vielfaches des investierten Geldes wieder in die Kassen zurückspült“, vermutet er. „Deshalb sind aber die anderen neun Teams nicht gescheitert.“

Sondern? Was haben die Uni, und das Land davon, Start-ups zu fördern, wenn nicht jedes die Welt zu einer besseren macht? Kley ist der Meinung, dass jede Innovation den Markt bereichert. „Start-ups bringen das Neue in die Welt. Große Unternehmen und Organisationen tun sich schwer mit der Umsetzung von neuen Ideen.“ Also müssen es die Kleinen wuppen.

Jetzt fehlt dem Standort nur noch eines: ein neues Einhorn – ein Jungunternehmen mit einem Marktwert von mindestens einer Milliarde Euro.Zwar nimmt das Ökosystem derzeit an Fahrt auf. Mit 38 dieser Unicorns gilt Deutschland als führende Start-up-Nation in der EU. Allein im Vergleich zum Vorjahr sind zwölf neue Einhörner hinzugekommen. Trotz Förderbemühungen in Einrichtungen wie dem Kölner ESC sucht man im Ranking der Top-Unternehmen aber lange nach NRW.