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Fußballkreis Euskirchen trauertHansi Drinhausens Pfeife bleibt nun für immer stumm

9 min
Schiedsrichter Hans-Jörg Drinhausen gestikuliert.

Die Vereine im Fußballkreis Euskirchen trauern um Schiedsrichter Hansi Drinhausen, der im Alter von 49 Jahren starb.

Schiedsrichter Hans-Jörg „Hansi“ Drinhausen ist im Alter von 49 Jahren gestorben. Weggefährten aus dem Kreis Euskirchen erinnern sich an ihn.

Sein Pfiff hatte stets Gewicht. Nun bleibt die Pfeife von Schiedsrichter Hans-Jörg Drinhausen, der auf den Sportplätzen nur als „Hansi“ bekannt war, für immer stumm. Der Schiedsrichter ist im Alter von 49 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. Der Tod des Unparteiischen, der mitunter während einer Saison gerne 100 Spiele leitete, hat unter Kollegen, Spielern und Vereinsvertretern große Bestürzung ausgelöst. Kaum ein Whatsapp-Status, kaum eine Vereins-Instagram-Seite eines Fußballvereins aus dem Kreis, auf der nicht digital kondoliert wird.

Nach Angaben des Fußballkreises Euskirchen, der auch den Tod des Schiedsrichters öffentlich gemacht hatte, leitete Drinhausen weit mehr als 1500 Spiele. Allein in der Saison 2021/22 waren es 125. „Hansi“ wohnte viele Jahre in Wuppertal – doch auch die vielen Kilometer zu den Sportplätzen im Fußballkreis hielten ihn nicht davon ab, hier seinem Hobby, seiner Leidenschaft nachzugehen. Mit der Bahn, mit dem Anrufsammeltaxi, mit Vereinsverantwortlichen, mit Reportern – alle Wege, alle Transportmöglichkeiten führten zum Sportplatz. Für so viel Engagement wurde er 2022 mit der DFB-Ehrenamtsurkunde ausgezeichnet.

Als Schiedsrichter musste sich Drinhausen aufgrund seines eingeschränkten Bewegungsradius während des Spiels den ein oder anderen blöden Spruch anhören (den er gerne und konsequenterweise mit einer Gelben Karte kommentierte). Als Mensch war der 49-Jährige auf und neben dem Platz aber immer unumstritten. Und so gibt es nicht wenige Weggefährten, die sich nach dem plötzlichen Tod des Unparteiischen an die eine oder andere Anekdote erinnern. Die Lokalsportredaktion hat ein paar von ihnen gesammelt.

Christian Kühlborn (Schiedsrichter) erhielt eine Pfeife von Hansi

„Ich leitete vor einigen Jahren mit Hansi zahlreiche Partien beim Hallenturnier „Erft-Swist-Cup“. Ohne Hansi hätte ich das aber gar nicht machen können. Ich hatte meine Pfeife vergessen. Hansi hatte eine Box mit zahlreichen Pfeifen dabei, und er hat mir eine geschenkt. Mit der pfeife ich heute noch.“

Rocco Bartsch (Reporter): „Er war besser als so mancher auf Ballhöhe“

„Als ich noch in Köln gearbeitet habe, habe ich Hansi öfter zwischen 16 und 17 Uhr am Hauptbahnhof getroffen. Er stand da mit Sporttasche, mal mit seiner Freundin und Hund, mal alleine. Dann sind wir zusammen Zug gefahren. Er ist dann zum Spiel, meistens irgendwo in Weilerswist. Zweimal habe ich ihn auch mit zum Bahnhof genommen. Da saßen wir zwei Schwergewichte dann in meinem damaligen kleinen VW Lupo.

Hansi war sehr herzlich und sehr engagiert. Als Schiedsrichter hat er bestimmt polarisiert, aber er war mit Sicherheit nicht der schlechteste und deutlich besser als mancher, der auf Ballhöhe war, weil er vieles aus seinem begrenzten Aktionsradius heraus richtig beurteilt hat. Er ist hin und wieder angeeckt, hat auch viele Gelbe Karten gezeigt. Er wird fehlen.“

Niklas „Theo“ Granrath (damals Spieler, heute Schiedsrichter)

„Als ich 19 oder 20 Jahre alt war, habe ich in Siegen studiert und bin immer mit dem Zug gefahren. Am Wochenende bin ich immer zurückgekommen. Einmal saß er mir gegenüber und hat im Zug mit einer Freundin telefoniert – und das in seiner Hansi-Art relativ laut. Dabei hat er das komplette Wochenende durchgetaktet. „Samstag pfeife ich da und da, Sonntag da und da, da müssen wir dann hinfahren.“ Es ging nur darum, wie man das Leben um den Fußball organisieren kann. In meiner Generation war das so, aber als Spieler, da hat man dann entsprechend den Urlaub gelegt. Das zeigt seinen Einsatz und seine Leidenschaft für den Sport als Schiedsrichter. Hansi war einfach eine Type.“

Uwe Stark (Vorsitzender Kreisschiedsrichter-Ausschuss)

„Hansi hat in seiner Zeit als Schiedsrichter so gut wie nie ein Spiel zurückgegeben, trotz seiner stundenlangen Anreisen. Durch die Flut 2021 gab es Probleme, in den betroffenen Gebieten von A nach B zu kommen. Das galt aber für Hansi nicht. Er telefonierte dann einfach mit den Vereinen und ließ sich von wo auch immer abholen, kassierte aber die damals geltenden Kilometer-Cent für die Fahrtkosten immer voll. Bei Hansi gab es dahingehend nie Beschwerden.

