Sieben Geburten in einer Schicht, kaum Zeit zum Atmen, aber alle fünf Minuten Dokumentation: Der neue Hebammenhilfevertrag bringt Beleghebammen an ihre Grenzen. Betroffene erzählen.
Neuer HebammenhilfevertragWarum manche Hebammen gehen und andere bleiben

Hebamme Luisa Tomadini hat sich eine Besserung ihrer Arbeitsbedingungen vom neuen Hebammenhilfevertrag gewünscht. Eingetreten ist das Gegenteil.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Um sechs Uhr morgens beginnt die Schicht von Luisa Tomadini. Die Übergabe ihrer Kollegin im Kreißsaal des Vinzenz-Pallotti-Hospitals in Bensberg verläuft hektisch. Hier und nebenan warten Frauen auf ihre Betreuung; eine Studentin, die Tomadini ausbildet, auch, aber Papiere sind noch auszufüllen, dann schnell weiter. Die erste Geburt dauert viel länger als erwartet, es kommt zu Komplikationen. Bei einer anderen Frau steht ein Kaiserschnitt an, bei einer weiteren sieht sie schon, dass sich die Geburt schlecht entwickelt.
Tomadini und ihre Kolleginnen begegnen sich im Flur und sprechen sich immer wieder ab, wer gerade wo ist. Und sie denken an die neue Pflicht: alle fünf Minuten dokumentieren, welche Frau sie betreuen, damit sie sie abrechnen können. Die Zeit dafür fehlt. Um 14.30 Uhr endet Tomadinis Dienst, um 16 Uhr verlässt sie die Klinik. Eine Dreiviertelstunde, sagt sie, habe sie mit der Abrechnungsdokumentation nach Schichtende verbracht. Sieben Kinder kommen an diesem Tag auf der Station während der Schicht zur Welt. Schon allein das ist anstrengend, was sie aber noch mehr schlaucht, sei die Bürokratie, sagt Tomadini. Die aufwendige Selbstverwaltung hat seit dem 1. November 2025 einen neuen Höhepunkt erreicht. Da trat der neue Hebammenhilfevertrag in Kraft.

Ungefähr 1600 Geburten finden in der Klinik in Bensberg im Jahr statt.
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Die Neuregelung sollte den Beleghebammen zugutekommen. Schon nach kurzer Zeit, scheint sich zu offenbaren, dass dieses Ziel misslang. Eine bittere Bilanz nach vier zähen Verhandlungsjahren. Sie endeten mit einem Schiedsspruch, weil sich der Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) und die Berufsverbände der Hebammen nicht einigen konnten. Der größte von ihnen, der Deutsche Hebammenverband (DHV), zog die Reißleine und rief die Schiedsstelle an.
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Die Berufsgruppe der Hebammen ist selbst dafür zuständig, mit dem Krankenkassenspitzenverband auszuhandeln, wie viel sie für ihre Leistungen erhalten. In Deutschland gibt es freiberufliche und angestellte Hebammen. Der Vertrag betrifft nur die Freiberuflerinnen, doch viele Angestellte kombinieren ihre Tätigkeit mit freiberuflicher Arbeit. Wie viele Hebammen in Deutschland aktiv sind, können die Verbände nur schätzen. Hebammen, die mit der gesetzlichen Krankenversicherung abrechnen, sind von dem neuen Hebammenhilfevertrag betroffen. Für das Jahr 2025 sind 18.687 Hebammen auf der Vertragspartnerliste gelistet.
Von dem neuen Hebammenhilfevertrag versprachen sich Luisa Tomadini und ihre Kolleginnen Entlastung und finanzielle Besserstellung. Sie arbeiten als sogenannte Beleghebammen im Team freiberuflich in der Klinik. In Deutschland werden etwa 20 Prozent aller Geburten in einem Belegsystem betreut, in NRW waren es laut Verband 2024 rund 26.000.
Luisa Tomadini erlebt fast jeden Tag das große Wunder: Ein bis zwei Kinder begleite sie im Schnitt am Tag auf ihrem Weg in die Welt. „Geburtshilfe ist nicht planbar“, sagt Tomadini. Manchmal kommen auch zehn Kinder, und manchmal keine. An Tagen ohne Geburten werden sie und ihre Kolleginnen nicht bezahlt.
