Abo

„Leute habe eine Scheißangst“Kreuzfahrtschiff bringt Hantavirus-Sorgen nach Spanien

4 min
Das Kreuzfahrtschiff MV Hondius: An Bord waren drei Menschen nach einer Infektion mit dem Hantavirus gestorben.

Das Kreuzfahrtschiff MV Hondius: An Bord waren drei Menschen nach einer Infektion mit dem Hantavirus gestorben.

Das Kreuzfahrtschiff MV Hondius steuert Teneriffa an, begleitet von der Sorge vor dem Hantavirus. Während die Passagiere gelassen bleiben, wächst auf der Insel die Angst.

Aus Schiffsperspektive sieht alles ganz anders aus. Während sich auf Teneriffa eine gewisse Unruhe wegen der geplanten Ankunft der MV Hondius am Sonntag breitmacht, sind die Menschen an Bord entspannt. Jedenfalls die, die sich zu Wort melden.

„Wir sind weder in den Kabinen, noch weist jemand irgendwelche Symptome auf“, schreibt der galicische Ornithologe Ricardo Hevia, einer der 14 Spanier auf dem holländischen Kreuzfahrtschiff, an seine Freunde. „Und bis heute sind wir – die etwa 150, die noch auf dem Schiff sind – in bester Verfassung.“ Und auf eine Anfrage der Zeitung „El Mundo“ bestätigt er: „Uns geht es bestens, die ganze Zeit im Kontakt mit unseren Angehörigen und Freunden.“ Eine andere Passagierin, die valencianische Ozeanografin Aitana Forcén-Vázquez, stellt ein Video ins Netz mit dem ironischen Titel: „Teaching people post-apocalyptic skills while crossing the Atlantic Ocean“ - Menschen postapokalyptische Fähigkeiten beibringen, während man den Atlantik überquert. Das Video zeigt drei Frauen beim Häkeln.

Im Hafen von Granadilla im Südosten Teneriffas ist die Stimmung weniger entspannt. Eine 49-jährige Gewerkschafterin, Elena Ruiz, Sprecherin der Plattform der Hafenarbeiter von Teneriffa, hat Angst - und sie macht auch ein bisschen Angst. Sie spricht in diesen Tagen mit vielen Reportern. Sie sagt: „Die Leute haben eine Scheißangst. Entweder erfahren wir, wie die Passagiere von diesem Schiff geholt und wie die Arbeiter geschützt werden sollen, oder wir Hafenarbeiter beschließen, das Schiff daran zu hindern, sich dem Hafen von Granadilla zu nähern.“ Sie sagt auch: „Erinnert sich denn niemand daran, dass Covid so angefangen hat? Die Leute haben es satt, dass improvisiert wird und man uns nach Belieben benutzt.“

Das Gefühl, dass hier gerade improvisiert wird, haben einige Menschen. Und die Erinnerung an den Beginn der Covid-Pandemie vor sechs Jahren ist unvermeidlich. Der erste in Spanien entdeckte Covid-Fall war ein deutscher Urlauber auf La Gomera, der am 31. Januar 2020 positiv getestet worden war. Da gab’s noch keine Panik. Die kam erst einen Monat später. Diesmal kommt bei einigen die Panik schon vor der Krankheit.

Desinfizierung in den Niederlanden?

Dass die MV Hondius am Sonntag vor Teneriffa ankern soll, um dort die Menschen von Bord zu holen und sie dann in ihre Heimatländer zu fliegen, will auch dem kanarischen Regionalpräsidenten Fernando Clavijo nicht einleuchten. „All das hätte man auch auf den Kapverden mit derselben Sicherheit tun können“, sagte er in einem Interview am Donnerstagabend. Da war er gerade aus Madrid zurückgekehrt, wo er sich mit einigen Ministern unterhalten hat, die ihn nicht wirklich beruhigen konnten.

Clavijo fürchtet das Hantavirus. Dass die Kapverden, wo das Kreuzfahrtschiff zuletzt angelegt hatte, möglicherweise medizinisch nicht auf der Höhe Spaniens sind, ist für den Regionalpräsidenten kein gewichtiges Argument. Ihn bekümmern seine kanarischen Landsleute. Wenn nun schon die Evakuierung des Schiffes vor Teneriffa nicht zu verhindern ist, dann solle es aber „auf keinen Fall hier desinfiziert werden“. Sondern in den Niederlanden, weil es ja ein niederländisches Schiff ist.

Mehrwöchige Quarantäne

Von den heißen Debatten in Spanien erfahren auch die Passagiere der MV Hondius, und sie fühlen sich behandelt, als hätten sie die Pest an Bord. „Wir fahren jetzt auf die Kanaren zu, voller Ungewissheit darüber, was sie mit uns vorhaben“, schreibt der Galicier Ricardo Hevia. „Wollen wir hoffen, dass gesunder Menschenverstand herrscht. Obwohl ich daran zweifle.“

Das Kreuzfahrtschiff soll nicht in den Hafen von Granadilla einlaufen, sondern mit einem gewissen Abstand davor ankern. Regionalpräsident Clavijo begründet das so: „Wir wissen nicht, wie die Ansteckung erfolgt. Oder ob sich auf dem Schiff Nagetiere befinden, die an Land gelangen könnten. Es ist viel sicherer, wenn das Schiff von der Küste entfernt bleibt. Unendlich viel sicherer.“ Für die Menschen an Bord und für die Arbeiter, die sie an Land holen werden, bedeutet das allerdings kleinere zusätzliche Risiken und Unbequemlichkeiten.

Vom Hafen sollen die Menschen zum nur zehn Minuten entfernten Flughafen Teneriffa-Süd gebracht und von dort in ihre Heimatländer geflogen werden: die Lebenden und die eine Tote, die noch immer mit ihnen reist. Es ist nicht sicher, aber wahrscheinlich, dass auch sie dem Hantavirus zum Opfer fiel, als dritte Tote. Sie starb vor einer Woche, am 2. Mai. Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigt den Tod einer Deutschen an Bord der MV Hondius. Die in Regensburg erscheinende „Mittelbayerische Zeitung“ berichtet, dass die Tote eine 78-jährige Rentnerin aus Passau sei. Alles spricht dafür, dass es ihr Leichnam ist, der noch an Bord des Schiffes auf dem Weg nach Teneriffa ist.

Auf die Spanier an Bord wartet an Land eine mehrwöchige Quarantäne in einem Madrider Militärkrankenhaus. Gesundheits- und Verteidigungsministerium wurden sich über die Quarantänepflicht erst nicht einig, aber schließlich doch. Sie hoffen auf die Einsicht der Passagiere. Wenn nicht, kommt die Sache vor einen Richter.