Abo

Gedenktafel geplantUS-Pilot Jack B. Painter opferte sein Leben und rettete Esch

5 min
Die Aufnahme des B-17-Bombers entstand im britischen Ridgewell im Juni oder Juli 1943.

Dieses Flugzeug ist 1943 bei Esch abgestürzt.

Eine Tafel soll an Jack B. Painter erinnern. Der Bomberpilot stürzte im Zweiten Weltkrieg bei Esch ab. Er hatte eine Katastrophe verhindert.    

Hubert Ginster ist der letzte Zeitzeuge. Der 90-Jährige kann sich noch gut erinnern an den Tag, an dem Esch knapp einer Katastrophe entgangen ist. „Ich war mit meiner Mutter auf dem Feld“, berichtet er. Als das Flugzeug sich genähert habe, habe ihm die Mutter zugerufen: „Auf den Boden!“ Es war 1943, auch in der Eifel kannten die Menschen den Klang eines nahenden Bombers und wussten um die Lebensgefahr. Der Siebenjährige sah das Flugzeug im Bogen herankommen, dann stürzte es am Ortsrand in den Acker, 70 bis 100 Meer von Muter und Kind entfernt. Was das Kind damals nicht ahnen konnte: Höchstwahrscheinlich hat der US-amerikanische Pilot sein Leben geopfert, damit der B-17-Bomber nicht in das Dorf stürzte.

Edgar Fass hat die Geschichte dieser Beinahe-Katastrophe erforscht. Und nicht nur das. Er hat darauf gedrängt, dass die menschliche Größe des jungen Amerikaners nun, 83 Jahre später, gewürdigt wird. Im Mai hat der Stadtrat von Bad Münstereifel beschlossen, eine Gedenktafel in Esch aufzustellen. Bei einem Termin am Escher Dorfplatz stellten Stadtarchivarin Anna Rosemann und Beigeordneter Wolfgang Greuel die Pläne dazu vor.

Es beweist, dass auch in der dunkelsten Zeit Menschlichkeit einen Unterschied macht.
Wolfgang Greuel

Um herausfinden, was am 17. August 1943 passiert ist, haben Edgar Fass und Norbert Liebing in Archiven gestöbert, Quellen ausgewertet und Zeitzeugen gefragt. Dank dieser Forschungsarbeit sind die Vorgänge ziemlich genau rekonstruiert. Edgar Fass sagt dazu: „Ich finde es schade, dass ich nicht früher angefangen habe zu forschen und der Pilot erst nach 80 Jahren gewürdigt wird.“ Ein Geschwader der United States Army Air Force war im britischen Ridgewell in Richtung Deutschland gestartet.

Tatsächlich findet sich im Archiv der Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte Rhein/Mosel ein Bild von exakt dem Flugzeug, dass bei Esch abstürzte. Die offizielle Bezeichnung der Boeing B-17 Flying Fortress: B-17F, 42-30140 „KING MALFUNCTION II“ 532. Squadron, 381. Bomb Group. Die B-17 geriet unter Beschuss der deutschen Flugabwehr, wurde schwer beschädigt. Über dem Wald nordöstlich von Esch warf die Besetzung die Bombenlast ab. Fass und Liebing haben auch hier genau hingeschaut und die Abwurfstelle gefunden.

Die Flugroute um Bad Münstereifel-Esch wurde rekonstruiert

Ungefähr 13 Bombentrichter haben sie entdeckt, einige mit Bauschutt verfüllt, andere noch ganz klar erkennbar, berichtet Liebing. Dort sei ein dichter Fichtenwald, es sei auszuschließen, dass die Soldaten an dieser Stelle ein Ziel bombardiert hatten. Nicht nur die Bombenabwurfstelle konnten die beiden Lokalhistoriker finden, auch die Flugroute haben sie rekonstruiert. Nicht zuletzt anhand der Schilderungen einer Frau aus Reckerscheid, die mittlerweile verstorben ist.

Vier Männer stehen nebeneinander, zwei halten ein Paddel.

Klaus Burggrafs Großvater hat das Paddel aus dem Flugzeugwrack geborgen. Von links: Hubert Ginster, Klaus Burggraf, Norbert Liebing und Edgar Fass.

Das alte Schwarzweiß-Bild zeigt einen Mann mit einem Ochsengespann. Im Hintergrund ist ein Straßenschild zu sehen, das nach Sasserrath weist.

