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Zehn BewohnerIm Hospiz in Euskirchen zählt zwischen Leben und Sterben der Moment

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Das Bild zeigt die Leiterin der Einrichtung im Gespräch mit einer Bewohnerin.

Hospiz-Leiterin Christine Poensgen ist seit der Eröffnung vor 13 Jahren in der Einrichtung tätig.

In der Einrichtung der Euskirchener Stiftung Marien-Hospital kümmern sich 28 Mitarbeitende um zehn Bewohner.

Silvester ist etwas ganz Besonderes? Nicht für Ursel Haberland (Name geändert). „Es ist ein Tag wie jeder andere“, sagt sie. So ganz stimmt das dann aber doch nicht. Haberland ist dankbar, den Jahreswechsel noch einmal erleben zu dürfen – sie lebt im Hospiz der Stiftung Marien-Hospital in Euskirchen. Wer die Einrichtung an der ehemaligen Malzfabrik betritt, spürt sofort: Hier geht es nicht nur um das Sterben – hier wird gelebt.

Es duftet nach Kaffee, auf dem Tisch steht ein Stück Bienenstich, in der Ecke glitzert noch der Weihnachtsbaum. Die Atmosphäre ist ruhig, aber nicht bedrückend. Zehn Menschen finden hier ihren letzten Lebensort – und ein Team, das sie mit Herz, Würde und Gelassenheit begleitet. „Wir sprechen von Bewohnern, nicht von Klienten“, sagt Christine Poensgen: „Das hier ist ihr Zuhause auf Zeit. Das soll man spüren.“ Poensgen leitet das Hospiz mit Emmanuel Kiefer.

Hospiz hat zehn Plätze und Bewohner aus ganz Deutschland

Zehn Plätze gibt es im Hospiz – mehr sollen es nicht sein. „Wir wollen jedem Menschen wirklich gerecht werden können“, sagt Poensgen. Anfragen kommen aus dem gesamten Bundesgebiet – von Aachen bis Berlin. „Hospize haben keine Einzugsgebiete. Die Not ist groß, viele Einrichtungen sind überlastet“, so die Euskirchenerin. Die meisten Bewohner bleiben nur wenige Wochen, manche Tage, manche Monate.

Einige schaffen es, stabilisiert noch einmal nach Hause zurückzukehren. „Das ist selten, vielleicht einmal im Jahr, aber wunderschön“, sagt Kiefer: „Denn die meisten Menschen sind am liebsten zu Hause.“ Das Altersspektrum sei sehr breit. „Der jüngste Bewohner war 24, die älteste Dame 104 Jahre alt – bis zuletzt hellwach“, erzählt der Einrichtungsleiter: „Und leider werden die Menschen, die zu uns kommen, im Schnitt immer jünger.“

Je jünger die Bewohner, desto mehr gehen die Schicksale zu Herzen

Je jünger die Bewohner seien, desto mehr gehe ihr Schicksal zu Herzen, berichtet Poensgen. Was unterscheidet ein Hospiz von einer Palliativstation? „Bei uns geht es nicht mehr um Therapie, sondern um Lebensqualität“, erklärt sie. Schmerzen, Angst oder Übelkeit werden gelindert – aber das Leben selbst steht im Mittelpunkt. „Hier darf jeder so leben, wie er möchte. Wir haben keine festen Essenszeiten, jeder darf ausschlafen und frühstücken, wann er will. Das ist Freiheit – auch im Sterben“, ergänzt Kiefer.

Wer kann, gehe noch spazieren, besuche ein Café oder – begleitet von Ehrenamtlichen – eine Eisdiele in der Stadt. Viele werden von geschulten Freiwilligen der Caritas Euskirchen betreut. Sie lesen vor, hören zu oder spielen Gesellschaftsspiele. „Ehrenamt ist bei uns keine Zugabe, sondern eine tragende Säule“, sagt der Einrichtungsleiter.

Das Bild zeigt die Krippenfiguren und die Krippe selbst.

Der Maria in der Hospiz-Krippe fehlt seit der Flutkatastrophe die rechte Hand.

Das Bild zeigt den Leiter der Einrichtung, während er am Weihnachtsbaum die Batterie einer Kerze wechselt.

Hospiz-Leiter Emmanuel Kiefer kümmert sich um den Weihnachtsbaum, der rund um die Uhr brennt.

Seit seiner Eröffnung 2011 habe sich das Hospiz in den vergangenen Jahren fest in Euskirchen verankert. Schulen, Kitas und Nachbarschaften kommen Kiefer zufolge vorbei, basteln, musizieren oder bringen selbst geschriebene Weihnachtskarten. „Die Kinder der Marienschule haben uns Briefe geschickt, die das Team und die Bewohner wirklich zu Tränen gerührt haben“, erzählt Poensgen: „Das zeigt, dass Hospizarbeit Teil des Lebens und der Gesellschaft geworden ist – die Berührungsängste nehmen ab.“

Zur Gemeinschaft gehört auch die Seelsorge. Marietheres Lehmann-Dronke von der katholischen Krankenhausseelsorge hält regelmäßig Gottesdienste und Andachten – an Weihnachten, Ostern und zum Jahresgedenken der Verstorbenen. „Das Kreuz erinnert uns daran, dass eine Gesellschaft Raum haben muss für ihre Schwächsten“, sagt sie. „Dort, wo Sterbende, Kranke und Leidende keinen Platz mehr haben, wird sie unmenschlich.“

Viele genießen einfach den Moment im kleinen Kreis.
Christine Poensgen, Leiterin des Hospizes in Euskirchen

Zurück zu Ursel Haberland. Während sie am Tisch im großen Foyer sitzt, ihr Stück Bienenstich isst und einen Kaffee trinkt, leuchtet in ihrem Rücken der Weihnachtsbaum. Ein wenig festlicher gehe es zwischen den Jahren schon zu. Im Vordergrund stehe aber nicht, dass es vielleicht das letzte Weihnachten für die Bewohner ist. Es geht um den Moment, das Leben. Das Hier und Jetzt – und wenn es der gesundheitliche Zustand zulässt, auch das Schmücken des Baums, der bis zur Ankunft der Heiligen Drei Könige rund um die Uhr brennt.

