Die Nachfolge des maroden Brandschutzzentrums in Schleiden wird ein Multi-Millionen-Projekt für Feuerwehr, Kreis Euskirchen und weitere Organisationen.
BevölkerungsschutzKreis plant Gefahrenabwehrzentrum an der B266 in Kommern

Ende der 1960er-Jahre wurde das heutige Brandschutzzentrum gebaut. Der Gebäudekomplex ist marode und viel zu klein.
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Schimmel, Feuchtigkeit, undichte Fenster, fehlende Dämmung, Stoß-, Stolper- und Rutschgefahr, gefährliche Engstellen, Defizite bei Brand- und Arbeitsschutz. Das sind nur einige Punkte auf der Mängelliste für das jetzige Brandschutzzentrum des Kreises in Schleiden. Die Gutachter des Ingenieurbüros „antwortING“ kommen für den maroden Komplex zu einem eindeutigen Schluss: „Eine Sanierung wäre mit erheblichem Aufwand verbunden und voraussichtlich nicht wirtschaftlich.“
Da Standort, Flächen und Topographie am Fuße des Ruppenbergs keine realistischen Optionen für eine zeitgemäße Einrichtung bieten, wird nun ein Neubau geplant. Dieser soll kein reines Brandschutz-, sondern ein Gefahrenabwehrzentrum (GAZ) werden, in dem verschiedene Akteure arbeiten und auf ebenso verschiedene Lagen und Krisen reagieren können. Der ins Auge gefasste Standort liegt deutlich zentraler im Kreis: Im Gewerbegebiet Kommern an der B266, so dass in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Menschen und potenzielle Einsatzstellen erreicht werden können.
Das Brandschutzzentrum in Schleiden wurde Ende der 1960er-Jahre gebaut
Ende der 1960er-Jahre wurde der Komplex gebaut und war als Baubetriebshof konzipiert. Seit 1972 wird er als Kreisbrandschutzzentrum genutzt. „Das war in den 70ern toll. Da passte sogar der Kran rein. Aber die Themen haben sich geändert“, sagt Martin Fehrmann, Leiter der Abteilung Gefahrenabwehr beim Kreis. Ging es damals tatsächlich nur um den Brandschutz, kamen im Laufe der Jahre immer mehr Aufgabenfelder hinzu: Hilfeleistung, Gefahrstoffe, nicht zuletzt multiple Krisen mit Pandemie, Flut und Krieg.

Der markante Schlauchturm prägt das Bild des Brandschutzzentrums.
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Der Betrieb in Schleiden wurde und wird natürlich aufrechterhalten, jedoch ist sehr vieles Improvisation. Möglichkeiten für signifikante Verbesserungen gibt es nicht. Um wieder mal eine akute Not zu lindern, wird auf dem Platz zur B258 hin in den kommenden Wochen eine Leichtbauhalle installiert, in der unter anderem zwei weitere Lkw-Stellplätze geschaffen werden.
Verschiedene Aspekte der Gefahrenabwehr sollen in ein Zentrum
Nicht zuletzt die jüngsten Krisen haben gezeigt, dass ein isoliertes Brandschutzzentrum nicht mehr viel Sinn macht. Daher ist Kern der Überlegungen, es zu einem Gefahrenabwehrzentrum weiterzuentwickeln. „Nach der Flut ist eine Konsequenz, den Bevölkerungsschutz im Kreis stark zu machen. Das Gefahrenabwehrzentrum ist ein letzter wichtiger Baustein“, sagt Landrat Markus Ramers. Aber auch: „Wir werden sicherlich nicht ins Blaue bauen und ein Schild ,Gefahrenabwehrzentrum’ dran machen.“
Daher sei die Bedarfsanalyse mit allen infrage kommenden Protagonisten so wichtig gewesen. In das nun vorliegende Gutachten sind die Erkenntnisse aus Workshops eingeflossen, an denen neben den Feuerwehren und Ordnungsämtern der elf Kommunen auch die Katastrophenschutz-Organisationen wie DRK oder THW sowie der Kreis selbst mit der Abteilung Gefahrenabwehr, dem Veterinär- und dem Gesundheitsamt vertreten waren.
Der Kreis Euskirchen hat Lehren aus den vergangenen Krisen gezogen
Neben der für den Kreis weiterhin so prägenden Flutkatastrophe nennen Fehrmann und Geschäftsbereichsleiterin Julia Baron die Corona-Pandemie als Beispiel für viele Lehren aus den Krisen, die ins GAZ-Konzept einfließen und erklären, warum etwa das Gesundheitsamt dort auch eine Rolle spielt. „Es musste eine Impfstelle eingerichtet werden. Das Glück, das wir damals mit der Eifelhöhen-Klinik hatten, hat man nicht immer“, so Baron. Also werden im neuen Zentrum Optionen für eine solche Stelle geschaffen.

Das Wappen des Kreises auf dem Schild hat schon bessere Tage gesehen.