Ungefähr zehn Jahre nach dem Absturz ist dieses Bild aufnommen worden. Hubert Ginster steht mit seinem Ochsengespann nahe der Stelle, an der er damals mit seiner Mutter auf dem Feld gearbeitet hat.

Im Interview vor einigen Jahren hatte sich genau daran erinnert, wie das angeschossene Flugzeug damals über den Ort geflogen war. Damit ist für Fass und Liebing klar, dass der Pilot einen Bogen um Esch gezogen hat. 26 Jahre alt war Jack B. Painter, als er die folgenschwere Entscheidung traf. Neun der zehn Mann Besatzung sprangen mit Fallschirmen ab, Painter steuerte die Maschine dem unvermeidlichen Absturz entgegen auf den Acker bei Esch.

Zwei Besatzungsmitglieder konnten nach Gibraltar flüchten

Die Bad Münstereifeler Stadtarchivarin Anna Rosemann schildert, wie es mit der Crew weiterging. Die meisten der Männer kamen in deutsche Kriegsgefangenschaft. Doch Copilot Leutnant Robert E. Nelson und Sergeant Raymond A. Genz gelang die Flucht. In rund zwölf Tagen schlugen sie sich bis Luxemburg durch, wo sie Kontakt zu luxemburgisch-französischen Widerstandszellen knüpfen konnten.

Über Frankreich, Barcelona und Madrid flüchteten sie nach Gibraltar und wurden von dort nach Großbritannien ausgeflogen. Sie waren nach derzeitigem Stand der Forschung die ersten US-Soldaten, denen die Flucht aus Deutschland gelang, erhielten dafür den Orden „Silver Star“. Edgar Fass war es gelungen, Kontakt mit Jack B. Painters Sohn aufzunehmen. Doch der ist kürzlich gestorben, seitdem bekomme er keine Antwort mehr aus den USA, erzählt der Forscher.

Hubert Ginster hat zum Termin am Dorfplatz ein altes Foto mitgebracht. Es zeigt ihn mit einem Ochsengespann unweit der Stelle, an der er damals mit seiner Mutter auf dem Boden gekauert hat. Wann genau es gemacht worden ist, weiß er nicht mehr, es muss Anfang der 50er-Jahre gewesen sein. Aus dem Siebenjährigen ist jedenfalls ein junger Mann geworden. Eine Erinnerungsstück hat auch Klaus Burggraf dabei: ein Paddel. Jeder B-17-Bomber hatte ein Schlauchboot an Bord für den Fall, dass die Maschine im Wasser notlanden musste.

Ein Erbe hält das Paddel aus der B-17 in Ehren

Burggrafs Großvater hatte beide Paddel von der Unglücksstelle mitgenommen, das eine wird im Haus des Enkels und dessen Frau gehütet. Klaus Burggraf hat auch eine Idee, wo das Gegenstück ist: „Das ist beim Verkauf von Opas Haus mitverkauft worden.“ Mit den jetzigen Eigentümern sei er im Gespräch, um die beiden Paddel wieder zu vereinen. Vielleicht findet sich auch jemand, der weiß, aus was für einem Holz das alte Paddel geschnitzt ist. Es ist nämlich überraschend leicht.

Ob weitere Teile des Flugzeugs, das zerschellt, aber nicht ausgebrannt war, in Kellern oder Scheunen in und um Esch verschwunden sind, weiß man nicht genau. Kurz nach dem Absturz jedenfalls wurde die Unglücksstelle von der Wehrmacht abgesperrt. Jack B. Painter wurde zwei Tage nach seinem Tod auf dem Ehrenfriedhof in Bad Münstereifel beerdigt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er 1949 umgebettet auf das Zachary Taylor Cemetry in Louisville, Kentucky.

Anna Rosemann zeigt ein Foto des 26-Jährigen, an seiner Seite eine junge Frau. Das Mahnmal soll mithelfen, dass er in Esch nicht vergessen wird. Noch ist nicht entschieden, wie die Tafel aussehen wird und wo genau sie stehen soll. Beigeordneter Wolfgang Greuel zeigte sich vom selbstlosen Verhalten des jungen Soldaten beeindruckt: „Es beweist, dass auch in der dunkelsten Zeit Menschlichkeit einen Unterschied macht.“