Die Jülich-Zülpicher Börde hat sich zu einem Paradies für Greifvögel entwickelt. Gefährdete Weihenarten brüten in Kornfeldern und müssen vor der Mahd geschützt werden.
Rekordjahr für die WeihenIm Kreis Euskirchen wird Naturschutz Hand in Hand praktiziert

Der hungrige Rohrweihen-Nachwuchs im Getreidefeld.
Copyright: Komitee gegen den Vogelmord e.V.
Die Aktionsgemeinschaft „Komitee gegen den Vogelmord“ spricht von einem Rekordjahr für die Weihen in der Jülich-Zülpicher Börde: Bei Kartierungsarbeiten, bei denen es darum geht, die Bestände der jeweiligen Tierarten zu erfassen, wurden neun Nester der in Deutschland stark gefährdeten Wiesenweihe in Getreidefeldern gefunden und damit „so viele wie nie zuvor“, heißt es in einer Pressemitteilung des Komitees. Drei Paare brüteten im Kreis Düren, drei weitere Paare im Rhein-Erft-Kreis, eines in Heinsberg und zwei im Kreis Euskirchen. Zusätzlich seien 22 Bruten der in NRW bedrohten Rohrweihe in Schilfbeständen sowie landwirtschaftlichen Kulturen gefunden worden.
„Absolutes Highlight der diesjährigen Erfassung ist eine erfolgreiche Brut der in Deutschland vom Aussterben bedrohten Kornweihe in einem Weizenfeld im Rhein-Erft-Kreis“, teilte die Aktionsgemeinschaft mit. Dabei handele es sich um den ersten Brutnachweis dieser Art in der Kölner Bucht seit mehr als 130 Jahren und um eines von weniger als zehn Brutpaaren bundesweit.
Zülpicher Börde ist seit einigen Jahren ein Paradies für Greifvögel
Tatsächlich habe sich vor allem die Zülpicher Börde in den letzten Jahren zu einem „Paradies für Greifvögel“ entwickelt, sagt Biologe Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord. Die oft baumlosen, weiten Grasflächen, auf denen es Mäuse im Überfluss gibt, böten perfekte Bedingungen für einen bodenbrütenden Greifvogel. Was die Weihen jedoch nicht wissen: Die vermeintlichen Graslandschaften sind Getreideäcker, und „noch bevor die Küken schlüpfen, laufen vielerorts die Mähdrescher schon warm“, heißt es seitens des Komitees.
Menschliches Eingreifen ist also notwendig, um die seltenen Wildtiere aufzuspüren und ihre Brut zu schützen. Doch wie genau geht das vonstatten? Woran können die Naturschützer erkennen, dass eine Brut existiert? Im Zusammenschluss mit ortsansässigen Vogelkundlern, dem Nabu und den Biologischen Stationen der Kreise Euskirchen, Düren und Bonn/Rhein-Erft versucht das Komitee deshalb seit 2006, alle Brutplätze zwischen Köln und Aachen noch vor der Mahd ausfindig zu machen. Zwischen Mai und Juni sind deshalb viele Menschen mit Ferngläsern unterwegs und beobachten den Himmel.
„Beispielsweise kann man schauen, ob ein Weihe-Männchen seine Beute selber frisst oder wegträgt. Wenn man Glück hat, kann man verfolgen, wo es die Beute hinbringt“, erklärt Hirschfeld. Auch mit Drohnen ließen sich die Brutfelder finden, die häufig in Gerstenfeldern gelegen seien. Und genau das ist ein Problem: Denn die Gerste ist die Getreideart, die als erste erntereif ist – schneller als die Brut der Vögel flügge werden kann.

Eine Wiesenweihe im Flug. Sie hat eine Flügelspannweite von bis zu 115 Zentimetern.
Copyright: privat/Thomas Krumenacker

Landwirt Christian Bongard an seinem abgeernteten Gerstenfeld, auf dem drei junge Rohrweihen flügge wurden.
Copyright: Heike Nickel

