Heiner Wilmer steht jetzt an der Spitze der Bischöfe. Er setzt auf Einheit, Reform mit Maß und einen neuen Ton im Verhältnis zu Rom.
Deutsche BischofskonferenzHeiner Wilmer sucht den Ausgleich zwischen Reformern und Rom

Bischof Heiner Wilmer, neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, spricht bei einer Pressekonferenz nach seiner Wahl.
Copyright: Daniel Löb/dpa
Der Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, ist neuer Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Die derzeit 56 Oberhirten wählten den 64-Jährigen im dritten Wahlgang mit einfacher Mehrheit als Nachfolger von Georg Bätzing (Limburg), der sich nach sechs Jahren im Amt nicht erneut zur Wahl gestellt hatte. Zweitplatzierter war dem Vernehmen nach der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Der Kölner Kardinal Rainer Woelki hatte als Exponent einer kleinen Minderheit von Reformgegnern keine Chance auf den Vorsitz.
In einer ersten Stellungnahme sagte Wilmer, er wolle „Christus ins Zentrum“ stellen. Die Kirche habe eine schwere Zeit hinter sich, aber „es geht nach vorn“. Die Kirche mit ihrer „Hoffnungsbotschaft“ sei attraktiv, die Gläubigen vor Ort seien „gut drauf“ – davon lasse er sich als Bischof anstecken. Politisch sorge ihn „ein innerer Unfrieden“ in Deutschland. Wilmer bekannte sich zur Demokratie und ihrer Verteidigung.
Heiner Wilmer liest sein Statement vom Smartphone ab
Das muss selbst ein Bischof erst mal bringen. Sein erstes Statement direkt nach der Wahl zum Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) beginnt der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer fast wie eine Predigt, mit einem Wort aus dem Weihnachtsevangelium, das in das festliche Gloria-Gebet der Kirche eingeflossen ist: „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.“ Das, so erklärt der 64-Jährige in Würzburg, sei sein Kompass: Von Gott her die Welt und die Wirklichkeit des Menschen in den Blick nehmen.
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Bischof Georg Bätzing (von links nach rechts), bisheriger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Beate Gilles, Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz, und Bischof Heiner Wilmer, neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, sprechen bei einer Pressekonferenz nach der Wahl des neuen Vorsitzenden der DBK.
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Wilmer liest vom Smartphone ab – auch etwas Neues in der sonst eher papierlastigen kirchlichen Verlautbarungsmaschinerie. Die sorgfältigen, wohlgesetzten Worte sprechen dafür, dass sie Wilmer nicht erst auf dem Weg vom Versammlungsraum der 56 Bischöfe im Burkardushaus, dem Tagungszentrum des Bistums Würzburg im Schatten des Doms, zur Pressekonferenz eingefallen sind. Er hatte viel Zeit zum Überlegen, seit der Limburger Bischof Georg Bätzing im Januar angekündigt hatte, nach einer sechsjährigen Amtsperiode als Vorsitzender nicht noch einmal anzutreten. Schnell war Wilmer unter denen, denen gute Chancen auf die Nachfolge zugeschrieben worden.
Neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz: klug, ausgleichend, moderat
Der Emsländer mit regionaltypischem Slang und rollendem „R“ gilt als klug, ausgleichend, moderat, kein Reformblockierer, aber ganz gewiss auch keiner, der mit den Progressiven in der Kirche auf die Barrikaden ginge. Als Ordensmann, als Lehrer und Schulleiter eines ordenseigenen Gymnasiums sowie von 2015 bis 2018 als Generaloberer der „Herz-Jesu-Priester“, seiner weltweit tätigen Gemeinschaft mit gut 2000 Mitgliedern, weiß er, wie Teamspiel geht – und Interkulturalität.
Dank eines Studienaufenthalts in Rom und seiner Zeit in der dortigen Ordenszentrale ist Wilmer vertraut mit der „Italianità“, was viel mehr bedeutet als bloße Sprachkompetenz. Italienisch können – das meint in der katholischen Kirche vor allem einen eigenen Stil, zu kommunizieren und zu agieren: biegsam, blumig, arabesk, reich an Ober- und Untertönen, aber auch achtsam für Hierarchien, Etikette, allerlei Byzantinismen. Und das alles – gerade im Vatikan – con grandezza. Das muss man können, das muss man auch mögen.
In Wilmers Amtszeit steht für die katholische Kirche viel auf dem Spiel
Bätzings Sache war es erklärtermaßen nicht, was vieles von den Spannungen zwischen deutscher Kirche und Rom in der Frage nach strukturellen Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal erklärt. Dass der neue Vorsitzende ein Rom-Flüsterer, ein Versteher des „modo romano“ sein sollte, stand nach Auskunft eines Bischofs weit oben auf einer virtuellen Wunschliste.