Seit dem neuen Hebammenhilfevertrag fühlen sie sich finanziell deutlich schlechter gestellt. Besonders habe es Häuser mit Perinatalzentren getroffen, sagt Tomadini, weil dort viel mehr Frauen pro Tag kommen. In Bensberg gibt es wenig Pathologie und Geburten ab der 37. Woche, trotzdem hätten sie Einbußen im zweistelligen Bereich im Monat. Die gewünschten Eins-zu-eins-Betreuungen haben sie schon vorher oft erreicht.
Nicola Bauer, Leiterin des Instituts für Hebammenwissenschaft an der Universität zu Köln, benennt die beiden größten Probleme des neuen Regelwerks: die Abrechnungen von Beleghebammen und die zusätzliche Dokumentationsarbeit. Bauer sagt: „Eine Dienst-Beleghebamme erhält 80 Prozent des Stundensatzes, den eine Hebamme in der außerklinischen Betreuung erhält. Erfolgt eine durchgängige Eins-zu-eins-Betreuung, der Gebärenden erhält die Beleghebamme einen Zuschlag. Auch für die Betreuung der zweiten Gebärenden können 80 Prozent abgerechnet werden, für die dritte 30 Prozent des Stundensatzes. Erste vorsichtige Berechnungen zeigen, dass es bis zu 20 Prozent finanzielle Einbußen gibt.“
Die neue Regelung soll Beleghebammen dazu anhalten, nur eine Frau während der Geburt zu begleiten. Wer mehrere Geburten gleichzeitig betreut, verdient weniger, als zuvor. Die Begründung des GKV: besser sei die Eins-zu-eins-Betreuung, sie führe wissenschaftlich bewiesen zu weniger Kaiserschnitten und seltenerem Einsatz von Schmerzmitteln.

Vor der Umstellung auf das Belegsystem haben die Hebammen in Bensberg als Angestellte gearbeitet. Diese Umstellung habe eine große Entlastung für sie mitgebracht.
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Zudem fallen Pauschalbeträge weg. Stattdessen müssen Beleghebammen nun im Fünf-Minuten-Takt dokumentieren, was im Arbeitsalltag oft unrealistisch ist. Nach dem neuen Vertrag werden die ambulanten Wochenbettbesuche je fünf Minuten abgerechnet. Für fünf Minuten bekommen sie 6,19 Euro. Bisher gab es für einen Wochenbettbesuch, egal wie lange er dauerte, 38 Euro. Ein kürzerer Besuch, unter 35 Minuten, bringt nun weniger Geld. Bei längeren Besuchen, in den ersten zehn Tagen nach der Geburt bis zu 90 Minuten, ab dem 11. Tag bis zu 60 Minuten, mehr. Der DHV geht davon aus, dass – je nach Größe der Klinik – Belegteams mit einer Einbuße von 18 bis 20 Prozent ihres Einkommens rechnen müssen.
„Es fühlt sich an wie eine Scheidung in einer Ehe nach fast 20 Jahren“
Das Team von Simone Eisenbach hatte eigener Aussage zufolge schon im November 2025 Einbußen von 37 Prozent. Die Beleghebammen am Bethlehem Gesundheitszentrum in Stolberg gingen als erstes Team in NRW auf die Straße, um gegen den neuen Vertrag zu demonstrieren. Nach langen Gesprächen mit der Klinik blieb als Option nur die Kündigung zum 1. Januar 2026. Die Hälfte des Teams ging zurück ins Angestelltenverhältnis, die andere Hälfte verließ die Geburtshilfe. Auch Simone Eisenbach.
Mehr als 18 Jahre war sie Hebamme, ihr Beruf habe sie erfüllt, sagt sie: „Mein Beruf stand für mich eigentlich immer an erster Stelle, bis ich meine eigenen Kinder bekommen habe. Es ist ein besonders emotionaler Beruf, der mich unheimlich erfüllt hat. Es ist ein unbeschreiblicher Moment, dabei zu sein, wenn neues Leben geboren wird.“
Die Klinik in Stolberg bei Aachen hat 2022 auf das Belegsystem umgestellt. Davor arbeiteten dort 13 Hebammen bei 2200 Geburten im Jahr. „Wir standen kurz vor der Schließung des Kreißsaals“, sagt Eisenbach. Sie hatte damals, um für Entlastung zu sorgen, das Belegsystem nach Stolberg gebracht. Seither waren sie 28 Hebammen.
