269 Gesamtmaßnahmen sind in Bad Münstereifel zu bewältigen. Der Wiederaufbau läuft neben dem Tagesgeschäft im Rathaus.
Fünf Jahre nach der FlutDer Wiederaufbau in Bad Münstereifel ist bis 2030 kaum zu schaffen

Kurz nach der Flut besuchten die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Armin Laschet die zerstörte Kurstadt.
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Die Erft fließt ruhig, beinahe ausgetrocknet durch Bad Münstereifel, nicht mehr als ein Rinnsal. Doch jeder Bewohner der Kurstadt weiß: Der Fluss hat es in sich. Alle paar Jahre bekommt man nasse Füße. Und schon vor Jahrhunderten gab es Hochwasserkatastrophen, die Zerstörung und Todesfälle mit sich brachten.
Am Morgen des 14. Juli 2021 war Bad Münstereifel ein beschauliches Städtchen, bekannt als Wohnort von Heino und für das City-Outlet – und natürlich als Kurort. Doch nur ein paar Stunden später war alles anders. Die Erft (und im Höhengebiet die Ahr) zeigte eine Kraft, die man nicht für möglich gehalten hatte. Wie Videos dokumentieren, riss das Wasser Autos, Container und vieles mehr mit, zerstörte Brücken, Straßen und Häuser. Fünf Menschen kamen in der Nacht im Stadtgebiet ums Leben.
Der Wiederaufbau umfasst 269 Projekte für 204 Millionen Euro
Knapp 204 Millionen Euro für den Wiederaufbau der öffentlichen Infrastruktur wurden bewilligt. „Das ist ein Vielfaches von dem, was der städtische Haushalt hergibt“, beschreibt es Bürgermeister Sebastian Glatzel (SPD). Die Fördersumme für den Wiederaufbau von Privathaushalten beläuft sich auf fast 63 Millionen Euro. Doch der Wiederaufbau wird noch Jahre dauern. Der Endtermin 2030 ist akut gefährdet.
„Die Hauptachse in der Kernstadt sieht fünf Jahre nach der Flut gut aus“, sagt Glatzel. Allerdings ist Bad Münstereifel eine Flächenkommune. „Und wir haben viele Infrastrukturschäden in der Fläche“, so Glatzel.
Ralf Wassong, technischer Betriebsleiter der Stadtwerke, sieht bei all dem Leid, das die Flut gebracht hat, auch positive Effekte. Wasserleitungen und Kanäle wurden ebenso wie Stromleitung erneuert. „Wir hoffen, dass wir jetzt 50, 60 Jahre Ruhe haben“, so Wassong.

Ein Rinnsal, mehr war die Erft Ende August mitten in Bad Münstereifel nicht. Die Mauern wurden erneuert.
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Eines der Großprojekte, die noch angegangen werden müssen, ist der Wiederaufbau des städtischen Sportplatzes.
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269 Gesamtmaßnahmen gibt es im Stadtgebiet Bad Münstereifel in Sachen Wiederaufbau. Das klingt angesichts der enormen Schäden nach weniger, als man annehmen würde. Allerdings besteht eine Maßnahme oft aus vielen kleinen Projekten, etwa beim Wiederaufbau der Wirtschaftswege, wo ganze Bereiche und Wegenetze zusammengefasst wurden. 190 der Gesamtmaßnahmen wurden mittlerweile bewilligt. Rund die Hälfte der Maßnahmen ist mindestens in der Planungsphase. Abgeschlossen ist ungefähr jede fünfte Maßnahme. Dabei ist die Definition entscheidend, wie Wassong erklärt. Denn wirklich abgeschlossen ist ein Projekt nicht, wenn der Bau fertig ist, sondern wenn es auch abgerechnet wurde.
Ganz oben stand zunächst die Sicherstellung von notwendiger kritischer Infrastruktur. Auch der Bereich Gefahrenabwehr war wichtig. Einige Dinge würden noch funktionieren, müssten aber bearbeitet werden. Als Beispiel nennt Glatzel Abwasserpumpstationen. Und nicht alle Schäden sind auf den ersten Blick sichtbar, etwa bei Straßen.