Bischof Heiner Wilmer ist neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
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Eigene Ambitionen auf die Nachfolge hatte Wilmer vor der Wahl beharrlich bestritten und auf diese oder jene Vorzüge dieses oder jenes Mitbruders hingewiesen. Wie man das so tut, wenn man die anderen nicht mit Werbung in eigener Sache gegen sich aufbringen will. Aber es fiel Kennern der Szene schon auf, wie intensiv Wilmer auf der letzten Versammlung des „Synodalen Wegs“ Ende Januar in Stuttgart das Gespräch mit seinen Mitbrüdern suchte, insbesondere mit den Weihbischöfen als den schwer kalkulierbaren Mehrheitsbeschaffern in der Bischofskonferenz. In Würzburg brachten sie mit 31 Vertretern mehr Stimmgewicht mit als die 25 Bistumschefs.
In Wilmers Amtszeit steht für die katholische Kirche in Deutschland viel auf dem Spiel: Wie kann der vor sechs Jahren von seinem Vorvorgänger Reinhard Marx begonnene und von Bätzing mit Verve weitergeführte Reformprozess namens „Synodaler Weg“ weitergehen? Wird Papst Leo XIV. den Deutschen, im Vatikan eh als „mezzi protestanti“ – halbe Protestanten – verschrien, die Beinfreiheit für ihre Reformanliegen und ihre Art des Konfliktmanagements lassen? Können hier die offensichtlich gewordenen Fliehkräfte so gebändigt werden, dass sie die Kirche nicht vollends auseinanderreißen? Wie lässt sich umgekehrt eine Implosion des kirchlichen Lebens vermeiden, wenn die Gläubigenzahlen weiter so massiv sinken und in absehbarer Zeit auch die Kirchenfinanzen einbrechen werden?
Neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: kaum heiße Eisen
Zu alledem vermeidet Wilmer in Würzburg programmatische oder strategische Ansagen. Auch an heißen Eisen, die ihm sogleich entgegengehalten werden, will er sich erkennbar nicht die Finger verbrennen. Diakonen- und Priesterweihe für Frauen? Da sieht Wilmer sich „im Einklang“ mit der Weltkirche, wenn er „Kompetenzen sichtbar machen, Frauen ins Zentrum rücken und wichtige Positionen mit Frauen besetzen“ will. Die Aufarbeitung des Missbrauchs? Da habe das Gehör für die Stimme der Betroffenen unbedingten Vorrang. Es müssten „Räume entstehen, in denen die Würde geschützt ist und Vertrauen neu wachsen kann“. Nun ja.
Worte aus der Bibel und der geistlichen Florilegien-Sammlung, angereichert mit norddeutsch-kernigen Sprüchen wie dem Satz, dass die Katholiken in seinem Bistum Hildesheim ihren Glauben „mit Frische, mit Schmackes“ lebten und gelegentlich „übern Deich“ gingen, „mit ner steifen Brise im Haar“ – sie haben allesamt den Vorteil, dass sie gut klingen und schlechterdings nicht zu bestreiten sind: Er wolle „Christus ins Zentrum“ stellen, sagt Wilmer. Wer wollte ihm da widersprechen? Er wolle „im Sinne des Höchsten handeln“, sagt der Bischof. In wessen Sinne wohl sonst?
Mit dem Evangelium in der Hand, die Menschen im Blick“
Manches hörte sich Ende 2018, kurz nach Wilmers Amtsantritt in Hildesheim, noch etwas anders an. Damals verglich er die Erschütterung durch den Missbrauchsskandal mit dem Vandalensturm im 5. Jahrhundert, der die Kirche der Antike in eine existenzielle Sinnkrise stürzte. Im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ prägte Wilmer zudem jenes Wort, mit dem er seither am meisten zitiert wird und dessentwegen er von Traditionalisten heftig angefeindet wurde: Machtmissbrauch gehöre – wie in jeder Institution – zur „DNA der Kirche“. Der Kölner Kardinal Rainer Woelki, bemüht um die Reinerhaltung der „heiligen Kirche“, holte umgehend zum Gegenschlag aus und widersprach Wilmer heftig.
Zum Amtsantritt als DBK-Vorsitzender lässt Wilmer diese Art Kantigkeit allenfalls subtil, in homöopathischer Dosierung erkennen – womöglich schon als erste Übung in italianità, im „modo romano“: Reformbestrebungen in der Kirche werde er wägen „mit dem Evangelium in der Hand, die Menschen im Blick“, sagt Wilmer. Wobei man, fügt er hinzu, „manchmal zuerst auf die Menschen schauen muss, um das Evangelium besser zu erstehen“. Das wäre dann, genau genommen, das Gegenteil dessen, was Woelki seinen Mitbrüdern frühmorgens in der Messe, wenige Stunden vor Wilmers Wahl, um oder hinter die Ohren gepredigt hat: Eine wahrhaft synodale Kirche forsche in Einheit ohne Unterlass nach dem Willen Gottes und binde ihre Entscheidungen allein daran. Den Blick auf die Menschen – kann sich die Kirche in dieser Perspektive auch sparen.

