MotorsportSchon vor der Eröffnung des Nürburgrings wurden in der Eifel Autorennen gefahren

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Georg Becker sitzt am Steuer seines Nachbaus des Fords von Gustav Münz mit der Startnummer 53.

Den Sieger-Ford von Gustav Münz von 1926 hat Georg Becker in einem zweieinhalbjährigen Projekt nachgebaut. Er fährt aber nur höchst selten damit.

Bereits vor der Eröffnung des Nürburgrings wurden in der Eifel Auto-Rennen gefahren. Ab 1922 ging bei den ADAC-Eifelrennen rund um Nideggen an den Start, was im Motorsport Rang und Namen hatte.

Noch bevor es den Nürburgring gab, war die Nideggener Rennstrecke bereits ein Publikumsmagnet in der Eifel. Am Start waren alle, die im damaligen Motorsport Rang und Namen hatten. Und Außenseiter Gustav Münz aus Düren. Die Ausstellung „Die historischen Eifelrennen ab 1922 – Ursprung einer Motorsportlegende“ im Burgenmuseum Nideggen versetzt Fans und Interessierte aktuell noch einmal in die Anfangszeit des deutschen Motorsports.

Es knatterte, es krachte, es stank und es staubte. Hühner und Gänse flatterten aufgeschreckt um ihr Leben. Am Morgen des 15. Juli 1922 startete auf dem Parkplatz der Burg Nideggen das erste ADAC-Eifelrennen, die „Deutsche Tourist Trophäe“. 20 bis 30 Renn- und Beifahrer in Autos und auf Motorrädern bretterten mit bis zu 75 Stundenkilometern teils auf Pflasterstein, meist auf Schotterstraßen nach Berg, weiter durch Wollersheim, Vlatten, Heimbach, Hasenfeld, Schmidt, Brück und zurück nach Nideggen.

Beim ersten Rennen kamen noch Hühner und Schweine unter die Räder

Waren beim ersten Rennen etliches Gefieder und gar Schweine unter die Räder gekommen, galt ab der zweiten Auflage zumindest innerorts Sicherheit vor Schnelligkeit, in erster Linie für Teilnehmer und Zuschauer: Die Fahrer erhielten für jede Ortsdurchfahrt fünf Minuten Zeit, die vom Gesamtergebnis abgezogen wurde.

Denn Zuschauer gab es reichlich. Die Eifelrennen waren ein Event. Schaulustige aus dem Umland, aus Aachen, Köln und darüber hinaus, strömten zu Tausenden in den damaligen Luftkurort Nideggen, versorgt mit Esspaketen, Bierfässern und Musikinstrumenten. Unterwegs lasen sie „Kaffeewasser 2 Pfennig“ auf Pappschildern an Fensterscheiben. Viele kamen zu Fuß, mit Fahrrad oder Kutsche.

Georg Münz und Jette Bork-Wagenblast halten ein großformatiges Foto, das Gustav Münz als Sieger der Eifel-Rundfahrt 1926 in seinem Ford zeigt.

Stolz auf ihren Urgroßvater Gustav Münz sind Georg Münz und Jette Bork-Wagenblast.

Wer es sich leisten konnte, reiste mit der Bahn an oder parkte sein eigenes Auto für stolze drei Mark auf einer der Weiden von Nideggen und Heimbach. Denn, so der Geschäftssinn der Eifeler: Wer ein Auto besitzt, hat auch Geld. Allein im abgeriegelten Wiesenkarree an Start und Ziel in Höhe der Burg Nideggen standen 200 Zuschauerautos. Von den Radfahrern verlangten die Bauern dagegen „nur“ fünf Pfennige für das Unterstellen in den Scheunen.

1923 gab es kein Rennen: Französische und belgische Truppen hatten das Ruhrgebiet wegen rückständiger Reparationszahlungen Deutschlands besetzt, die Reichsregierung zum passiven Widerstand aufgerufen. Doch schon für das zweite Rennen 1924 wurde die Veranstaltung von zwei auf drei Tage erweitert.

Auf Augenhöhe mit der riskanten Rennstrecke „Targa Florio“ auf Sizilien

Der motorsportfreundliche Landrat des Kreises Schleiden, Josef Graf von Spee, verhalf mit seiner Genehmigung des Eifelrennens dem deutschen Motorsport aus den Kinderschuhen. ADAC-Sportleiter Max Schleh hatte zuvor die Rundstrecke um Nideggen entdeckt, die Gauversammlung des ADAC-Gau IV (Verwaltungseinheit) hatte sie zum Veranstaltungsort gekürt.

Neben der Nideggener gab es andere deutsche Strecken, etwa in Bad Neuenahr. Diese waren wohl nicht so beliebt, da langweiliger zu fahren. Die Eifelstrecke wurde auf Augenhöhe mit der riskanten Rennstrecke der „Targa Florio“ auf Sizilien gesehen. Zwar nicht so extrem wie der Kurs in Italien, überwindet sie dennoch 265 Höhenmeter und ist mit 86 Kurven auf 33,2 Kilometern Strecke kurvenreicher. Die längste Gerade misst nur 300 Meter.

