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Vor 100 Jahren gegründetLebensmittelladen in Bad Münstereifel wurde zum inklusiven Café

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Gruppenfoto vor dem Eingang des heutigen Café Cafesito.

Rechtsanwalt Michael Nücken (links) freut sich, dass die NEW mit ihrem Cafésito unter der Leitung von Reka Cserei (2.v.l.) und ihrem Team aus NEW-Beschäftigten und Mitarbeitenden seinem Geburtshaus, besser bekannt als Haus Melder, weiterhin Leben einhaucht.

Die Nordeifelwerkstätten betreiben heute in dem früheren Lebensmittelgeschäft Melder einen „NimmEssMit“-Markt und ihr Bistro Cafesito. 

Wenn man so will, erlebte das Lebensmittelgeschäft, das Michael Melder vor 100 Jahren in Bad Münstereifel eröffnet hatte, gleich zwei Blütezeiten, die trotz widrigster äußerer Umstände nicht zum Aus führten. Die erste begann am 29. Januar 1926 mit der Eröffnung des Geschäfts, überdauerte den Zweiten Weltkrieg, hatte ihren Höhepunkt zur Zeit des Wirtschaftswunders und reichte bis in die 1980er-Jahre hinein.

Nach einer Durststrecke, weil das mittlerweile verpachtete Geschäft nicht gegen die Supermärkte auf der Grünen Wiese konkurrieren konnte, wurde es 2014 von den Nordeifelwerkstätten wiederbelebt. Im Juli eröffnete die soziale Einrichtung den „NimmEssMit“-Markt, aus dem nach der Flutkatastrophe sieben Jahre später das Cafésito wurde.

In den 1950er und 1960er Jahren blühte das Kurwesen in Bad Münstereifel

Die Geschichte des Hauses begann am 29. Januar 1926, wie die Nordeifelwerkstätten (NEW) berichten. Es sollte gleich aus zwei Gründen ein wichtiges Datum für das Geschäft werden. Denn Michael Melder meldete nicht nur sein Gewerbe an diesem Tag an. Auch Jack Nücken, sein späterer Schwiegersohn, wurde geboren. „Mein Opa und mein Vater haben sich leider nie kennengelernt, weil mein Opa mitten im Krieg an einem Herzschlag gestorben ist“, sagt der Bad Münstereifeler Rechtsanwalt Michael Nücken, der an die Geschichte des Hauses erinnert.

Schwarz-Weiß-Porträt von Michael Melder.

Michael Melder gründetet vor 100 Jahren die Firma Melder, die sich um die Lebensmittelversorgung in Bad Münstereifel kümmerte.

Der Palmersheimer Lebensmittelkaufmann Jack Nücken heiratete Anni Melder 1948. Die beiden sorgten für den wirtschaftlichen Aufschwung der Firma Melder. „In den 50er- und 60er-Jahren war die Blütezeit Münstereifels als Kurstadt. Es gab das Josefsheim und das Kurhaus, dazu große Hotels, Restaurants und kleinere Lebensmittelgeschäfte, die alle von Melder beliefert wurden“, so Michael Nücken.

Kartoffeln wurden aus der Lüneburger Heide nach Bad Münstereifel geliefert

Jeden Morgen seien zwei Lastwagen zum Kölner Großmarkt gefahren, ab 8 Uhr habe man dann die Kunden in der Kurstadt beliefert. Nur die Kartoffeln, die kamen in einem Waggon aus der Lüneburger Heide in Münstereifel an, so Nücken, der damals auch mitanpacken musste und deshalb sagt: „Aus dieser Zeit kenne ich noch viele Keller in Bad Münstereifel.“ Und während heute in Supermarktregalen quasi alles vorhanden ist, galten roter, grüner und gelber Paprika damals als exotische Früchte.

Das Engagement der NEW war für mich der Grund, weiterhin in die Immobilie zu investieren. Ich hänge an diesem Haus.
Michael Nücken hält an dem Gebäude fest

Mit 60 Jahren ging Jack Nücken in den Ruhestand und verpachtete das Geschäft. Doch gegen die aufkommenden Supermärkte kam das Haus Melder nicht mehr an. Wie Michael Nücken berichtet, habe der letzte Pächter das Geschäft mit einem erheblichen Mietrückstand verlassen. „Ich glaubte nicht mehr an eine Zukunft von Haus Melder“, so der Rechtsanwalt.

Porträtfoto von Jack Nücken.

Mit Jack Nücken erlebte die Firma Melder ihren großen Aufschwung in der Nachkriegszeit.

Doch dann traten die Nordeifelwerkstätten auf den Plan. Sie wollten einen Cap-Markt errichten, ein inklusives Lebensmittelgeschäft. Weil die Ladenfläche allerdings zu klein war, mussten die NEW abspecken. Im Juli 2014 eröffneten sie den „NimmEssMit“-Markt, der laut der Einrichtung „begeistert angenommen und auch von den zahlreichen Schülerinnen und Schülern aus den umliegenden Schulen gern besucht wurde.“

Bei der Flutkatastrophe 2021 wurde der Markt komplett zerstört

Exakt sieben Jahre später wurde der Markt bei der Flutkatastrophe komplett zerstört. Das habe „bei einigen unserer Beschäftigten und auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis heute sehr tiefe Narben hinterlassen“, sagt NEW-Geschäftsführer Christoph Werner. Schnell wurde beschlossen, den Markt wieder aufzubauen.

„Neben der Entkernung musste kurzfristig ein neues sinnvolles Konzept erstellt werden, um ein modernes Café für unsere Beschäftigten und Kunden zu errichten“, so Werner. Zwei Jahre nach der Flut eröffnete der Markt wieder – um 50 Quadratmeter erweitert und mit einem Bistro versehen. Und mit neuem Namen: Cafésito.

„Das Engagement der NEW war für mich der Grund, weiterhin in die Immobilie zu investieren“, sagt Michael Nücken. Und das, obwohl ihn so mancher für verrückt halte, weil er das Gebäude nicht verkaufe. „Ich hänge an diesem Haus.“