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In einem Lager im Van-Dooren-Komplex in Vogelsang hält der Kreis weiterhin Masken, Schutzausrüstung und Rettungsdienst-Material vor, um bei einer erneuten Pandemie nicht so kalt erwischt zu werden wie von Corona. Van Dooren ist wahrlich nicht optimal, wie Fehrmann sagt – doch Alternativen gibt’s aktuell nicht.
Lagerflächen sollen im neuen Zentrum ausreichend geschaffen werden. Dass es dabei nicht nur um Feuerwehr, Rettungsdienst und Bevölkerungsschutz geht, zeigt das Bespiel Veterinäramt. Auch hier gibt es übergeordnete (auch europaweite) Konzepte, um Tierseuchen zu begegnen, für die von Schutzausrüstung über Zaunmaterial bis hin zu Desinfektionsmöglichkeiten Material vorgehalten werden muss. Auch das kommt ins GAZ – auch hier sind, etwa im Bereich Desinfektion, Synergien zu schaffen. Doppelte Arbeit und doppelte Vorhaltungen sollen durch das Zusammenspiel der verschiedenen Organisationen minimiert werden.
Das Zentrum wird auch räumlich eine große Einrichtung
Durch die verschiedenen Player und die komplexe Thematik wird das GAZ auch eine räumlich große Einrichtung. In einer ersten Berechnung geben die „antwortING“-Ingenieure eine Brutto-Grundfläche von 7168 Quadratmetern und Außenfläche von 9714 Quadratmetern an. Neben den Einrichtungen des Brandschutzzentrums könnte die Feuerwehrschule als Ausbildungszentrum entstehen samt entsprechender Übungseinrichtungen (siehe weiter unten: „Die Bedarfslisten“). Eine Nottankstelle für 100.000 Liter Diesel inklusive kleinerer Fahrzeuge, um diese zu verteilen, gehört genauso zum Plan wie ein Notbrunnen oder eine Redundanz für den Notbetrieb des Kreis-Lagezentrums.
Welche weiteren Aufgaben im Zivilschutz auf den Kreis zukommen, ist noch unklar. Doch auch dieser Punkt wird mitgedacht: Unter anderem sind im Gutachten bereits Flächen für die Einlagerung von Lebensmitteln genannt.
Schutzräume und Bunker sind ein Thema, das im GAZ berücksichtigt, aber noch nicht kreisweit flächendeckend angegangen wird, weil entsprechende Regelungen und Vorgaben fehlen und laut Baron die Frage erörtert wird, ob das noch eine richtige Maßnahme ist.
Noch ist unklar, wie viel Personal benötigt wird
Sieben Mitarbeiter sind aktuell im Brandschutzzentrum tätig. Ob und wie viele weitere Stellen im GAZ benötigt werden, ist offen. Dabei werden verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Die im Gutachten beschriebenen Zeiten im Einsatzfall etwa. Egal, zu welcher Uhrzeit: Zehn Minuten sollten es bis zum Ausrücken aus dem Zentrum sein, dann 20 Minuten Fahrt bis zur Einsatzstelle. Im Gutachten ist bei einer adäquaten Besetzung von haupt- oder ehrenamtlichen Einsatzkräften die Rede. Dass letztere jedoch hinzugezogen werden, hält Baron für eher unwahrscheinlich.
Alleine für den Bau geben Gutachter Kosten von bis zu 35 Millionen Euro an
Dass es ein Multi-Millionen-Projekt ist, steht fest. Doch wie teuer es wird, weiß noch niemand. Einen ersten Anhaltspunkt liefern die Gutachter. Rund 18,8 bis 35,5 Millionen Euro geben sie für den Bau an, gemittelt wären es 25,2 Millionen.
Nicht darin enthalten sind Grundstück und Erschließung sowie Ausstattung, beispielsweise die Nottankstelle. Und: Aufgrund der Baukostenentwicklung empfehlen die Ingenieure gleich mal, sich am Maximalpreis des Kostenrahmens zu orientieren.
Die Politik ist zuerst am Zug, einen konkreten Zeitplan gibt es noch nicht
Zunächst ist die Politik am Zug: Am Donnerstag, 11. Juni, 17 Uhr, befasst sich der Fachausschuss für Gesundheit und Bevölkerungsschutz mit dem Thema, der Kreistag am Mittwoch, 1. Juli, 17 Uhr. Bei einem entsprechenden Votum geht die Verwaltung auf Basis des Gutachtens in die Planungen. Neben räumlichen und inhaltlichen Fragen geht es auch um die nötigen Grundstücke und die Haushaltsmittel.
Wann die Bagger anrollen und wann das Zentrum in Betrieb gehen kann, ist völlig offen. Einzig Ramers nennt mal eine Zahl, doch ernst ist es ihm damit nicht: Da er in Wahlperioden denke, fände er 2030 schon gut. Er, Julia Baron und Martin Fehrmann lachen herzlich – für seriöse Prognosen ist es viel zu früh. Eines ist Ramers mit Blick auf das Ehrenamt wichtig, in dem tausende Engagierte im Kreis die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr tragen: „Ehrenamt braucht professionelle Strukturen und Unterstützung durch das Hauptamt.“
Die Bedarfsliste
Was gehört ins GAZ? Dieser Frage sind Feuerwehren, Kreis und Katastrophenschutzorganisationen in Workshops nachgegangen. Daraus resultiert die Liste der Bedarfe, die ins Gutachten eingeflossen ist.