Der Nachbau des Fords mit der Startnummer 53 von vorne.

Mit viel Liebe zum Detail wurde der Nachbau des Vorkriegsrennwagens realisiert. Auf der Basis von sechs Fotos ist ein zu 85 Prozent mit dem Original identisches Auto entstanden.

Ein völlig unbeschriebenes Blatt war die Nordeifel jedoch auch zuvor nicht: Motorrad-Vertreter dokumentierten schon 1905 sogenannte Zuverlässigkeitsfahrten von Düren nach Heimbach und zurück.

Beim ersten Eifelrennen 1922 fuhren neben Privat- auch schon Industriefahrer mit, quasi Profis. Eine gesonderte Bewertung forderten die Privatfahrer vergebens. Auch gab es keine Einteilung in Touren-, Sport- und Rennwagen. So war Sieger des ersten Rennens der Profi Fritz von Opel mit seinem Bruder Hans als Beifahrer. In der Klasse bis acht Steuer-PS fuhren sie 166 Kilometer (fünf Runden) in 2:19:30 Stunden.

Auch Rennsportlegende Rudolf Caracciola war am Start

Ihr Fahrerlager war der „Eifeler Hof“ in Heimbach. Mit am Start war Rudolf Caracciola aus Remagen, Spitzname Karratsch, der es als Amateur mit einem Fafnir-Auto seines Onkels aus den Aachener Werken nicht ins Ziel schaffte. Doch er sollte danach der erfolgreichste Automobilrennfahrer vor dem Zweiten Weltkrieg in Europa werden.

Erst einmal nicht aufs Siegertreppchen kam auch ein anderer Fahrer, Gustav Münz. Er startete als privater Außenseiter, hatte aber Schraub- und Rennerfahrung: Er war Automechaniker mit eigener Werkstatt in Düren, arbeitete vor dem Ersten Weltkrieg für die Mercedes-Benz-Werke, fuhr in ihrem Auftrag Prominenz durch Europa, darunter Kaiser Wilhelm II. Als erster Monteur von Otto Salzer, einem der ersten professionellen Rennfahrer Deutschlands, stellte Münz mit ihm schon 1908 beim Grand Prix in Frankreich einen Rundenrekord auf und fuhr eigene Rennen.

Gleich nach dem Start aus der Kurve geflogen

1924 war er beim zweiten Eifelrennen mit einem Bianchi am Start. Erfolglos. 1925 trat er in einem Zwei-Liter-Speed-Ford an. Weder Fahrer noch Presse nahmen ihn ernst. Gleich nach dem Start flog er aus der Kurve. Münz machte weiter. Als Motorhaube und Kotflügel abflogen, spielte die Musik „Wenn du nicht kannst, lass mich mal“. Münz fuhr das Rennen zu Ende und antwortete auf das Gespött: „Meine Herren, wir werden uns wiedersehen, an gleicher Stelle im nächsten Jahr.“

Der Ehrgeiz hatte ihn gepackt: Münz trainierte, schraubte und verbesserte seinen T-Ford mit Drei-Liter-Motor, anderem Zylinderkopf, oben liegender Nockenwelle und Fünf-Gang-Getriebe. Am 14. Juni 1926 fuhr er das Rennen seines Lebens, sachlich und doch verwegen.

Monika und Robert Felten an der Vitrine mit den Siegerpokalen

Die Siegerpokale in der Ausstellung inspizierten auch Kai Felten, der Enkel von Rennfahrer Robert Felten, und Ehefrau Monika. Felten war 1926 nachträglich zum Sieger des Eifelrennens erklärt worden.

Sein Empfang am Ziel sei noch größer als der Applaus der Tausendschaften während des Rennens gewesen, die Hurra-Rufe von Schmidt bis Nideggen-Dorf auf der Burg zu hören, schrieb „Der Mittag“ und zitierte den 45-jährigen Münz: „Es ist ein Leichtes, mit einem Grand-Prix-Bugatti oder einem Mercedes-Kompressor ein Rennen zu gewinnen, es ist aber sehr schwer, mit einem Ford diese Zeiten zu unterbieten.“ Er hatte es geschafft, war das schnellste Rennen gefahren und Sieger der „Deutschen Tourist Trophäe“. Auch fuhr er die schnellste Tagesrunde in 26:10 Minuten.

Auch Henry Ford gratulierte aus den USA

Nicht nur die heimische Bevölkerung jubelte dem aus Schwaben zugezogenen Dürener zu. Henry Ford, Präsident der Ford-Motor-Company, gratulierte per Postkarte aus den USA: „I am hearing you success an congratulate you.“ (sinngemäß: Ich höre von Ihrem Erfolg und gratuliere Ihnen.)

