Auch in der Gemeinde Dahlem richtete die Flut im Juli 2021 große Schäden an und beschäftigt die Menschen noch heute. Einer von ihnen ist Josef Reuter aus Hammerhütte.
Fünf Jahre danachJosef Reuter erinnert sich an dramatische Stunden beim Kyll-Hochwasser

Von der Kyll eingeschlossen: Die Brigidakapelle in Kronenburgerhütte wirkt am 15. Juli 2021 wie eine Insel. Auch in die Wohnhäuser drang das Wasser ein.
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Auch in der Gemeinde Dahlem haben viele vor fünf Jahren die schlimmste Nacht ihres Lebens erlebt. Auch bei ihnen sind die Erinnerungen an die Flutnacht und die Zeit danach sehr lebendig. Auch bei den Älteren, die zuvor schon viel erlebt haben. „Das habe ich noch nicht erlebt, auch wenn es früher, bevor die Staumauer am Kronenburger See stand, bei Schneeschmelze immer mal wieder Hochwasser gab“, sagt etwa Karl-Heinz Brandenburg in Kronenburgerhütte. Josef Reuter aus Hammerhütte sagt das, was so viele über die Nacht zum 15. Juli 2021 sagen: „Das haben wir uns ja nicht vorstellen können!“
Bis 1850 war die Eisenhütte, die dem Weiler Hammerhütte den Namen gab, in Betrieb. Sie produzierte 1836 noch etwa 7000 Zentner Roheisen im Wert von 16.800 Talern und stellte im Hammerwerk Stabeisen im Wert von 2800 Talern her. „Ein gutes Einkommen für die fünf Familien, oft waren sie kinderreich, die hier in drei Wohnhäusern gelebt haben“, sagt Josef Reuter.
Barockes Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert
Doch das will der 74-Jährige eigentlich gerade nicht erzählen. Nur: Es weiß ja kaum einer von Hammerhütte, dem urkundlich erstmals Anfang des 16. Jahrhunderts erwähnten Weiler unterhalb von Baasem an der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz an der Feld- und Auenlandschaft, die von der Kyll durchflossen wird.
Die Reuters betreiben hier im Hof mit barockem Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert seit knapp 100 Jahren eine Landwirtschaft mit Milchviehhaltung. „54 Jahre habe ich Kühe gemolken“, so Josef Reuter. Doch Kühe gibt es keine mehr, auch keinen Stall. Der Innenhof ist zu den Wiesen geöffnet. Wo einst Scheune und Ställe waren, ist nichts mehr. Der Hof mit dem buckeligen, uralten Kopfsteinpflaster ist leer.
Landwirt Josef Reuter erinnert sich an das dramatische Hochwasser von 2021
Das war am 14. Juli 2021 noch anders. Es ist gegen 18 Uhr, als Josef Reuter heimkehrt. Gerade hat er seine Ehefrau zu einem der Söhne gefahren, der in Rheinbach lebt. Jetzt will er wie gewohnt die Kühe melken. Es regnet zwar den ganzen Tag wie die Tage zuvor, doch Reuter denkt nicht weiter darüber nach: „Wir leben doch seit Generationen mit der Kyll. Zweimal im Jahr kommt die Kyll uns im Hof besuchen.“

Josef Reuter erlebte auf seinem Bauernhof in Hammerhütte die dramatischste Nacht seines Lebens. Brusthoch waren Hof und Ställe überflutet.
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„Das habe ich noch nicht erlebt, auch wenn es früher, bevor die Staumauer am Kronenburger See stand, bei Schneeschmelze immer mal wieder Hochwasser gab.“ Karl-Heinz Brandenburg in Kronenburgerhütte am Nachmittag des 15.Juli 2021.
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Aus einem Gefühl heraus habe er gegen 19 Uhr einen Teil seiner Kühe auf eine Weide näher an den Ställen getrieben. Die grenzt wie eine noch weiter entfernte am Kerschenbach an einen sanften Anhang. Das wird noch eine Rolle spielen in den kommenden Stunden.
In Hammerhütte spitzt sich die Lage langsam zu. Gegen 21 Uhr habe das Wasser schon an den Zäunen vor dem Hofgelände gestanden, so Reuter. Eine besorgte Nachbarin, deren Haus etwas tiefer als sein Hof steht, habe er beruhigt: „Wir schaffen das. Wenn es bis Mitternacht gut geht.“ Aber ss geht nicht gut. Wenig später bricht sich eine knapp einen Meter hohe Welle Bahn durch die verwinkelte Gasse zwischen den wenigen Häusern von Hammerhütte, flutet Keller und Höfe. Wie Reuter heute weiß, haben sich die Wassermassen an Brücken über die Simmel und den Kerschenbach gestaut, wo die Durchlässe vermutlich durch Holz und Treibgut verkeilt waren.