Während der Vorbereitungsspiele fragte eine große Anzahl Vereine aus dem Nordkreis an, ob Hansi diese Spiele leiten kann. Sie riefen ihn aber nicht an, sondern kamen mit dem Satz: „Bitte Hansi ansetzen. Ist geklärt“. Dabei war es nicht besprochen. Die Vereine wussten eben, dass Hansi nie eine Ansetzung ablehnte. Teilweise hätte Hansi dann zwei Spiele gleichzeitig haben können.

Ich habe Hansi über 20 Jahre als Ansetzer im Junioren- und Seniorenbereich erlebt und ihn jetzt seit vier Jahren als Vorsitzender unterstützt. Er war nicht einfach, aber ein superzuverlässiger Mann. Mit seiner piepsigen Stimme, seinen vielen Anrufen und Anfragen nervte er manchmal schon sehr. Dennoch konnte ich ihm nie böse sein. Er war so, wie er war: Grundehrlich, zuverlässig und eine Legende. Er wird uns sehr fehlen.“

Mike Rieden (Schiedsrichter): „Er wollte auf die Fußballplätze zurück“

„Schiedsrichter war er ab 1995 und nach kurzer Unterbrechung ab 2001 wieder. In dieser Zeit hat er 1500 Spiele geleitet, im Schnitt 61 pro Saison. Und er stellte den „Weltrekord“ im Fußballkreis Euskirchen auf, als er in der Saison 2021/22 sage und schreibe 125 Spiele leitete. Das Soll pro Saison liegt bei 15 Spielen. Er war also ein absoluter Vielpfeifer und bei Vereinen, Spielern und Schiri-Kollegen geschätzt und beliebt. Er war eine absolute Kreisliga-Legende.

Auf Hansi war stets Verlass. Wenn irgendwo kurzfristig ein Schiri abgesprungen war, sprang Hansi ein und nahm mehrstündige Fahrten aus Wuppertal auf sich. Für ihn war kein Sportplatz zu weit, egal ob mit Bahn, Taxi oder durch Mitnahme durch Vereinsoffizielle: Hansi kam immer an sein Ziel. Für die Ansetzer war Hansi ein absoluter Glücksgriff, denn er pfiff unfassbar viele Spiele.

Als er im April 2025 schwer erkrankte und bettlägerig wurde, sprach er in Telefonaten immer wieder davon, zeitnah auf seine Fußballplätze im Kreis Euskirchen zurückzukehren. Ich glaube, das war Motivation und Anreiz zugleich. Umso bedauerlicher, dass er dieses Ziel nicht mehr geschafft hat und ihm kein Abschiedsspiel vergönnt war.“

Cynthia van Oosten (Schiedsrichterin) und das Kilometergeld

„Wir hatten damals ein Meisterschaftsheimspiel vom SV Sinzenich und Hansi musste in Euskirchen vom Bahnhof abgeholt werden, da damals an einem Sonntag die Busverbindungen noch nicht so gegeben waren.

Unser damaliger Vorsitzender holte Hansi zum Spiel ab, sodass er unser Spiel leiten konnte. Das Spiel verlief ohne große Zwischenfälle. Nach dem Spiel ging es ans Bezahlen. Es gab damals noch Spesen fürs Spiel und die Kilometer für die Anfahrt. Als unser Vorsitzender Hansi fragte, was er bekomme, sagte Hansi: „Die Spesen für das Spiel und zusätzlich die Kilometer ab dem Bahnhof Euskirchen!“ Unser Vorsitzender meinte dann, dass er ihn doch abgeholt habe und er normalerweise nur die Spesen bekommen würde. Hansi meinte dann, dass er auch den Weg bezahlt bekommen müsste. Unser Vorsitzender hat ihm die Kilometer bezahlt – und ihn anschließend auch wieder zum Bahnhof zurückgebracht! Das finden wir alle sehr amüsant.

