20 Prozent der Wiederaufbaumaßnahmen sind fünf Jahre nach der Katastrophe in Nettersheim abgeschlossen. Die Bürokratie löst Frust aus.
WiederaufbauNettersheimer sind stolz auf das, was sie nach der Flut geschafft haben

Müll und Schutt aus den Orten zu bringen war auch in Nettersheim ein Problem, das unmittelbar nach der Katastrophe dringend gelöst werden musste.
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Der Kuhbach war es, der an Frohngau vorbei in Richtung Holzmülheim fließt, bei dessen Anblick Nettersheims Bürgermeister Norbert Crump am 14. Juli 2021 klar wurde, dass etwas nicht stimmt. „Der war schon ungewöhnlich voll Wasser“, erinnert sich Crump an den Beginn einer langen Nacht. Er sei nach Hause gefahren, um vor einer Versammlung der Vereine in Zingsheim eine Tasse Kaffee zu trinken. Doch als er die Nachrichten gesehen habe, sei er sofort zurückgefahren. „Und da stand das Naturzentrum schon unter Wasser“ so Crump.
Um 19 Uhr in der Vereinsversammlung sei die Meldung gekommen: „Menschenleben in Gefahr.“ „Ich bin zum Krisenstab gegangen und bis 3 Uhr geblieben“, sagt Crump. Bis 23.30 Uhr sei das Wasser gestiegen, dann konstant geblieben und schließlich langsam gesunken. „Morgens um 6, 6.30 Uhr war alles weg“, erinnert er sich. Nach zwei Stunden Schlaf sei er nach Nettersheim gefahren: „Dort sah es so aus, wie man es sich nach einem Krieg vorstellt.“ Zurück in Zingsheim im Krisenstab, habe er erfahren, dass das Hochwasser drei Menschenleben gefordert haben: „Das hat wehgetan, die hat man ja gekannt.“
Von überallher kamen Traktoren und Lastwagen nach Nettersheim
Dann sei er wieder nach Nettersheim, er habe bei den Leuten vor Ort sein wollen. Viermal sei er am ersten Tag durch das Schadensgebiet gelaufen. Die Leute hatten gemeinsam angepackt, angefangen aufzuräumen. Doch der Müll habe aus dem Ort raus gemusst, das Gelände der Firma Schmidt am Römerplatz sei ihm in den Sinn gekommen: „Ich habe gesagt, wir müssen den Ort sauberkriegen, wir fahren alles dahin, auf meine Verantwortung.“ Aus allen Ecken seien Traktoren und Lastwagen gekommen, von allen Seiten sei Hilfe gekommen: „Das war wie ein Uhrwerk.“ In der Nacht zum Freitag habe er im Bett gelegen: „Oh mein Gott, wunderbar, jetzt habe ich die Gemeinde ruiniert. Wer bezahlt denn das alles?“
Bis zum 1. August dauerte es, als Armin Laschet, damals Ministerpräsident, in Vogelsang zusagte, dass die Kosten „vollumfänglich“ übernommen werden. „Dann haben wir alles nach Strempt gefahren, sind nicht auf den Kosten sitzengeblieben.“ All das seien Eindrücke, die man nie vergessen würde.

Überschwemmt wurde auch das Holzkompetenzzentrum.
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Mehr als zwei Jahre dauerte der Wiederaufbau des Natur- und Holzkompetenzzentrums sowie des Regionalforstamts in diesem Bereich.
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Viele Menschen standen unter Schock, weinten. Auch er, sagt Crump. Später. Alleine im Auto. „Das sind Dinge, die gehen an einem nicht spurlos vorbei.“ Es habe so wehgetan. Für die Leute. Weil es Tote gegeben habe. Auch in Holzmülheim und in Pesch waren die Schäden enorm. „Bei allem, was wehgetan hat, war es ein tolles Miteinander. Das hält bis heute. Da bin ich auch stolz drauf.“
Dass auf die Gemeinde eine Menge Arbeit zukommen würde, sei sofort klar geworden. Im Kernort waren zwölf gemeindeeigene Immobilien beschädigt. Das Herzstück, das Naturerlebnisdorf, sei durch Corona stillgelegt worden – und dann habe die Flut reingehauen. „Eifelhaus kaputt, Taverne kaputt, Naturzentrum kaputt, Literaturhaus kaputt, Waldkindergarten kaputt“, zählt er auf. Der Gemeinde sei es so ergangen wie den Privatleuten: „Um Gottes Willen, wie kriegen wir das nur wieder hin?“
Die Rentner-Gäng war nach der Flut in Nettersheim unverzichtbar
Priorität sei gewesen, keinen Partner zu verlieren. So sei die Buchhandlung in den Bahnhof umgezogen, die Psychologin habe ihre Praxis ins Kloster verlegt. Das Haus, in dem die Tierärztin ihre Praxis habe, habe die Gemeinde gekauft, so dass auch sie im Ort gehalten werden konnte. Manche, wie Recky Reck im Restaurant Freistaat Eifel, mussten einen langen Atem haben, da die Trocknung des Gebäudes so lange dauerte. Crumps Fazit: „Es sind mutige Entscheidungen damals getroffen worden, die Weichen gestellt haben.“
Unverzichtbar sei auch die Rentner-Gäng gewesen: Ex-Bürgermeister Wilfried Pracht, Ernst Lambertz, Resi Nießen, Hans-Peter Schell und andere. „Sie konnten etwas ruhiger operieren als junge Leute, da sie viel Erfahrung mitbrachten.“ Die seien ein Erfolgsgarant gewesen.