Um seine Kühe zu retten, begibt sich Reuter selbst in Lebensgefahr
40 seiner 115 Kühe stehen zu diesem Zeitpunkt in einem Laufstall, elf Kälber im offenen Stall daneben. „Die Tiere schrien, blökten, schwammen hilflos in ihren Ställen umher.“ Reuter wird dieses Bild nie vergessen. Gerade hat er noch einen Bekannten erreicht, der sich sofort mit einem Viehtransporter auf den Weg macht. Er parkt in sicherer Entfernung oberhalb der Häuser, die Transportklappe geöffnet.
Es ist dunkel geworden. Das Wasser steigt weiter. Als es in Brusthöhe steht, ist Reuter klar, dass es jetzt um Leben oder Tod seines Viehs geht: „Ich habe mir eine Schlinge genommen, die den Tieren um den Hals gelegt. Und damit haben wir ein Tier nach dem anderen aus dem Stall herausgezogen.“ Das habe bis zum Hofeingang gerade so geklappt. Doch hinter dem Torbogen tosen die Wassermassen die Gasse hinab in Richtung Kyll. Diese Engstelle muss irgendwie überwunden werden. Zunächst habe er sich noch an einem eisernen Handlauf festhalten können, in der anderen Hand das Seil mit der Kuh in der Schlinge. Doch drei, vier Meter muss er durchs mehr als hüfthohe Wasser. Ohne Halt, hoffen, dass es gut gehen würde.
Es geht gut. Kälber und Jungtiere werden gerettet. Die Kühe auf den Außenweiden haben sich auf die Anhöhen am Weiderand gerettet.
Die Landwirtschaft hat Reuter inzwischen aufgegeben
Gegen Mitternacht sitzt Josef Reuter auf den Stufen der Treppe zum Hof und blickt aufs Chaos. „Ich fühlte mich absolut ohnmächtig. Mir war nur klar, mehr konnte ich nicht tun.“ Reuter blickt in die Zerstörung seiner Existenz. Dass er die ganze Zeit wie durch ein Wunder noch Strom hat, daran erinnert er sich gut. „Wer hat schon ein so großes Notstromaggregat?“ Ehefrau und die Kinder konnten ihn nicht mehr erreichen. Das Telefon war schon seit Stunden tot. Doch jetzt ging er erschöpft einfach ins Bett.
Drei Tage danach erlebten auch die Reuters das, was viele als ein Wunder bezeichnen: Die unglaubliche Hilfsbereitschaft: „Da kamen lauter Menschen, die ich noch nie gesehen habe und fragten nur: Wo können wir helfen?“
Die Reuters stellten den Antrag auf Sofort- und Einzelpersonenhilfe, die Gelder wurden problemlos ausgezahlt. Sie räumten weg, was zerstört war, Scheune, Ställe wurden abgerissen. Würde er mit dem, was blieb, den neu anfangen können? Dann habe der Familienrat getagt. Josef Reuter gründete mit seinen Kindern eine GbR und verpachtete seine Wiesen und Weiden. Er hat seine Landwirtschaft, die er von seinem Vater übernommen hat, aufgegeben und 111 Kühe verkauft. Vier Tiere waren an einer Sepsis gestorben – die Folge entzündeter Wunden, die sie sich bei der Rettungsaktion zugezogen hatten.
Fünf Jahre nach der Nacht, in der es auch für ihn um alles ging, wirkt Reuter abgeklärt: „Ich habe meinen Frieden damit gemacht. Das gehört eben zu meinem Leben dazu.“ Zwei Schlaganfälle hat er auch überstanden.
Wiederaufbauplan der Gemeinde Dahlem
In zahlreichen Orten der Gemeinde Dahlem richtete das Wasser erhebliche Schäden an, in Hammerhütte und in Berk etwa. Dort hatten neun Zuläufe aus Wiesen und Rinnsalen oberhalb des Ortes in die Berke den Ortskern unter Wasser gesetzt. Ein Haus wurde unbewohnbar, die Eigentümer, ein älteres Ehepaar, gaben es danach auf. Sie sind aus Berk weg und in eine Einrichtung für Betreutes Wohnen gezogen.
Hochwasserschäden entstanden nicht nur in Berk, Kronenburgerhütte und Hammerhütte, sondern auch in Schmidtheim und in Dahlem. Der Wiederaufbauplan der Gemeinde Dahlem einschließlich eines ersten Änderungsantrages hat ein Volumen von 17,1 Millionen Euro. Ein zweiter Änderungsantrag über weitere rund 6,2 Millionen Euro aus dem Wiederaufbaufonds ist gestellt. Alleine die entstandenen Schäden an Wirtschaftswegen belaufen sich nach Angaben der Verwaltung auf 5,9 Millionen Euro.
