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1400 FreiwilligeWissenschaftler erforschen Menschenmassen an Bahnsteigen

4 min
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Menschenmassen strömen durch den sprichwörtlichen Flaschenhals.

  1. Im Karneval war klar: Eine Kneipe war voll, wenn keiner mehr reinpasste.
  2. Nun erforschen Wissenschaftler in der Düsseldorfer Messe, wie sich Menschenmassen besser leiten lassen.
  3. Unser Reporter hat sich die Arbeit mit 1400 Freiwilligen angesehen.

Wann ist ein Raum voll? Diese Frage beantwortet der Kölner Kneipengänger mit einem schlichten: Wenn keiner mehr rein passt, das Eintreten und Verlassen der Lokalität fast unmöglich wird, weil sich die Menschenströme zu einer zähen Masse verdichten.

 Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und der Universitäten Bochum und Wuppertal  sowie der Düsseldorf Congress wollen erreichen, dass sich Zustände wie diese in Zukunft möglichst vermeiden lassen. Seit Mitte 2018 befassen sie sich mit der Frage, wie sich Menschenmassen besser lenken lassen, um das Gedränge auf Bahnsteigen, an Zugtüren, vor den Abgängen und den Rolltreppen zu reduzieren.

2,1 Millionen vom Forschungsministerium

Dieses sogenannte Crowd-Management (CroMa) , an dem sich unter anderem die Deutsche Bahn, die Kölner Verkehrs-Betriebe und die Düsseldorfer Rheinbahn beteiligen, fördert  das Bundesforschungsministerium mit 2,1 Millionen Euro. Vom 3. bis 6. März werden die Wissenschaftler in der Düsseldorfer Messe Experimente mit 1500 Fußgängern vornehmen, die auf einem Bahnsteig auf den Zug warten. „Wir wollen ja, dass immer mehr Menschen die Bahn nutzen. Viele Bahnhöfe und Bahnsteige sind dem Ansturm  nicht mehr gewachsen“, sagt Maik Boltes. Der 48 Jahre alte  Mathematiker leitet im Forschungszentrum die Abteilung Empirie in der Fußgängerdynamik. „Deshalb müssen wir Konzepte entwickeln, wie wir die Sicherheit verbessern und den Komfort steigern können, obwohl die Züge in einem dichteren Takt fahren.“

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Neue Erkenntnisse darüber soll das Großexperiment in der Düsseldorfer Messe bringen. Dort werden die 1500 Freiwilligen verschiedene Stationen durchlaufen, in denen all das simuliert wird, was auf einem überfüllten Bahnsteig  Realität ist. Die Wissenschaftler haben drei Szenarien entwickelt, die  jeder Bahnfahrer  kennt: das Warten auf den Zug, das Ein- und Aussteigen an den Türen und das Schlange stehen, bis man den Bahnsteig überhaupt betreten darf.

Wie verhält sich die Masse?

Sie werden die Bewegungsprofile der Freiwilligen mit 18 Kameras aufzeichnen, das Verhalten jedes einzelnen nachverfolgen. Wie verhält sich die Masse, wenn der Zug verspätet oder überfüllt ist? 20 der Probanden werden überdies einen Spezialanzug tragen, der durch Bewegungssensoren ein 3 D-Bild des menschlichen Skelettes erzeugt. So lassen sich auch Details wie der Einsatz der Arme zum Schutz im Gedränge erfassen. Von weiteren 20 werden die Herzfrequenz und die Leitfähigkeit der Haut gemessen. „Ein erhöhter Herzschlag und feuchte Hände sind klare Anzeichen für Stress“, sagt Maik Boltes. „Auch Mimik und Druckkräfte werden wir erfassen.“ Das sei besonders interessant. Ab welchem Zeitpunkt wird es Menschen auf vollen Bahnsteigen zu eng? Was nehmen sie in Kauf, um einen Zug  zu erreichen?

Die Tester werden orangefarbene Kappen tragen. Jeder einzelne von ihnen ist durch einen spezifischen Digitalcode zu identifizieren, so dass die Wissenschaftler Korrelationen von individuellen Eigenschaften und dem Verhalten herstellen können. In einem Fragebogen müssen sie vorab anonymisierte Angaben  zu ihrer Person machen: Alter, Geschlecht, Größe, auf dem Land oder in der Stadt aufgewachsen,  Vielfahrer mit der Bahn, an Großveranstaltungen gewöhnt oder nicht. Sie müssen dunkle Kleidung tragen und zwischen 1,50 und zwei Metern groß sein. „Nur so können wir sicherstellen, dass die Kameras auch alle erfassen und niemand verdeckt wird“, sagt Boltes.

Mehr Lautsprecher? Besseres Licht?

Die Forscher hoffen, dass sich durch den Massenversuch viele Fragen klären lassen: Wo stehen und warten die Menschen? Wie motiviert man sie, den ganzen Bahnsteig zu nutzen? Welche technischen Hilfen könnten sinnvoll sein? Reichen Lautsprecheransagen wie bei der KVB am Ebertplatz? Müssen die Randbereiche in den U-Bahnstationen besser ausgeleuchtet sein? Wie kann man das Verhalten beim Ein- und Aussteigen so beeinflussen, dass es schneller und für alle komfortabler abläuft?

„Wir brauchen generelle Aussagen über das Verhalten von Menschen auf Bahnhöfen und Bahnsteigen. Deshalb sind die Experimente so einfach wie möglich gestaltet“, sagt Boltes.

Neben diesem Großversuch haben sich die Wissenschaftler für Feldstudien die Besucherführung bei anderen Großveranstaltungen angesehen. Bei drei Bundesliga-Heimspielen von Fortuna Düsseldorf haben sie an der U-Bahnhaltestelle am Stadion auf zuvor festgelegten Messfeldern die Anzahl der Personen gezählt.

Personenanzahl pro Quadratmeter

Die Personenanzahl pro Quadratmeter sei eine wichtige Kennziffer, um  das Ansteh-Verhalten zu analysieren und daraus Rückschlüsse auf den Aufbau von Warteschlangen-Systemen zu erzielen. Auf der S-Bahnebene des Frankfurter Hauptbahnhofs werden die Wissenschaftler ein Jahr lang aufzeichnen, „wie die Leute laufen“. Mitte 2021 wird es einen Abschlussbericht und eine Handlungsempfehlung geben, was Städte und Verkehrsunternehmen tun können, um  Pendlern das Leben zu erleichtern.