Positiv sei ein Deal mit der Versicherung gewesen, so dass schnell über das Geld verfügt werden konnte. 4,25 Millionen Euro standen so für die Sanierung der gemeindeeigenen Immobilien bereit. Für den Wiederaufbauplan der kommunalen Infrastruktur seien zunächst rund 31 Millionen Euro und im Änderungsantrag weitere 17 Millionen Euro beantragt worden. Für Letztere steht die Bewilligung noch aus. Insgesamt sind es 80 Einzelmaßnahmen, von denen bis jetzt rund 20 Prozent abgeschlossen sind. „Im Augenblick laufen unter anderem die Sanierungsarbeiten am Römerplatz, in der Bahnhof- und der Rosenthalstraße in Nettersheim“, so Crump. Mit den 3,1 Millionen Euro, die das Land NRW für Hochwasserpräventionsmaßnahmen bereitstellt, und den voraussichtlich 1,4 Millionen Euro vom Kreis liege der Gesamtfinanzrahmen bei 52,6 Millionen.
„Das sind Prozesse, die gehen sehr, sehr langsam, weil wir halt in Deutschland leben“, sagt Crump über die Hochwasserschutzmaßnahmen. Dabei ist die Gemeinde mit den Sofortmaßnahmen bereits gut unterwegs. Die Schutzanlage am Römerplatz aus Deich und Rechen, um Treibholz aufzufangen, ist bereits fertig, die Planung eines Walls, um die Urft von der Bahnhofstraße fernzuhalten, läuft. Trotzdem geht das Crump alles viel zu langsam: „Wir werden uns weiterhin an diesen Dingen festbeißen und versuchen, schneller zu sein. Aber es wird Jahre dauern. Das ist ein Faktum.“
Gemeinde Nettersheim informierte über Hochwasserschutz
„Wer für Millionen aufbaut, der muss auch schützen.“ Mit einer klaren Ansage für den Hochwasserschutz startete Bürgermeister Norbert Crump die Infoveranstaltung im Dorfsaal in Nettersheim. Rund 100 Anwohner wollten hören, wie die Folgen künftiger Hochwasser minimiert werden sollen. Daran, dass diese kommen, ließen die Experten keinen Zweifel.
Vom Wasserverband Eifel-Rur (WVER), der federführend das Interkommunale Hochwasserschutzkonzept Urft/Olef ausarbeitet, waren Dr. Torsten Rose und Johannes Thelen gekommen, dazu Wilfried Claesgens vom Ingenieurbüro Gotthardt & Knipper, der Auskunft über die Maßnahmen in Nettersheim gab. Über Möglichkeiten des privaten Objektschutzes informierte Reinhard Vogt, ehemaliger Leiter der Hochwasserschutzzentrale Köln. Denn der Schutz des eigenen Hauses sei ebenfalls ein wesentliches Element.

Ein Damm samt Treibgutrechen und Fluttor ist als eine der lokalen Maßnahmen am Römerplatz entstanden.
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Ein neuer Pegel ist am Genfbach installiert worden.
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Die Methoden zur Entwicklung des Hochwasserschutzkonzeptes erläuterten Rose und Thelen. Bei möglichen Maßnahmen gehe es um lokale Projekte, die keine Nachteile für die flussabwärts liegenden Orte haben dürfen, genauso wie um große Rückhaltebecken bis hin zur Talsperre an Preth- und Platißbach.