Am umfangreichsten dürfte der Feuerwehr-Bereich werden. Neben in Schleiden bereits vorhandenen Einrichtungen wie Schlauchpflege, Atemschutz- und Funkwerkstatt werden beispielsweise eine Wäscherei und mobile Kleiderkammer sowie eine Sandsackfüllanlage genannt.
Für die Ausbildung sind zahlreiche Dinge vorgesehen, die es so noch nicht im Kreis gibt und erst recht nicht gebündelt an einem Standort. Auf der Bedarfsliste stehen die Real- und Heißbrandausbildung, Gruben- und Schachtrettung sowie Absturzsicherung, realistische Übungsobjekte, die Schaumausbildung und Bahnunfälle sowie der Bereich PV-Auflagen und Hochvolt.
Kurios mag sich ein Baumbiegesimulator anhören. Dabei handelt es sich um ein Gerät, mit dem sicheres Sägen von unter Spannung stehenden Bäumen trainiert wird – womit die Feuerwehrleute etwa bei Stürmen häufig konfrontiert werden. Ähnliches gilt für den Fahrsimulator. Spektakulär wie Simulatoren aus der Luft- und Raumfahrt sei ein solcher wahrlich nicht, sagt Martin Fehrmann. Und auch nicht unüblich: Im Nachbarkreis Düren gebe es bereits einen.

Mit Wechselladerfahrzeugen, hier mit dem Abrollbehälter Atemschutz, werden verschiedene Materialien zu Einsatzstellen der Feuerwehr im Kreis Euskirchen gebracht.
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Mit Wechselladerfahrzeugen können Container mit verschiedener Beladung zu Einsatzstellen gebracht werden. Zwei weitere Fahrzeuge sind dafür bereits beschafft. Und die Liste mit den AB, also den Abrollbehältern, die schon jetzt zu weiten Teilen vorhanden sind und auch im Gefahrenabwehrzentrum vorgehalten werden sollen ist entsprechend lang: Atemschutz, Sonderlöschmittel, Wald-/Vegetationsbrand, Atemschutz, Schlauch, Schaum, Hygiene (WC), Wasser, Mulde, Einsatzkleidung, Besprechung und Hochwasser.
Reservefahrzeuge sollen für den Rettungsdienst wie für die Feuerwehr im GAZ vorgehalten werden. Angesichts der Lieferzeiten von mehreren Jahren können die nicht spontan gekauft werden, wenn ein Rettungswagen oder ein Löschfahrzeug unerwartet den Geist aufgibt. Für die Feuerwehr werden eine Drehleiter und ein Löschfahrzeug genannt, für den Rettungsdienst unter anderem sieben Rettungswagen.
Schulungsräume für bis zu 100 Personen, Büros und Stellplätze haben alle Beteiligten als Bedarf angemeldet. Hier lassen sich Synergieeffekte nutzen, da diese nicht alle gleichzeitig benötigen werden.
Die Aufgaben
Für die Feuerwehr ist im NRW-Gesetz über den Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz (BHKG) festgelegt, wer für was zuständig ist. Träger der Feuerwehren und entsprechend verantwortlich sind die Städte und Gemeinden. Die Kreise hingegen unterhalten unter anderem die Leitstelle und Einrichtungen wie das Brandschutzzentrum, um überörtliche Bedarfe abzudecken und im Fall von Großeinsatzlagen und Katastrophen zu reagieren.
Im Brandschutzzentrum in Schleiden sind auch Einrichtungen und Einsatzmittel, bei denen es zu teuer und aufwendig wäre, wenn jede der elf Kommunen sie vorhalten würde. Neben der Atemschutz- und Schlauchwerkstatt ist dies beispielsweise die Atemschutzstrecke. Mit den Fahrzeugen rücken die Mitarbeiter zu Einsatzstellen aus, durch eine Rufbereitschaft wird dies rund um die Uhr sichergestellt. Am bekanntesten ist hier der AB-Atemschutz, ein Container auf einem Wechselladerfahrzeug, um die Einsatzkräfte mit weiteren gefüllten Pressluftflaschen versorgen zu können. Unter anderem wird auch Schlauchmaterial oder Schaum in größeren Mengen vorgehalten und bei Bedarf zu den Einsatzstellen gebracht.
Zu den Aufgaben des Kreises gehört auch der Betrieb einer Feuerwehrschule. Die ist in Schleiden in Form eines Schulungsraumes bestenfalls rudimentär vorhanden. Während die Grundausbildung der Feuerwehrleute bei den Kommunen liegt und die Führungskräfte am landeseigenen Institut der Feuerwehr ausgebildet werden, führt der Kreis etwa Lehrgänge für Truppführer und ABC-Einsatzkräfte sowie Fortbildungen durch.
