Nach neuen Vorwürfen gegen Kardinal Woelki übt der Vorsitzende des Katholikenausschusses deutliche Kritik am Kölner Erzbischof. Kirchenrechtler Thomas Schüller hält Woelki für „nicht mehr haltbar“.
Umgang mit MissbrauchKatholikenausschuss kritisiert Kölner Erzbischof Woelki

Der Kölner Kardinal Rainer Woelki
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Der scheidende Vorsitzende des Kölner Katholikenausschusses, Gregor Stiels, hat den neuen Bericht der Unabhängigen Aufarbeitungskommission (UAK) im Erzbistum Köln zum Umgang mit Missbrauchsverdachtsfällen begrüßt. „Die Kommission leistet wichtige Aufklärungsarbeit. Sie hat wertvolle neue Erkenntnisse gewonnen, die das Erzbistum Köln nicht ignorieren darf“, sagte Stiels dieser Zeitung. Der Anfang Mai veröffentlichte UAK-Bericht wirft dem Kölner Kardinal Rainer Woelki vor, er habe 2015 einen Missbrauchsverdachtsfall weder der Staatsanwalt noch der Glaubenskongregation in Rom gemeldet, obwohl er nach Kirchenrecht dazu verpflichtet gewesen sei. Der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz hat Woelki deshalb in der vergangenen Woche erneut beim Vatikan angezeigt. Das Erzbistum Köln hat die Vorwürfe zurückgewiesen.
Im konkreten Fall geht es um einen Priester, den Woelki 2015 in eine leitende Funktion berufen hatte, obwohl gegen ihn laut UAK „bereits zur Amtszeit von Kardinal Meisner anonyme Verdachtsmeldungen wegen sexuell übergriffigen Verhaltens“ vorlagen. Dem Geistlichen seien „Annäherungsversuche und Fehlverhalten bei der Einhaltung von Nähe und Distanz im Umgang mit minderjährigen Messdienern“ vorgeworfen worden. Die Staatsanwaltschaft Köln prüft den Fall seit November 2025.
Katholikenausschuss wirft Woelki mangelnde Selbstkritik vor
„Es ist richtig, dass diese Vorgänge geprüft werden und auch nach Rom zur Prüfung gesendet werden“, betonte Gregor Stiels. „Das Erzbistum Köln muss sich selbstkritisch fragen, ob es wirklich alles getan hat, was zu tun war, um Betroffene vor Missbrauch zu schützen. Diese Selbstkritik fehlte von Anfang an. Deswegen passt es ins Bild, dass der Kardinal die neuen Vorwürfe jetzt wieder weit von sich weist. Ich finde, er sollte noch einmal ernsthaft für sich selbst prüfen, ob er alles richtig gemacht hat.“
Der Verdacht sei wieder da, so Stiels, „dass der Kardinal beim Thema Missbrauchsskandal nicht ehrlich ist, dass er nicht selbstkritisch genug mit sich ist und immer wieder Ausreden vorschiebt. Das stößt viele Gläubige vor den Kopf und hat den anhaltenden Vertrauensverlust in der Kirche befeuert. Neben der juristischen Debatte hat das Ganze auch eine moralische Komponente. Tatsächlich haben wir als Kirche da eine sehr große Fallhöhe und müssten bei diesem Thema viel genauer und viel besser sein als alle anderen Institutionen. Aber das waren wir nicht, und das war auch dieser Kardinal nicht.“
Stiels ist seit 2018 die Stimme der katholischen Laien in Köln. Für eine weitere Amtszeit von vier Jahren will er bei der Wahl am 22. Juni aus persönlichen Gründen nicht mehr kandidieren. Stiels betonte, dass es im Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche inzwischen deutliche Fortschritte im Erzbistum Köln gebe. „Mittlerweile schaut man viel genauer hin und handelt viel schneller. Es wäre jedoch an der Zeit, auch im Umgang mit den Altfällen Transparenz und Selbstkritik zu üben. Wenn der Erzbischof einräumen würde, dass er in seinen ersten Amtsjahren hier Fehler gemacht hat, würde das bei den Gläubigen wieder mehr Vertrauen schaffen. Aber das hat der Kardinal bisher nicht geschafft.“
Wichtig sei, dass die Aufarbeitungskommission ihre Arbeit fortsetze, sagte der Vorsitzende des Katholikenausschusses. „Der Missbrauchsskandal ist mitnichten aufgearbeitet. Diese neuen Vorwürfe machen das mehr als deutlich. Die Kommission muss an den Themen dranbleiben und den neuen Vorwürfen konsequent nachgehen.“ Auch der Bereich der Prävention müsse weiter gestärkt werden.