Ähnlich wie an den Weihnachtstagen gibt es auch Silvester keinen Trubel. Zum Jahreswechsel gibt es ein festliches, aber ruhiges Abendessen. „Kein großes Feuerwerk, keine Hektik. Manchmal stoßen wir mit einem Glas Sekt an – wer mag“, sagt Poensgen: „Viele genießen einfach den Moment im kleinen Kreis.“

Als Arbeit bezeichnet den Job niemand, eher als Berufung

28 Mitarbeitende beschäftigt das Hospiz, die meisten kommen aus der Pflege, viele mit palliativpflegerischer Weiterbildung. „Man muss das können wollen“, sagt Kiefer: „Nicht jeder kann täglich mit Tod und Leben umgehen. Aber wer hier seinen Platz findet, der möchte gar nichts anderes mehr machen.“ Die Tätigkeit sei erfüllend, aber auch anspruchsvoll. „Natürlich nimmt man manchmal etwas mit nach Hause – besonders, wenn junge Menschen oder Eltern kleiner Kinder hier sind“, sagt sie leise. „Aber das gehört dazu. Es wäre schlimm, wenn man gar nichts mehr fühlen würde.“

Als Arbeit möchten weder Poensgen noch Kiefer ihre Tätigkeit im Hospiz beschreiben. Es gibt viele Unterschiede zu anderen Arbeitsstellen. Kein Tag sei wie der andere, kein Tag lasse sich von vorne bis hinten durchplanen. Es sei nicht selten, dass man sich abends von einem Menschen verabschiede und ihn morgens nicht mehr begrüßen könne, weil er über Nacht gestorben sei. „Das gehört leider zu unserem Beruf dazu, aber an den Tod gewöhnt man sich nicht“, sagt Poensgen. Man müsse die Arbeit als Berufung ansehen und nicht als Job, sagt sie: „Wenn ich nicht gerne hier arbeiten würde, könnte ich es auch sein lassen.“

Nicht immer sichtbar, aber doch immer da zu sein, sei eine Kunst – auch an Tagen wie Weihnachten oder Silvester. Genau diese Zeit zu haben, sei das Schöne im Hospiz. „Im Hospiz geht es anders zu als im Altenheim, im Alltag der Pflege. Wir haben die Zeit, um uns um die Schwerstkranken zu kümmern und uns individuell auf sie einzulassen“, sagt die Euskirchener Hospiz-Leiterin. Dieses Individuelle stehe auch im Jahr 2026 im Fokus der Einrichtung zwischen Münstereifeler Straße und dem Mitbach – auch wenn der Jahreswechsel mitunter ein Tag wie jeder andere sei. Eines sei er immer: kostbar.


Hospiz war nach der Flut zweieinhalb Jahre im Krankenhaus untergebracht

Zweieinhalb Jahre lang war das Euskirchener Hospiz im Ausweichquartier im Marien-Hospital auf der Station P1. Etwa kniehoch stand das Wasser in der Flutnacht am 14. Juli 2021 in den Räumen des Hospizes. Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden damals noch am Abend in Sicherheit gebracht.

Das Wasser sei nicht vom Mitbach, sondern von der Münstereifeler Straße aus ins Gebäude gelaufen, berichtet die Stiftung. Für die Zukunft prüft das Hospital nun zusätzliche Hochwasserschutzmaßnahmen. Seit dem 15. Januar 2024 werden die Bewohner wieder in den sanierten Räumen empfangen. Während der Sanierungsphase war das Hospiz im Krankenhaus untergebracht. „Wir haben uns dort sehr wohlgefühlt, aber die Malzfabrik ist unsere Heimat“, sagt Hospiz-Leiter Emmanuel Kiefer, der mit Christine Poensgen die Einrichtung führt.

Das Bild zeigt ein Buch, das auf einem Tisch liegt. Zudem sind ein Engel aus Holz und ein Weihnachtsstern zu sehen.

In das Gästebuch werden alle gestorbenen Bewohner eingetragen.

Die Sanierung des Hauses kostete nach Angaben von Johannes Hartmann, dem damaligen Geschäftsführer des Marien-Hospitals, „deutlich mehr als eine Million Euro“. Im Zuge der Sanierung wurde die Ausstattung der zehn Hospizzimmer modernisiert und aktuellen Bedürfnisse angepasst. So wurden unter anderem deutlich mehr Steckdosen installiert, um den gestiegenen Bedarf durch die Nutzung moderner Geräte zu decken.

Der ursprünglich geplante Wiedereinzug im September 2023 verzögerte sich, da die Bauarbeiten länger dauerten als erwartet. „Wir waren an bestehende Verträge gebunden. Der Generalunternehmer hatte die Fertigstellung bis Jahresende zugesagt – entsprechend wurde in diesem Rahmen gearbeitet“, erläuterte Hartmann am Tag der Einweihung.