Vier Wiesenweihe-Jungvögel in ihrem Nest. Ihr Bestand ist ebenfalls stark gefährdet.
Copyright: Komitee gegen den Vogelmord e.V.
Was hier schon seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert wird, ist eine „gutgeschmierte, interprofessionelle Zusammenarbeit“ von Naturschutz, Verwaltung und Landwirtschaft. „Wenn wir ein Nest finden, melden wir das an die Naturschutzbehörde des Kreises Euskirchen“, so Axel Hirschfeld.
Gute Zusammenarbeit mit den Landwirten in der Börde
Ansprechpartnerin im Kreis Euskirchen ist Anne Hänfling von der Unteren Naturschutzbehörde: „Wenn wir eine solche Meldung erhalten, können wir über das Kataster das entsprechende Flurstück herausfinden und per Amtshilfe der Landwirtschaftskammer an die Landwirte herankommen, denen die entsprechenden Felder gehören.“ Die Landwirte seien immer sehr kooperativ, sagt Biologe Hirschfeld. Damit um die gefundenen Nester Schutzzonen von 25 mal 25 Meter eingerichtet werden können, wird über die Naturschutzbehörde des Kreises ein Vertrag mit den Landwirten geschlossen. Vereinbart wird auch ein Ausgleich in Höhe von 400 Euro für die Bewirtschaftungserschwernis, plus eine Prämie für jeden flügge gewordenen Jungvogel.
Die Natur gibt in meinem Beruf immer den Rhythmus vor. Nicht anders war es mit dem Rohrweihen-Nest.
„Sobald der Landwirt absehen kann, wann er erntet, meldet er das, und die Biologen stellen dann um das Nest einen Elektro-Weidezaun auf, um Füchse, Hunde und Marder von der Brut fernzuhalten“, sagt Hänfling, die betont, dass „die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten reibungslos läuft“. Jedes Jahr könnten so etliche Weihennester geschützt werden. Anne Hänfling: „Im Kreisgebiet wurden dieses Jahr 14 Bruten gemeldet, von denen vier gescheitert sind. Insgesamt wurden 19 Rohrweihen-Jungvögel und sechs Wiesenweihen-Jungvögel flügge.“
Einer der Landwirte, die die Schutzmaßnahme gerne mit unterstützt hat, ist Christian Bongard aus Weilerswist-Vernich. Auf einem der von ihm bewirtschafteten Felder mit Gerste unweit der Kiesgrube in Vernich konnten drei junge Rohrweihen flügge werden. „Das ist ein schönes Zeichen, dass diese Tiere bei uns brüten und wir Landwirte das unterstützen können“, sagt der 31-Jährige. Die Natur gebe in seinem Beruf immer den Rhythmus vor, nicht anders war es mit dem Rohrweihen-Nest. Die 20 mal 20 Meter große Schutzfläche für die Brut konnte er erst einige Zeit nach der eigentlichen Ernte abräumen. „Das ist für uns schon Extraarbeit, man muss noch mal mit Traktor und Mähdrescher rauskommen. Stehenlassen können wir das Getreide nicht, sonst sät es sich wieder aus“, so der Landwirt.
Schmunzelnd zeigt Bongard auf ein Areal direkt neben dem Feld, auf dem das Rohrweihenpaar gebrütet hat. „Das da ist eine Ausgleichsfläche. Naturbelassen, geschützt und als Rückzugsort für Wildtiere gedacht. Trotzdem haben die Vögel das Gerstenfeld gewählt.“ Den jungen Landwirt scheint das trotz Mehrarbeit keineswegs zu stören.
Fast ausgestorben mangels passendem Lebensraum
Kornweihen gelten in Deutschland mangels passendem Lebensraum als nahezu ausgestorben, sagt der NABU. Entsprechend selten sind sie als Brutvögel hierzulande zu finden. Der mittelgroße Greifvogel mit seinem eulenartigen Gesichtsausdruck hat einen schlanken Körperbau und einen langen Schwanz.
Die Wiesenweihe sieht der Kornweihe sehr ähnlich, ist jedoch schmaler und hat spitzere Flügel. Ihr Bestand ist stark gefährdet, da auch für diesen Greifvogel Lebensraum und Brutgebiete drastisch zurückgegangen sind. Im Gegensatz zur Kornweihe ist die Wiesenweihe ein Langstreckenzieher und verbringt den Winter südlich der Sahara.
Die Rohrweihe gilt in NRW als bedrohte Art. Sie hat ein gut erkennbares Flugbild: Sie segelt flach und schaukelnd über den Boden und hat dabei eine V-förmige Gestalt. Zum Überwintern zieht die Rohrweihe mehrheitlich nach Afrika. Im Frühjahr kehrt sie bereits früh, im März und April, wieder zurück. (hn)
Gute Zusammenarbeit aller Beteiligten führt zu Erfolgen
Das Komitee gegen den Vogelmord e.V. gibt es bereits seit 1975. Es versteht sich als eine reaktionsschnelle Aktionsgemeinschaft, die dank ihrer Struktur überall dort, wo wildlebende Vögel bedroht sind, schnell eingreifen kann.
„Wenn wir Handlungsbedarf sehen, gründen wir keine Arbeitsgruppen oder Kommissionen und halten auch keine Konferenzen ab – wir werden einfach aktiv!“, heißt es auf der Homepage des international tätigen Vereins mit Sitz in Bonn, dessen Ziel es ist, die Jagd auf Wildvögel zu beenden.
„Wir schreiten insbesondere dort ein, wo Vogelfänger, Jäger oder Tierhändler gegen geltendes Naturschutzrecht verstoßen. Alle Aktionen und Einsätze werden in enger Zusammenarbeit mit den Naturschutzbehörden oder den zuständigen Dienststellen von Polizei, Forstverwaltung oder Zoll durchgeführt“, heißt es in der Selbstdarstellung auf der Internetseite des Komitees. Durch die jahrzehntelange Erfahrung in der Bekämpfung von Artenschutzkriminalität in mehr als 15 Ländern der Erde konnte sich der Verein eine entsprechend große Expertise verschaffen.
Auch beim Schutz der gefährdeten Weihenarten in der Jülich-Zülpicher Börde arbeiten die Mitglieder des Komitees gegen den Vogelmord eng mit Naturschützern, Landwirten, lokalen Ornithologen sowie der Landwirtschaftskammer und den Kreisverwaltungen zusammen.
Mit Erfolg: Die Zahl von insgesamt 32 Weihen-Bruten ist ein Rekord. Diplom-Biologe Axel Hirschfeld, Pressesprecher des Komitees: „Der diesjährige Erfolg wäre ohne die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten nicht möglich gewesen.“