Missbrauchsbetroffene: Woelki sollte nicht Erzbischof bleiben
Der Betroffenenbeirat hatte Woelki bereits im Juli 2025 offiziell in Rom angezeigt. Damals ging es auch um Aussagen des Kardinals vor Gericht über seinen Umgang mit Missbrauchsfällen. Ein Ermittlungsverfahren wegen Meineids stellte die Staatsanwaltschaft Köln im Mai 2025 gegen Zahlung von 26.000 Euro ein, betonte aber, Woelki habe fahrlässig die Unwahrheit gesagt und seine Sorgfaltspflichten vernachlässigt. Weitere Anzeigen gegen Woelki in Rom kamen von einem Kölner Missbrauchsopfer und einer Gruppe von Katholikinnen und Katholiken aus dem Erzbistum.
Die neuen Vorwürfe reihen sich nach den Worten des Betroffenenbeirats „in eine Reihe bereits bekannter und dokumentierter Fälle ein, die erhebliche Zweifel am angemessenen und kirchenrechtlich gebotenen Umgang von Kardinal Woelki mit Fällen sexualisierter Gewalt und deren Aufarbeitung begründen. Aus Sicht des Beirats liegen hinreichende Hinweise, Tatsachen und Anhaltspunkte dafür vor, dass es im Verantwortungsbereich von Kardinal Woelki wiederholt zu unzureichendem Handeln sowie zu Verstößen gegen kirchenrechtliche Vorgaben gekommen ist.“ Daher habe sich der Beirat erneut an das Dikasterium für die Bischöfe gewandt „und seine bestehende kirchenrechtliche Anzeige gegen Kardinal Woelki unter Einbeziehung der neuen Vorwürfe erneuert beziehungsweise ergänzt“.
Kirchenrechtler sieht „mehrfach rechtswidriges Verhalten“ von Woelki
Man halte an der Einschätzung fest, so der Beirat, „dass Kardinal Woelki angesichts der Vielzahl der Vorwürfe und der wiederkehrenden Zweifel an seinem Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt nicht die geeignete Person ist, um das Amt des Erzbischofs von Köln weiterhin auszuüben“. Zugleich stelle sich die Frage, „wie mit den öffentlich gewordenen Vorgängen und offenen Fragen zu damaligen Verantwortlichkeiten innerhalb des Erzbistums Köln umzugehen ist und ob Leitungs- und Verantwortungspositionen vor dem Hintergrund der erhobenen Vorwürfe und des bestehenden Aufklärungsbedarfs weiterhin uneingeschränkt haltbar sind“.
Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte unserer Redaktion, der aktuelle Fall belege, dass in Woelkis ersten Amtsjahren ab 2014 im Umgang mit sexualisierter Gewalt „offenkundig ein rechtsfreier Raum der Verantwortungslosigkeit geherrscht“ habe. Er betonte: „Betroffene fanden kein Gehör, Beschuldigten wurde ihre Beteuerungen einfach geglaubt, die Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft und in Rom fielen aus. Dieses offenkundige mehrfache rechtswidrige Verhalten des Kölner Kardinals muss endlich in Rom ohne Ansehen der Person geprüft und dann persönlich sanktioniert werden. Der Kölner Kardinal ist schon lange nicht mehr in seinem Amt haltbar.“