Abgehakt sind hingegen die Arbeiten wegen Unterspülungen von Terrassen, Bebauungen und Grundstücken, wie Ralf Wassong mitteilt. Andere Dinge, wie der Neubau der Kläranlage Wald, die sehr stark beschädigt wurde, dauern aber noch.
Der Hochwasserschutz ist ein wesentliches Thema
„Wir waren die Ersten, die ein Hochwasserschutzkonzept mit einer gesicherten Finanzierung verabschiedet haben“, vergleicht der Bürgermeister die Stadt Bad Münstereifel mit anderen Kommunen. Das Unternehmen Okeanos hatte laut Glatzel „jeden Quadratzentimeter“ untersucht. Und dennoch wird es noch dauern, bis die ersten Maßnahmen umgesetzt sind – und die Bürger werden fünf Jahre nach der Flut ungeduldig.

Auch das Hochwasserrückhaltebecken in Eicherscheid liegt ruhig da – in der Flutnacht war es bis zum Rand gefüllt.
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„Ich kann den Impuls verstehen, das gefordert wird, überall Dämme hinzubauen“, so Glatzel. Aber aufgrund der Topografie im Stadtgebiet gebe es nicht die eine große Lösung. Jeder Ort wurde individuell betrachtet, und Okeanos hat eine Vielzahl von Maßnahmen erarbeitet, um die Dörfer und die Stadt zu schützen. „Die Problemflächen sind oft an anderer Stelle“, erklärt Stadtsprecher Johannes Mager.
Laut Ralf Wassong gibt es seit 2023 die Hochwasserschutzkooperation verschiedener Kommunen mit dem Erftverband. „Bis dahin lief der reine Wiederaufbau“, so der Betriebsleiter. Die Stadt selbst hat ein kommunales Hochwasserschutzkonzept erstellt, das am Ende im Zusammenspiel mit dem Konzept unter der Ägide des Erftverbandes ein großes Ganzes ergeben soll. Was Wassong auffiel: Grundstückseigentümer zeigen sich – anders als bei manch städtischer Maßnahme – sehr kooperativ, wenn es um das Thema Hochwasserschutz geht.
Die Mannschaft im Rathaus in Bad Münstereifel arbeitet am Limit
Seit der Flutkatastrophe arbeiten die Menschen im Rathaus am Limit. Es wurden zwar Stellen für den Wiederaufbau eingerichtet, die Zahl liegt aktuell „im einstelligen Bereich“, so Glatzel. Doch das ist zu wenig. „Ich kann den Ansatz ja verstehen, das sind alles Steuergelder und damit muss verantwortungsvoll umgegangen werden“, so der Bürgermeister.
Neue Gesetze sollen Verfahren beschleunigen, etwa der Paragraf 75a der Gemeindeordnung NRW, der die Vergaberegelung novelliert. Doch was gut gemeint ist, führt in den Rathäusern zu Mehraufwand durch erhöhte Dokumentation. Fehler könnten zur Rückzahlung von Fördermitteln führen. „Das ist ein gutes Konzept, um Stillstand zu schaffen“, so Glatzel.

Die Marke am Rathaus zeigt, wie hoch das Wasser stand. Zur Verdeutlichung: Bürgermeister Sebastian Glatzel (r., mit Ralf Wassong) ist 1,96 Meter groß.
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Besonders im Hoch- und Tiefbau, der einen Großteil der Wiederaufbaumaßnahmen stemmen muss, ist das Personal knapp. „Ich weiß nicht, wie die Mitarbeiter das manchmal machen“, gibt der Verwaltungschef zu, der gerne hätte, dass die dort Arbeitenden sich wieder nur den originären Aufgaben widmen, die in einer Stadtverwaltung anfallen, ohne zusätzlich den Wiederaufbau stemmen zu müssen.
Das gilt auch für den Bereich Stadtwerke, der wie der Tiefbau keine zusätzlichen Mitarbeiter für den Wiederaufbau erhalten hat. „Wir haben seit der Flut eher weniger Leute“, sagt Wassong. Die eigentlich alltäglichen Aufgaben wie die Wasser- und Straßensanierung müssten zusätzlich zum Wiederaufbau geleistet werden. Das merkt man dann auch beim Tempo. Wassong ist sich sicher, dass das Ende der Wiederaufbaumaßnahmen im Jahre 2030 nicht eingehalten werden kann. „Es wird eher 2035“, so Wassong.
