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IdeenfabrikFamilienfreundlichkeit steht bei Arbeitnehmern im Kreis Euskirchen hoch im Kurs

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Ein Dachdecker deckt im Regen ein Dach in der Euskirchener Innenstadt.

Im Handwerk spielt Homeoffice zwar eine untergeordnete Rolle, aber auch hier kann Flexibilität zur Familienfreundlichkeit beitragen.

Deutlich wurde, dass flexible Zeitmodelle Jobs interessant für Arbeitnehmer machen - und unabdingbar für die  Fachkräftesicherung sind.

Im Wettbewerb um Fachkräfte wird Familienfreundlichkeit für Unternehmen und Regionen zunehmend zu einem entscheidenden Standortvorteil. Darin waren sich die Gesprächspartner beim „Wirtschaftsfaktor Familie“ des Kreises Euskirchen einig. Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung, Wirtschaftsförderung und Arbeitsmarktpolitik diskutierten in der Ideenfabrik des Kreises Euskirchen darüber, wie sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch unter schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stärken lässt.

Landrat Markus Ramers betonte, dass Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber derzeit gleichermaßen unter Druck stünden. Hohe Energie- und Lohnkosten sowie wirtschaftliche Unsicherheiten führten vielerorts dazu, dass Themen wie Familienfreundlichkeit zunächst in den Hintergrund rückten. Genau das sei jedoch ein Fehler: „Wenn wir attraktiv und zukunftsfähig bleiben wollen, brauchen wir kluge Köpfe in Unternehmen und Verwaltungen“, sagte Ramers. Fachkräfte fragten heute nicht mehr nur nach dem Gehalt, sondern zunehmend nach flexiblen Arbeitszeiten, Teilzeitmöglichkeiten und mobilem Arbeiten.

Kreis Euskirchen: Gute Kitas und Schulen sind wichtig für Familien

Neben flexiblen Arbeitsmodellen brauche es vor allem eine verlässliche Infrastruktur für Familien – von guten Kitas und Schulen bis hin zur Gesundheitsversorgung. Gerade kleinere Betriebe könnten solche Angebote nicht allein stemmen. Netzwerke wie der „Wirtschaftsfaktor Familie“ seien deshalb wichtig, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Auch die Kreisverwaltung selbst setze seit Jahren auf familienfreundliche Strukturen.

Gesprächsrunde mit Julia Kloska-Knapp.

Schilderte die Erfahrungen ihres Familienbetriebs Kloska in Gemünd mit drei Standorten und 17 Mitarbeitenden: Julia Kloska-Knapp.

Der Kreis Euskirchen sei bereits früh als familienfreundlicher Arbeitgeber zertifiziert worden. Flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten, Teilzeitangebote, Teilzeitausbildungen und Tandem-Führungsmodelle gehörten inzwischen zum festen Instrumentarium. Gleichzeitig müsse der Dienstbetrieb funktionieren, weshalb individuelle Lösungen je nach Arbeitsbereich notwendig seien.

Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt stehen im Fokus

Aus Sicht von Ulla Thönnissen übernimmt der Region Aachen Zweckverband vor allem die Rolle eines Netzwerkers. Über Projekte wie das Kompetenzzentrum Frau und Beruf oder die Regionalagentur NRW beschäftige man sich intensiv mit den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Dieser werde sich durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz künftig noch stärker wandeln. Thönnissen sieht in Künstlicher Intelligenz nicht nur Rationalisierungspotenziale, sondern auch Chancen für familienfreundlichere Arbeitsmodelle.

Unternehmen müssten sich zunehmend von der Vorstellung lösen, dass Beschäftigte zwingend zwischen 8 und 17 Uhr physisch anwesend sein müssten. Entscheidend sei vielmehr, dass die Arbeit erledigt werde. Netzwerke könnten dabei helfen, gute Beispiele sichtbar zu machen und Vorbehalte abzubauen.

Nach ihrer Einschätzung hat sich in den vergangenen Jahren bereits viel verändert. Familienfreundliche Arbeitsmodelle seien heute deutlich stärker akzeptiert als früher – nicht zuletzt, weil Unternehmen dringend Fachkräfte benötigten. Gleichzeitig forderten Frauen immer selbstbewusster ein, Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren zu können.

Blick auf die Talkrunde. Landrat Markus Ramers spricht gerade ins Mikrofon.

Talkrunde zum Thema Familienfreundlichkeit: Auch Landrat Markus Ramers berichtete über seine Erfahrungen.

Wie groß das bislang ungenutzte Potenzial ist, machte Astrid Hahn, Geschäftsführerin des Jobcenters Eu-Aktiv, anhand konkreter Zahlen deutlich. Im Kreis Euskirchen seien rund 1700 Frauen arbeitslos gemeldet, darunter etwa 850 Alleinerziehende. Bei rund 350 Frauen scheitere eine Beschäftigung aktuell vor allem an fehlender Kinderbetreuung. „Familienfreundlichkeit ist längst kein Sahnehäubchen mehr, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit“, sagte Hahn.

Unternehmen könnten es sich angesichts des Fachkräftemangels nicht leisten, dieses Potenzial ungenutzt zu lassen. Besonders wichtig seien flexible Betreuungsangebote – auch in Rand- und Ferienzeiten. Klassische Öffnungszeiten vieler Einrichtungen reichten für Schichtarbeit oder flexible Arbeitszeiten oft nicht aus.