Aus Eisenbachs Sicht wirkt sich der neue Hebammenhilfevertrag verheerend aus. Wenn sie über ihre Entscheidung zu gehen spricht, spürt man den persönlichen Schmerz; aber auch die Frustration nach jahrelangem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen. „Es fühlt sich an wie eine Scheidung in einer Ehe nach fast 20 Jahren.“ Eisenbach arbeitet jetzt bei einer Abrechnungszentrale als Beraterin für Hebammen und Studentinnen. Ganz kann sie den Hebammenberuf also nicht hinter sich lassen. In ihren Facebookgruppen lese sie täglich von Hebammen, die aufhören. „Meine größte Sorge ist, dass gerade ein ganzer Berufsstand kaputtgeht.“
Ein Entgegenkommen: einzelfallgerechtes Abrechnungssystem
Aus Sicht der GKV stellt sich das alles anders dar. Für Eins-zu-eins-Betreuung gebe es nun die doppelte Vergütung. Die Gesamtvergütung für klinisch tätige Beleghebammen steige von 70 auf 80 Prozent der außerklinischen Sätze. Ein Umsatz von 8000 Euro bei einer 40-Stunden-Woche im Monat sei realistisch, teilt die GKV auf Anfrage mit.
Die Kassen rechnen mit Mehrausgaben von 100 Millionen Euro und sprechen von einer Stärkung der Geburtshilfe. Auch die Dokumentation sei insgesamt einfacher geworden, so ein GKV-Sprecher. Gebührenpositionen seien zusammengefasst worden, was den Dokumentationsaufwand senke. Die Hebammenseite habe eine einzelfallgerechte Abrechnung gefordert, was nun den Aufwand erhöhe. Das bedeute, jeder besondere Aspekt einer Geburt, etwa die Geburtsdauer, Wechsel der Beleghebamme, wechselweise Betreuung mehrerer Versicherter, sollte in der Abrechnung Berücksichtigung finden.
Die Kassenseite habe mehrere Vorschläge gemacht, die einfacher abzurechnen und zu dokumentieren gewesen wären. Die Hebammenverbände hätten sich diesen Vorschlägen jedoch nicht anschließen wollen. Daraufhin sei die Kassenseite den Hebammenverbänden mit einem einzelfallgerechten Abrechnungssystem entgegengekommen: „Wenn jeder individuelle Aspekt einer Geburtsbetreuung in der Vergütung berücksichtigt werden soll, muss er letztlich auch dokumentiert werden, damit er abgerechnet werden kann.“ Die GKV macht überdies einen Trend zur Festanstellung aus.
Wenig Zeit für eigentliche Aufgaben
Die Debatte um den neuen Vertrag wird teils hoch emotional geführt. Die oft zitierte Aussage, jede zweite Hebamme denke daran, den Beruf zu verlassen, findet Nicola Bauer von der Universität zu Köln in ihren Befragungen jedoch nicht bestätigt. Unzufriedenheit habe sie schon vor Einführung des Vertrags beobachtet. Bereits 2020 gaben angestellte Hebammen in Erhebungen an, rund 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für administrative Aufgaben zu benötigen. „Das bedeutet, dass sie keine Zeit haben, sich auf ihre eigentliche Arbeit zu konzentrieren.“

Luisa Tomadini und ihr Team bleiben als Beleghebammen in Bensberg: Luisa Tomadini (v.l.), Luisa Illmer, Anne Pefferkoven und Felicitas Brun.
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Bauer sieht auch, dass der Beruf nicht an Attraktivität verliere: „Wir sind ein kleiner Studiengang, 25 Studienplätze pro Jahr. Aber wir haben über 300 Bewerbungen letztes Jahr dafür gehabt.“ 47 Studienstandorte gibt es bundesweit. Das sind mehr Studienplätze, als es bis 2020 Ausbildungsplätze gab.
Luisa Tomadini bleibt. Auch in ihrem Team haben im vergangenen Jahr Kolleginnen aufgehört, oft habe die Perspektive auf den neuen Hebammenhilfevertrag den Ausschlag gegeben. Sie ist seit 28 Jahren Hebamme, seit 2020 arbeitet sie im Belegsystem, vorher war sie angestellt. Zurück in das System möchte sie auf keinen Fall, auch wegen der Dauerbelastung. Das Team will noch weiter beobachten, wie sich die Lage entwickelt. Tomadini sagt: „Zu sehen, wie eine Frau durch die Geburt wächst, das ist etwas ganz Besonderes.“