Im Zuge der Vorarbeiten wurden etwa hydrologische Modelle erstellt. „Die rechnen uns aus, wie viel Abfluss ein bestimmter Niederschlag bringt“, so Rose. So könne ermittelt werden, wie effektiv etwa ein Rückhaltebecken sei. Mit Hydraulikmodellen werde ausgearbeitet, wie sich eine bestimmte Wassermenge in einer Landschaft verhalte. Mithilfe dieser Modelle werden auch neue Hochwassergefahrenkarten erstellt.
Ende des Jahres soll das Hochwasserschutzkonzept fertig sein
35 Maßnahmen seien priorisiert und werden laut Thelen aktuell mithilfe der Modelle überprüft, davon seien 19 potenzielle Standorte für Hochwasserrückhaltebecken. Die Maßnahmen könnten in den Gebieten Hellenthal, Schleiden und Kall angesiedelt sein, aber auch in Nettersheim. Dazu könnten Projekte am Haubach in Blankenheim und am Urftweiher in Dahlem kommen.
Ende dieses Jahres soll das Konzept fertig sein und das Maßnahmenpaket vorgestellt werden. Zur Umsetzung werden dann die Fördermittel beantragt. Wie lange alles letztendlich dauert, sei schwer zu sagen. „Das hängt immer mit Flächen zusammen und dem Thema Bürokratie“, sagte Rose. Es müssen Gutachten und Planungen erstellt werden. „Die große Unbekannte ist die Verfügbarkeit der Flächen.“
Es gilt, Hochwasser- und Artenschutz unter einen Hut zu bringen
Claesgens skizzierte die Schutzmaßnahmen an der Urft in Nettersheim und mögliche Maßnahmen am Genfbach. Der habe ein Einzugsgebiet von 2180 Hektar, doch bebaut seien nur 178 Hektar. Mehrere kleine Bäche münden in den Genfbach und zwei Vorfluter, die durch das bebaute Gebiet fließen. Durchlässe sollen vergrößert werden, die bei der Flut 2021 verstopft worden seien. Bereits installiert sei ein neuer Pegel, dessen Werte auch online abgerufen werden können.
Ich würde es gerne bauen. Ich bin jetzt 61 Jahre alt. Mal gucken, ob ich es noch hinkriege.
Als effektivste Möglichkeit bezeichnete er ein Regenrückhaltebecken kurz vor Nettersheim: Maximal könne dort ein Stauvolumen von 232.000 Kubikmetern entstehen, was einen Damm von acht Meter Höhe und 120 Meter Länge erfordere. Problematisch sei, dass der optimale Standort in einem FFH-Gebiet liege. „Das ist das höchste Schutzgut“, so Claesgens. Dafür müsse eine Artenschutz- und Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt werden.
Nach der Planung komme der Genehmigungs-, dann der Förderantrag, schließlich die Ausschreibung. Wann gebaut werden könne, wollte ein Anwohner wissen. „Ich würde es gerne bauen. Ich bin jetzt 61 Jahre alt. Mal gucken, ob ich es noch hinkriege“, so Claesgens. Von der Planung bis zum Bauende könne man von fast zehn Jahren ausgehen.
Auch beim Bau eines Hauses ist der Hochwasserschutz wichtig
Fertig ist die Hochwasserschutzmaßnahme am Römerplatz, bei der ein Treibgutrechen die Verklausung von Brücken verhindern soll. Für den Schutz der Bahnhofstraße soll am Rand der Wiese Pfaffenbenden eine Mauer gezogen werden, die auf Privatgrund liegt, so Crump. Mittlerweile lägen aber Absichtserklärungen aller Eigentümer vor. Noch ausstehend sei die Maßnahme, den Kirmesplatz an der Bahnhofstraße mit einer Mauer zu versehen, um den Ortskern zu schützen.
Die Bedeutung privater Vorsorge machte Reinhold Vogt deutlich. Angesichts der Erwärmung der Erde um 3,5 Grad oder mehr sei von weiteren Starkregen auszugehen. Wichtig sei aber zu wissen, mit welchen Wasserständen zu rechnen sei. Ein Blick auf die Hochwasserkarten sei empfehlenswert. Oft aber seien schon Straßennamen verräterisch: „Am Bach oder Flutgraben – da sagt allein der Ort, dass man gefährdet ist.“
Oft sorge die Bauweise eines Hauses dafür, dass das Wasser hineinlaufe. Eine abschüssige Garageneinfahrt nannte er ebenso wie eine bodentiefe Terrassentür, die auch Wasser einen leichten Zugang biete. Viele Maßnahmen stellte er vor, darunter Rückschlagventile, die verhinderten, dass Wasser aus der Kanalisation ins Gebäude komme.