Traditionelle Rollenbilder müssen überwunden werden

Darüber hinaus warb Hahn dafür, traditionelle Rollenbilder zu überwinden. Noch immer würden Frauen häufig als weniger verlässlich wahrgenommen, wenn familiäre Verpflichtungen hinzukämen. Moderne Arbeitszeitmodelle und Homeoffice-Lösungen könnten helfen, Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren. „Wir müssen mit alten Denkweisen aufräumen“, forderte sie.

Ein weiterer Impuls kam von Christina Hölbling, Koordinatorin berufliche Bildung und Übergangsmanagement bei den Nordeifelwerkstätten. Sie machte darauf aufmerksam, dass Familienfreundlichkeit auch Menschen mit Behinderung und deren Angehörige mitdenken müsse. Die Nordeifelwerkstätten beschäftigen mehr als 1500 Mitarbeitende und gehören damit zu den größten Arbeitgebern im Kreis Euskirchen. „Familienfreundlichkeit leben wir nicht nur, wir setzen sie auch konkret um“, betonte Hölbling.

Familienlotsen begleiten die Beschäftigten

Dazu gehören ihr zufolge unter anderem sogenannte Familienlotsen in Personalabteilung, Betriebsrat und Arbeitssicherheit. Sie begleiten Beschäftigte beispielsweise beim Wiedereinstieg nach familiären Auszeiten oder unterstützen Mitarbeitende, die Angehörige pflegen. Teilzeitmodelle, flexible Arbeitszeiten und kreative Jobsharing-Lösungen gehörten ebenfalls zum Alltag des Sozialunternehmens.

Besonders wichtig sei dabei eine offene Haltung im Unternehmen. „Wir schauen nicht darauf, ob Männer oder Frauen Elternzeit nehmen – wir unterstützen beides gleichermaßen“, sagte Hölbling. Gerade in sozialen Berufen seien flexible Lösungen unverzichtbar, da die Betreuung von Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen nicht einfach ins Homeoffice verlagert werden könne.

Auch aus dem Handwerk kamen deutliche Signale für mehr Familienfreundlichkeit. Julia Kloska-Knapp schilderte die Erfahrungen ihres Familienbetriebs Kloska in Gemünd mit drei Standorten und 17 Mitarbeitenden. Homeoffice sei in einer Kfz-Werkstatt zwar kaum möglich, dennoch gebe es zahlreiche Wege, Beschäftigte flexibel zu unterstützen.

Arbeitszeiten im Betrieb an familiäre Situationen angepasst

Kloska-Knapp absolvierte selbst vor rund 20 Jahren ihre Ausbildung in Teilzeit während der ersten Schwangerschaft und arbeitete anschließend ebenfalls in Teilzeit weiter. Gemeinsam mit ihrem Mann habe sie sich die Kinderbetreuung geteilt – zeitweise arbeitete er in Teilzeit, während sie den Betrieb mit aufbaute.

„Wenn Frauen arbeiten wollen, dann können sie das auch – aber es braucht Unterstützung und flexible Modelle“, sagte sie. In ihrem Betrieb sei es selbstverständlich, dass Beschäftigte ihre Arbeitszeiten an familiäre Situationen anpassen könnten. Mitarbeitende könnten Kinder mitbringen oder Arbeitszeiten flexibel verschieben, wenn Betreuungsengpässe entstünden.

Einigkeit herrschte am Ende darüber, dass familienfreundliche Arbeitsbedingungen längst kein „weiches Thema“ mehr seien. Vielmehr gelten sie zunehmend als entscheidender Faktor für Wettbewerbsfähigkeit, Fachkräftesicherung und die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der gesamten Region.


Gemeinde Weilerswist ist „attraktiver Arbeitgeber“

Die Gemeinde Weilerswist hat zum zweiten Mal am Zertifizierungsverfahren zum „Attraktiven Arbeitgeber“ teilgenommen. Bürgermeister Dino Steuer machte deutlich, dass das Thema für ihn von Beginn an eine hohe Priorität hatte – obwohl er sein Amt erst kurz zuvor angetreten hatte. „Ich bin nicht in ein bestehendes Unternehmen hineingewachsen, sondern war immer darauf angewiesen, gemeinsam mit Teams zu arbeiten und Menschen mitzunehmen“, sagte Steuer.

Besonders innovativ ist nach Ansicht der Juroren die Arbeitsorganisation der Gemeindeverwaltung. Feste Öffnungszeiten gibt es dort nicht mehr – stattdessen arbeitet die Verwaltung meist mit Terminvereinbarungen. Bürgerinnen und Bürgern beschert das verlässliche Ansprechpartner und kürzere Wartezeiten, den Mitarbeitenden mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung.

Dino Steuer (r.), Bürgermeister von Weilerswist, und Alexander Eskes (l.), Beigeordneter.

Bürgermeister Dino Steuer (r.) und der Beigeordnete Alexander Eskes nahmen die Auszeichnung für die Gemeinde Weilerswist entgegen.

Gleichzeitig betonte Steuer, dass Familienfreundlichkeit nur funktioniere, wenn Führungskräfte Vertrauen in Beschäftigte hätten. Gerade in Zeiten von Krankheitswellen oder kurzfristigen Betreuungsausfällen müsse mobiles Arbeiten unkompliziert möglich sein.

„Manchmal muss man als Verwaltung einfach machen“, sagte er. In der Praxis bedeute das auch, individuelle Lösungen zuzulassen. Mitarbeitende könnten kurzfristig ins Homeoffice wechseln oder Arbeitszeiten flexibel anpassen, wenn familiäre Situationen dies erforderten. Selbst in Bereichen mit Präsenzpflicht wolle die Gemeinde, pragmatische Wege finden.