Die Bürokratie ist mit aller Kraft zurück
„Man sieht Maßnahmen, die schwierig sind – aber das ist eher selten“, sagt Glatzel. Und oft stellt man fest, dass andere Kommunen vor ähnlichen Problemen stehen.
Was aber ärgerlich ist: Die Genehmigungsbehörden sind wieder im Normalmodus angekommen. „Direkt nach der Flut waren die Verfahren vereinfacht“, so Glatzel. Doch mittlerweile stoße man beim Wiederaufbau an Grenzen. „Wir produzieren meterweise Akten. Die Prüfungen werden gewissenhaft durchgeführt, wodurch alles sehr viel teurer wird und länger dauert“, so der Bürgermeister.
In die schnelle Umsetzung kommen wir nicht mehr.
„Zunächst haben alle reibungslos zusammengearbeitet“, ergänzt Wassong. Doch mittlerweile seien die überörtlichen Behören wieder sehr strikt. „In die schnelle Umsetzung kommen wir nicht mehr“, sagt der Stadtwerke-Chef. Und nicht alles ist verständlich. Beispielsweise bei zwei Brücken rund um Houverath. Eine wurde zerstört, eine andere war so stark beschädigt, dass sie gesprengt werden musste. Beide Bauwerke sollen erneuert werden. „Und es wird verständlicherweise nachgefragt“, weiß Glatzel um das Interesse der Bürger.
Nun könnte man annehmen, dass es einfach ist, eine neue Brücke dorthin zu bauen, wo bisher auch eine Brücke stand. Doch die Bürokratie ist zurück. Weil sich in der Zwischenzeit im Bereich der Bauwerke Lebensräume von Tieren gebildet haben können, war für die Brücke an der Eichener Straße eine einfache Artenschutzprüfung fällig. Die ist abgeschlossen, die Ausschreibung läuft, die Brücke könnte Mitte 2027 nutzbar sein.
Bei der Brücke am Spüchelsberg war aber eine umfangreiche und damit langwierige Artenschutzprüfung erforderlich, weil dort eventuell ein Biotop entstanden ist. „Dabei war die Brücke doch vorher schon da, die Pfeiler stehen ja sogar noch und drumherum ist noch meilenweit Natur“, sagt Wassong, der den hohen Aufwand bei ständig steigenden Preisen bemängelt.
Zahlreiche Großprojekte sind noch zu erledigen
Die angesprochene Kläranlage in Wald mit einem geschätzten Volumen von acht Millionen Euro ist eines. Aber auch das Feuerwehrgerätehaus in der Kernstadt. Und das ist ganz schön kompliziert. So musste zunächst ein Haus an der Kölner Straße abgerissen werden. Nun entstehen, damit Ausrückezeiten eingehalten werden können, zwei Interimswachen: eine eben an der Kölner Straße, eine weitere in einer Halle des früheren Unternehmens Auto Heinen. Erst wenn diese Übergangslösungen bezogen sind, kann die bisherige Feuerwache abgerissen werden. Doch bevor eine neue Wache gebaut werden kann, müssen die Erft und der Hang gesichert werden.
Der Wiederaufbau des Stadtarchivs ist ein weiteres großes Projekt. Doch auch hier wird es eine Zwischenlösung geben, und zwar in den Arloffer Thonwerken. „Das ist ein hoher Aufwand“, so Glatzel. Und danach muss man sehen, wie es weitergeht. Einen konkreten Platz, wo das neue Archiv hin soll, hat man noch nicht bestimmt – und es ist auch gar nicht so einfach, einen zu finden, denn die Auflagen, die mit einem Archivbau einhergehen, sind hoch.
Seit mehr als fünf Jahren ist kein Ball mehr auf dem Sportplatz in Bad Münstereifel gerollt. Stattdessen war das Gelände eine Schuttablagestätte. Mittlerweile ist der Sportplatz aber geplant.
Ein Großprojekt, das Laien nicht auf den ersten Blick erkennen, ist die Gewässerwiederherstellung – dabei handelt es sich um eine Gesamtlänge von 100 Kilometern. „Das ist mehr, als einfach mit dem Bagger einmal durchzufahren“, sagt Wassong und meint die hohen Auflagen für Hochwasser- und Starkregenschutz.
