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Austritte
„Die Kirche muss den Menschen gute Gründe geben zu bleiben“

Kirchenaustritt dpa

Die Gesamtzahl der Austritte im Vorjahr wird 2020 schon im ersten Halbjahr übertroffen. (Symbolbild)

  • Das Corona-Jahr kann keine Entschuldigung für den Schwund des aktiven kirchlichen Lebens sein, sagt die Theologin Julia Knop.
  • Die Erfurter Professorin erklärt, warum die Kirche sich besonders um die kümmern muss, die angeblich nur aus steuerlichen Gründen gehen.
  • Bei der Frage nach der Zukunft der Kirche geht es auch um das Verhältnis zwischen der Institution und den einzelnen Gläubigen.

Frau Professorin Knop, wo stehen die Kirchen mit ihren Kennzahlen im „Jahr nach Corona“? Knop: Der Verweis auf die Pandemie macht die Lage eigentlich nur dramatischer: Allen Einschränkungen zum Trotz ist die Austrittswilligkeit im Corona-Jahr 2020 deutlich weniger gesunken als zum Beispiel der Gottesdienstbesuch oder die Zahl der Taufen, die um rund ein Drittel zurückgegangen sind. Rein proportional gerechnet, hätte corona-bedingt auch die Zahl der Austritte viel niedriger liegen müssen als 2019.

Was folgt daraus?

In einer insgesamt bedrängenden Lage hat sich der Auszug aus den Kirchen mitnichten verlangsamt. Die Abgrenzung, die Distanz und auch die entschiedene Distanzierung, die sich im Kirchenaustritt manifestiert, sind ungebrochen. Deswegen haben die Bischöfe recht, die Corona als Entschuldigungsgrund nicht gelten lassen und stattdessen sagen: Das dicke Ende kommt noch – nämlich im nächsten Jahr mit den Zahlen für 2021.

Julia Knop dpa

Theologin Julia Knop, Professorin für Dogmatik

Ist eine Verdunstung des Glaubens mit schwindender kirchlicher Bindekraft in der säkularen Gesellschaft ein womöglich unaufhaltsamer Prozess? Das klingt mir angesichts der hohen Zahlen und der klar erkennbaren Krise der Kirche zu harmlos-harmonisch und schicksalsergeben, was überhaupt nicht zur christlichen Botschaft passt. Es fehlt eine Strategie, die Menschen zu binden und zu überzeugen. „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ“, heißt ein viel zitiertes Wort von Augustinus. Das bedeutet doch auch, dass ein Bischof sich sozusagen anwaltlich für die Katholiken seines Bistums einsetzt, sie stärkt und unterstützt. Und damit meine ich nicht nur die wenigen, erzkonservativen Reformverweigerer, für die ein Bischof stehen sollte, sondern die übergroße Mehrheit.

Die aber kaum noch Gottesdienste besucht oder sonstwie am kirchlichen Leben teilnimmt.

Umso schlimmer! Man kann sich doch nicht damit zufriedengeben, dass 90 bis 95 Prozent der Kirchenmitglieder mit dem liturgischen Angebot der Kirche nichts anfangen können. Stattdessen bräuchte es eine Perspektiv-Umkehr.

Welche?

Manche sagen, es müsse einem nicht leidtun um die, die „nur aus steuerlichen Gründen“, nur des Geldes wegen, gehen. Ich meine: Doch! Denn das sind Leute, die bislang geblieben sind und damit ein – auch finanzielles – Signal gesetzt haben, dass sie von der Kirche etwas erwarten und ihr Geld dort in guten Händen wissen. Angesichts der massiven Kirchenkrise kehrt sich die Beweislast um: Die Institution sollte den Menschen gute Gründe geben, zu bleiben.

Sie zu fragen, wäre ein Anfang?

Es wäre ein Anfang, aber zu wenig. Es ist ja auch eine entlarvende Beteuerung, jetzt auf die Menschen zugehen und auf sie hören zu wollen. Bisher hat man das offenbar versäumt. Zuhören ist essentiell – aber wie in zwischenmenschlichen Beziehungen kommt man auch aus einer institutionellen Krise allein mit Zuhören nicht heraus. Es braucht erkennbare, nachhaltige, überzeugende Verhaltensänderungen.

Welche wären das – exemplarisch?

Nehmen wir die aktuellen Debatten um Geschlechtergerechtigkeit oder um die Segnung homosexueller Paare. Das sind weder „Reizthemen“, die man meiden müsste, noch Randthemen, die nicht wichtig wären. Es sind Themen, an denen die katholische Kirche wie andere Institutionen auch im 21. Jahrhundert gemessen wird. Viele Gläubige und Seelsorger haben sich öffentlich gegen den Widerspruch aus Rom positioniert und Paarsegnungen gefeiert. Die Mehrheit der Katholiken tritt ganz klar für die volle Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche ein.

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Die Bischöfe haben die Paarsegnungen in der Regel zwar nicht sanktioniert, sich aber sonst bedeckt gehalten oder eine „Politisierung“ des Themas beklagt. Den Frauen gegenüber bekunden sie Empathie und dass sie verstehen, dass sich Frauen diskriminiert „fühlen“. Aber ich sehe nicht, dass sie sich hörbar für entsprechende Reformen der Lehre einsetzen. Das kann aber nur auf bischöflicher Ebene zu erkennbaren und nachhaltigen Reformen führen.

In der evangelischen Kirche werden homosexuelle Paare gesegnet und Frauen zu Pfarrerinnen ordiniert. Die Zahl der Austritte ist trotzdem gleich hoch.

Das stimmt, aber das sagt ja nichts über die katholische Situation aus. Die evangelische Kirche muss ihre eigenen Hausaufgaben machen. Theologisch muss man zudem bedenken, dass die Kirche als Institution evangelisch nicht dieselbe hohe Bedeutung hat. Vereinfacht gesagt, ist es für einen katholischen Bischof schlimmer, wenn die Kirche sonntags leer ist, weil er sie, anders als der evangelische Mitbruder, nicht für nachrangig erklären kann. Für Veränderung – theologisch gesagt: für eine ecclesia semper reformanda, eine Kirche, die immerzu reformiert werden muss – stehen aber beide Konfessionen. Auch die katholische Kirche muss bewähren, ob sie so ist, wie sie sein soll, und ihrem Auftrag nachkommt. Die Resonanz der Gläubigen ist ein gutes Indiz dafür, ob die Bewährungsprobe gelingt. Die Austrittszahlen sprechen eine andere Sprache.

Und wenn man einfach die Institution mal ein bisschen tiefer hängt…?

… dann darf man trotzdem nicht den Fehler machen, die „Beziehungspflege“ zwischen Institution und den Gläubigen nur dem Individuum aufzubürden und damit die Repräsentanten der Institution zu entlasten. Zu sagen: „Die Kirche hat nur so viel Macht, wie ich ihr gebe“ oder „nur Pubertierende arbeiten sich an Autoritäten ab“ verkennt meines Erachtens, dass die katholische Kirche ganz klar hierarchisch aufgebaut ist und, zumindest bisher, durchaus einen „väterlichen“, um nicht zu sagen patriarchalen Habitus pflegt. Es ist ja Teil der gegenwärtigen Krise, dass ein emanzipiertes, mündiges Miteinander von Klerus und Laien nicht vorgesehen ist.

Julia Knop, geb. 1977, ist Professorin für katholische Dogmatik an der Universität Erfurt. Sie ist auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und Beraterin auf dem „Synodalen Weg“, einem Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland.

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