Hochwasserschutzkonzepte sollen nun im Gemeindegebiet erstellt und umgesetzt werden. Für Berk ist das schon konkret. Hier sind neun neue Regenrückhaltebecken um den Ort als Schutzbauten vorgesehen. Doch auch für diese Maßnahmen ist wie überall die Finanzierung noch nicht final gesichert. Auch der Gemeinde Dahlem stehen als Präventionsunterstützung Mittel in Höhe von zehn Prozent des Volumens des Wiederaufbauplans zur Verfügung.
Die Stauanlage am Kronenburger See wurde durch die Flut beschädigt
Ihre Häuser verlassen mussten die Anwohner in Kronenburgerhütte, die unmittelbar an der Kyll wohnen, in der Flutnacht. Kurzentschlossen wurden sie ins Haus für Lehrerfortbildung gebracht. Erwin Bungartz, Allgemeiner Vertreter von Dahlems Bürgermeister Jan Lembach, erinnert sich, wie es unterhalb der Staumauer des Kronenburger Sees ziemlich Spitz auf Knopf stand. Oberhalb war das Wasser auf bis zu 1,70 Meter unterhalb der Dammkrone angestiegen. Er, Lembach und die beiden Talsperrenwärter Andreas Mainz und Maik Zilligen verbrachten bange Stunden im Technikraum des Talsperrenbetriebsgebäudes.

Talsperrenwärter Maik Zilligen zeigt den Punkt 1,70 Meter unterhalb der Dammkrone, bis zu dem das Wasser in der Flutnacht gestiegen war.
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Würde die Mauer halten? Ab 17 Uhr entwickelte sich die Hochwasserlage zunehmend kritisch, um 23.30 Uhr hatte das Wasser im Kronenburger See die Tulpe, also die Hochwasserentlastungsanlage des Sees, überflutet. Alle Messpegel waren ausgefallen. „Wir hatten keine Steuerungsmöglichkeit mehr“, so Bungartz. Und das Wasser stieg an. Der Höchststand war erst um 2 Uhr am 15. Juli erreicht.
Die Bilanz war dramatisch. Der Sommerstaupegel des Kronenburger Sees beträgt üblicherweise maximal 483,5 Meter über Normal-Null. Jetzt erreichte er 490,77 Meter. Die Kronenhöhe der Tulpe wurde um 1,07 Meter überstiegen. Der höchste in jener Nacht gemessene Zufluss betrug mehr als 100 Kubikmeter pro Sekunde, bevor die Messinstrumente ausfielen. Das 10.000-jährliche Hochwasser war mit maximal 81,37 Kubikmeter pro Sekunde berechnet. Der Regelabfluss wurde mit mehr als 60 Kubikmeter pro Sekunde um fast das 2,5-fache überschritten.
Instandsetzung mit Pech und viel Bürokratie
Die Staumauer hielt. „Das alte Mädchen hat seinen Dienst getan“, hatte Talsperrenwärter Andreas Mainz nach der Flut gesagt. Die Schäden jedoch, die in dieser Nacht an den technischen Anlagen der entstanden sind, sind beträchtlich. Die zur Abflusssteuerung dienenden Betriebs- und Winterschütze wurden deformiert, auch die Führungsschienen. Der Zweckverband Kronenburger See hat die Schäden auf 6,1 Millionen Euro berechnet, ein Änderungsantrag für weitere rund 1,8 Millionen Euro im Zuge der Wiederaufbauhilfe wurde gestellt.
Was danach geschah, ist aus heutiger Sicht eine Kette aus Pech und Bürokratie: Zum einen musste erst einmal ein wasserbautechnisches Spezialunternehmen gefunden werden, das die maßgefertigten neuen Schütze bauen konnte. Das dauerte schon weit über ein Jahr. Zudem stellte die Bezirksregierung Köln, die die Betriebserlaubnis für die Hochwasserschutzanlage erteilt, enorm hohe Forderungen: Man solle eine technische Führungskraft mit ingenieurwissenschaftlichem Abschluss und einen Vertreter gleicher Qualifikation benennen. Mehr als ein Jahr später wich die Aufsichtsbehörde davon ab und gibt sich nun mit den Zusatzqualifikationen der beiden Talsperrenwärter zufrieden.
Das Baden im Kronenburger See war seit der Flut verboten. Jedes Jahre hofften die Verantwortlichen, doch erst 2025 war es soweit: Der Sommerstau konnte eingeleitet werden, Baden im See ist wieder erlaubt.