Hansi war in jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher und sympathischer Zeitgenosse. Er hinterlässt, nicht nur wegen solcher Anekdoten, eine Lücke.“

Benno Zybulski (Schiedsrichter): „Die Gurtwarnung piepte unermüdlich“

„Hansi und ich sind uns öfters auf dem Sportplatz begegnet, meist weil wir beide auf demselben Platz Spiele pfeifen mussten. Besonders in Erinnerung bleibt dabei eine Fahrt nach einem Einsatz in Großbüllesheim. Er fragte mich, ob ich ihn und seine Freundin zum Bahnhof nach Euskirchen fahren könnte. Kein Problem, dachte ich – bis Hansi auf dem Beifahrersitz meines damaligen kleinen Ford Fiesta Platz nahm.

Schnell stellten wir fest, dass der Sicherheitsgurt mit seiner beeindruckenden Statur nicht mehr ganz mitspielen wollte. Also fuhren wir los – begleitet vom unermüdlichen Piepen der Gurtwarnung. Von Großbüllesheim bis zum Bahnhof ertönte alle paar Sekunden das gleiche Signal. Hansi, seine Freundin und ich nahmen es mit Humor, und so wurde aus einer ganz normalen Mitfahrgelegenheit eine Erinnerung, die mir bis heute ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Hansi war ein Original. Mit seiner markanten Stimme, seiner unverwechselbaren Art und seiner Präsenz blieb er jedem in Erinnerung, der ihm begegnete. Genau so werde ich ihn behalten: als jemanden, der auffiel, hängen blieb und den Fußballplatz auf seine ganz eigene Weise geprägt hat. Und auch heute noch reicht der Ton einer piepsenden Gurtwarnung, um mich sofort wieder an ihn zu erinnern.“

Benny Poth (Rot-Weiß Billig) bekam von Hansi seine erste Rote Karte

„Mit dem Tod von Hansi verliert der Kreisliga-Fußball nicht nur einen Schiedsrichter, sondern vor allem einen Menschen, der sein Amt mit Herz, Verstand und viel Menschlichkeit ausgeübt hat.

Wenn ich an Hansi denke, fällt mir sofort eine Begebenheit ein, die inzwischen gut 24 Jahre zurückliegt. Ich war damals B-Jugendspieler und deutlich hitzköpfiger als heute. Gespielt wurde auf dem alten Rasenplatz in Kreuzweingarten, der Gegner kam – soweit ich mich erinnere – aus Firmenich. Wie das im Jugendfußball manchmal passiert, gab ein Wort das andere. Mein Gegenspieler und ich gerieten aneinander, die Stimmung wurde immer aufgeheizter. Schließlich standen wir uns Nase an Nase gegenüber. In meiner damaligen Unvernunft schubste ich ihn mit voller Wucht weg. Hansi war sofort zur Stelle. Nicht laut, nicht aufbrausend, sondern deeskalierend und ruhig. Er nahm die Situation unter Kontrolle, sprach mich mit meinem Namen an und sagte sinngemäß: „Es tut mir leid, aber ich kann nicht anders. Ich muss dir Rot zeigen.“

Doch was mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, war nicht die Rote Karte – sondern die Art und Weise, wie Hansi damit umging.
Benny Poth

Und so bekam ich an diesem Tag die erste Rote Karte meines Lebens. Natürlich war ich niedergeschlagen. Nicht nur wegen des Platzverweises, sondern auch, weil meine Mannschaft nun in Unterzahl weiterspielen musste. In meiner Erinnerung haben wir das Spiel am Ende sogar knapp gewonnen. Doch was mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, war nicht die Rote Karte – sondern die Art und Weise, wie Hansi damit umging. Nach dem Spiel kam er noch einmal auf mich zu. Wir sprachen kurz miteinander. Kein Vorwurf, keine Belehrung. Einfach ein Gespräch. Menschlich, respektvoll und auf Augenhöhe. Die Geschichte war damit aber noch nicht vorbei.

Am nächsten Tag besuchte Hansi die Bäckerei, in der meine Mutter arbeitete. Dort sagte er zu ihr: „Mensch, ich konnte nichts anderes machen. Der war so auf 180 und hat dermaßen geschubst, da musste ich ihm die erste Rote Karte zeigen.“ Auch das war typisch Hansi. Er wollte nicht nur Regeln durchsetzen, sondern Menschen mitnehmen. Er wusste, dass hinter jeder Entscheidung ein Mensch steht. Gerade im Amateurfußball ist das eine seltene und wertvolle Eigenschaft. Damals kannte ich ihn kaum. Trotzdem hat er in einer Situation, die für mich völlig neu war, Größe, Verständnis und Menschlichkeit gezeigt. Eigenschaften, die weit über das hinausgehen, was man von einem Schiedsrichter erwarten kann. Heute, viele Jahre später, denke ich noch immer an diese Begegnung zurück. Nicht wegen der Roten Karte, sondern wegen des Menschen dahinter. Danke, Hansi. Für deinen Einsatz auf den Fußballplätzen unserer Heimat. Für deine Fairness. Für deinen Humor. Und vor allem für deine Menschlichkeit. Du wirst vielen fehlen.“