Es ist ein Leichtes, mit einem Grand-Prix-Bugatti oder einem Mercedes- Kompressor ein Rennen zu gewinnen, es ist aber sehr schwer, mit einem Ford diese Zeiten zu unterbieten.
Gustav Münz nach seinem Sieg 1926

Doch   am 17. Juni 1926 musste „Der Mittag“ korrigieren: „Der Gau (IV) Rheinland im ADAC schreibt uns: Entgegen verschiedenen irreführenden Berichten in einzelnen Tageszeitungen soll hiermit nochmals ausführlich festgestellt werden, dass am zweiten Tage der Eifel-Rundfahrt Deutsche Tourist Trophäe (12. Juni): 1. Herr Münz (Düren) auf Ford-Spezialrennwagen die schnellste Zeit aller Rennwagen, und zwar 12 Runden zu 33,2 Kilometer, in der Zeit von 6:07:07 Stunden fuhr, und dass 2. Herr Felten (Wermelskirchen) auf Mannesmann die schnellste Zeit aller Sportwagen, und zwar 8 Runden zu 33,2 Kilometer in der Zeit von 4:00:08 Stunden, fuhr.“ Die Wagen von Felten und Münz gehörten verschiedenen Klassen an. Deren Rennen wurden über unterschiedliche Distanzen ausgetragen.

Felten erhielt einen identischen zweiten Siegerpokal. Münz durfte den Siegerpokal samt Bronzestatue behalten. Georg Becker von den Oldtimerfreunden Grevenbroich, die mit dem MSC-Burgring Nideggen-Eifel Classic die Ausstellung im Burgenmuseum eingerichtet haben, mutmaßt, dass bei dem letzten Eifelrennen eine deutsche Automarke Gewinner sein sollte.

Münz ließ sich die Freude am Rennen nicht verderben: Am 19. Juni 1927 nahm er am ADAC-Eröffnungseifelrennen des Nürburgrings in der Gruppe der Rennwagen teil, schied aber mit einem Motorschaden aus. Insgesamt fuhr Gustav Münz rund 40 Rennen. Der Münz-Spezial, geschmückt mit goldenem Lorbeerkranz, stand danach bis zum 16. November 1944 im Schaufenster seines Autogeschäftes. Dann zerstörten ihn die Bomben der Alliierten.


Oldtimerfreund hat das Siegerauto von Gustav Münz nachgebaut

Das „Fördle“ von Gustav Münz war im Rahmen der Ausstellungseröffnung noch einmal in Nideggen zu sehen – im Nachbau von Georg Becker. Die entsprechende Leidenschaft und Verrücktheit für dieses Projekt hat dem 65-Jährigen von den Oldtimerfreunden Grevenbroich dabei Landrat Dr. Ralf Nolten attestiert.

Seit seiner Jugend zerlegt der Elektromeister im Ruhestand Motoren und schraubt sie wieder zusammen – anfangs Rasenmäher, dann Mopeds, seit Anfang 2000 Oldtimer. Zum 100-Jährigen der Eifelrennen hatte Becker die Idee, den Münz-Rennwagen nachzubauen. Für die Arbeit hat Becker einen alten Kuhstall auf einem Bauernhof gemietet. Neben dem handwerklichen Geschick brauchte Becker auch Zeit: Zweieinhalb Jahre hat er für den Nachbau benötigt.

Blick aufs Cockpit des Ford-Rennwagens mit dem Holzlenkrad.

Für die Innenausstattung des Ford gab es keine Foto-Vorlage.

Sechs Fotos vom Original-Münz-Rennwagen dienten dem Grevenbroicher als Vorlage. Und die zeigten nicht alles: Von der Innenausstattung etwa gab es keine Fotos. Zunächst hat Becker die Karosserie aus Pappschablonen gebaut. Danach erfolgte der Aluminium-Zuschnitt.

Die Aluminium-Karosserie ist fast durchgängig genietet, kaum geschraubt. Sein damals 90-jähriger technikaffiner Schwiegervater hat Becker bei der Blechverformung geholfen. Werkzeug und Maschinen zum Rundwalzen der Motorhaube hat er einer Schlosserei abgekauft, die gerade aufgelöst wurde. Fahrgestell und Motor kamen aus den USA. Extra-Arbeit für Becker: Entgegen der Angabe war der Motor nicht überholt.

Wenn man mit diesem Auto fahren will, muss man zuerst den Kopf leer machen, weil es sich ganz anders fährt als moderne Pkw.
Georg Becker aus Grevenbroich baute den Rennwagen von Münz nach

Zu 85 Prozent sei der Nachbau nun mit dem Original identisch, der Motor nur teilweise modifiziert. „Es war schwer, alle Teile noch zu bekommen“, sagt Becker. So hat der Nachbau vorne keine Bremsen.

Gefahren wird dieser Schatz nur selten, so Becker: „Vom Parkplatz zur Burg hochzufahren, hat mich genug Schweiß gekostet.“ Der Oldtimer hat keine Schalldämpfer, macht einen Höllenlärm und hat eine andere Pedalerie als heute: „Wenn man mit diesem Auto fahren will, muss man zuerst den Kopf leer machen, weil es sich ganz anders fährt als moderne Pkw.“


Die Ausstellung im Nideggener Burgenmuseum

Die Ausstellung im Burgenmuseum Nideggen, Kirchgasse 10, in der auch   die detaillierte Nachzeichnung der Eifelrennen und seltene Originalexponate wie die Pokale von Münz und Felten gezeigt werden, ist bis zum 23. August zu sehen. Geöffnet ist das Museum dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr.