Der Neurologe Dr. Christian Dohmen behandelt Schlaganfallpatienten am Gemeinschaftskrankenhaus Bonn. Ein Gespräch über die Macht der Prävention und warum wir bis 2040 in eine Versorgungskrise schlittern.
NeurologieBonner Professor: „90 Prozent der Schlaganfälle wären vermeidbar“

Lähmungen, Sprachstörungen oder Sehausfälle können Vorboten eines Schlaganfalls sein.
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Herr Professor Dohmen, Sie sind Chefarzt der Neurologie und sehen täglich, was ein Schlaganfall anrichtet. Können Sie das jemandem auf einer Party erklären — in einem Satz?
Christian Dohmen: Ein Blutgefäß verschließt sich, Nervenzellen bekommen keinen Sauerstoff mehr — und sterben binnen Minuten unwiederbringlich ab.
„Schlagartig" steckt im Namen. Kündigt sich ein Schlaganfall wirklich nie an?
Doch, manchmal— aber oft werden diese Vorboten nicht richtig gedeutet. Es gibt sogenannte TIAs, transitorische ischämische Attacken: plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen, Sehausfälle, die sich innerhalb einer Stunde von selbst zurückbilden. Viele denken dann: War wohl nichts. Dabei ist das ein ernstzunehmender Vorbote. Wer das erlebt, muss sofort in die Notaufnahme — nicht nächste Woche zum Hausarzt.
Was sind die konkreten Warnsignale des Schlaganfalls?
Hängender Mundwinkel auf einer Seite, gelähmter Arm, plötzliche Sprachlosigkeit oder Sprachunverständnis, plötzlich blind auf einem Auge, extremer Schwindel oder schlagartige stärkste Kopfschmerzen. Grob kann man sagen: Die Kombination aus plötzlich und neurologisch muss jeden sofort alarmieren.
Schlaganfall gilt als Alterskrankheit. Stimmt das noch?
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Das Bild stimmt nur bedingt. Bei jüngeren Patienten — also unter 50, manchmal sogar unter 30 — sind die Ursachen allerdings andere: Gerinnungsstörungen, seltene Gefäßerkrankungen jenseits der klassischen Arteriosklerose. Was aber sicher stimmt: Insgesamt werden die Schlaganfallzahlen massiv steigen — weil wir als Gesellschaft altern. Wenn wir so weitermachen wie bisher, rechnen wir bis 2040 mit einer Zunahme von rund 50 Prozent. Das ist medizinisch kaum zu bewältigen und finanziell schlicht nicht zu bezahlen. Schlaganfall ist heute schon eine der teuersten Erkrankungen — weil es viel Pflege, Rehabilitation und meist auch Erwerbsunfähigkeit verursacht. Dabei sind 90 Prozent aller Schlaganfälle auf beeinflussbare Risikofaktoren zurückzuführen.
90 Prozent — das klingt fast skandalös.
Das stimmt, heißt aber natürlich nicht, dass die Patienten Schuld haben an ihrem Schlaganfall. Mit konsequenter Prävention könnten wir aber die prognostizierte Zunahme von 50 auf vielleicht 20 Prozent drücken. Das bedeutet: Zehntausende Schlaganfälle weniger. Weniger Leid, weniger Kosten, weniger Pflegebedürftigkeit. Die Instrumente dafür kennen wir — wir setzen sie nur nicht ein.
Was müsste sich ändern?
Wir brauchen Prävention, die alle erreicht — nicht nur die, die diesen Artikel lesen. Am leichtesten wäre das umsetzbar durch höhere Steuern auf Zucker, Alkohol und Tabak, das scheint zum Teil ja nun zu kommen. Aber wir brauchen auch Gesundheitsbildung in Schulen, Präventionslotsen im Gesundheitssystem und Krankenkassen, die gesundes Verhalten aktiv belohnen.
Könnte die Digitalisierung auch helfen? Smartwatches erkennen heute beispielsweise sowas wie Vorhofflimmern.
Absolut. Vorhofflimmern ist einer der klassischen Schlaganfall-Risikofaktoren — wer es früh erkennt, kann früh behandeln lassen. Digitale Gesundheitsanwendungen bergen enormes Potenzial, vor allem bei jüngeren Menschen. Aber auch dort gilt: Technik allein rettet nichts, wenn die Versorgungsstrukturen fehlen.
Kommen wir zur Akutversorgung. Ein Katheter, der das Blutgerinnsel direkt aus dem Gehirn zieht — ist das eine medizinische Revolution?
Auf jeden Fall ein Meilenstein der letzten Jahre. Patienten, die früher an schweren Schlaganfällen starben oder dauerhaft schwer behindert blieben, sitzen häufig am nächsten Morgen auf der Bettkante und fragen, wann sie nach Hause können. Das ist beeindruckend. Allerdings: Nur fünf bis zehn Prozent aller Schlaganfall-Patienten kommen überhaupt für diesen Eingriff infrage. Für die Mehrheit bleibt die medikamentöse Lyse — das Auflösen des Gerinnsels per Infusion.
Es heißt: Time is Brain — aber wie viel Zeit bleibt eigentlich?
Das Zeitfenster hat sich erweitert: Für den Kathetereingriff sind es inzwischen bis zu 24 Stunden, für die Lyse bis zu neun. Trotzdem gilt: Je früher, desto besser. Optimale Ergebnisse erzielt man in den ersten Stunden. Wer wartet, verliert Gehirn.

Professor Christian Dohmen ist Chefarzt der Neurologie am Gemeinschaftskrankenhaus in Bonn.
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Ein Nachteil für Menschen, die nicht in Köln oder Bonn, sondern in der Eifel wohnen?
Deutschland hat weltweit das dichteste Netz an Stroke-Units — darum beneiden uns andere Länder. Auch in der Eifel wird man gut versorgt. Es gibt klar definierte Netzwerke, die regeln, wohin welcher Patient kommt — und welche Klinik welchen Eingriff übernimmt. Die Krankenhausreform wird das nicht verschlechtern, im Gegenteil.
Was kann das Gehirn nach einem Schlaganfall noch lernen?
Mehr, als viele glauben. Das Gehirn ist plastisch — auch im hohen Alter. Nicht betroffene Areale können Aufgaben übernehmen, die verloren gegangene Regionen hatten. Das größte Potenzial liegt in den ersten Wochen und Monaten. Deswegen ist frühe Rehabilitation entscheidend — nicht erst nach Wochen, sondern innerhalb der ersten Tage. Genau da haben wir in Deutschland ein echtes Defizit, besonders in NRW: Es fehlen Früh-Reha-Plätze. Das ist ein ernstes Problem, das kaum jemand diskutiert.
Medizintalk: Am 18. Juni um 19.30 Uhr geht es beim Medizintalk im Kölner Domforum um das Thema Schlaganfall. Professor Christian Dohmen wird alles zum Thema Akutversorgung, Prävention und Frühreha-Therapie erklären. Moderiert wird der Abend von Claudia Lehnen vom Kölner Stadt-Anzeiger. Tickets für 12 Euro (zzgl. VVK) gibt es bei Rausgegangen.