Im Buch von Gunild Lohmann-Sistig kommt ihr verstorbener Sohn Gereon nach seinem Tod an eine Engel-Akademie und erlebt Abenteuer.
„Ego sum Gereon“Palmersheimer Autorin veröffentlicht Fantasyroman in Gedenken an ihren Sohn

Vier Jahre Arbeit sind in das Buch „Ego Sum Gereon“ geflossen, das für die Palmersheimer Autorin Gunild Lohmann-Sistig heilsam war.
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Im Alter von elf Jahren ist Gereon Sistig an Krebs erkrankt. Der bösartige Hirntumor konnte nach einer elfstündigen OP entfernt werden, aber kam wieder, zweimal. Gereon wuchs nicht mehr wie Gleichaltrige, sein kleiner Bruder war bald größer als er. Seine Hobbys – Fußball- und Klavierspielen sowie den Gesang im Kinderchor – konnte er nicht mehr ausüben. Bestrahlungen und Chemos folgten. Laut seiner Mutter kämpfte er dennoch tapfer gegen den Krebs. Sechs Jahre später, 2021, starb der damals 16-jährige Gereon kurz vor seinem Geburtstag an einem epileptischen Anfall, der seine Familie trotz langer Krankheitsphase überrumpelte, wie seine Mutter Gunild Lohmann-Sistig schildert.
Die 54-jährige Journalistin erinnert sich, nach dem Tod ihres Sohnes erst einmal wie gelähmt gewesen zu sein. Dann sei sie ihrer Trauer mit dem Schreiben begegnet. „Die Vorstellung, Gereon hat jetzt woanders einen Auftrag zu erfüllen, hat mir Kraft gegeben“, sagt sie. Mehr als vier Jahre nach dem Verlust liegt das Buch „Ego Sum Gereon“ (lat. Ich bin Gereon) vor Gunild Lohmann-Sistig.
Von Harry Potter und Herr der Ringe inspiriert worden
Hierin erzählt sie die Geschichte ihres Sohnes weiter. „Das Buch ist so geschrieben, dass er es gern gelesen hätte“, sagt die Feuilletonistin. Inspiriert von Fantasy-Reihen, wie Harry Potter, Percy Jackson und Herr der Ringe, die sie und Gereon gemocht haben, schrieb die Palmersheimerin einen Abenteuerroman, bei dem Gereon nach seinem Tod an eine Engelsakademie kommt. Dort wird er von Erzengeln unterrichtet, trifft auf Freunde und Freundinnen unterschiedlicher Konfessionen und schlägt sich durch epische Schlachten gegen Dämonen der Verzweiflung, stets begleitet von einer Vorfahrin des Familienlabradors „Smartie“.
Am schwierigsten fiel es mir, den Moment von Gereons Tod zu beschreiben.
Der Schreibprozess sei nicht einfach gewesen, aber hätte schließlich Freude gebracht, sagt Lohmann-Sistig: „Am schwierigsten fiel es mir, den Moment von Gereons Tod zu beschreiben.“ Das sei nur möglich gewesen, indem sie über die Beschäftigung mit dem Buch eine künstlerische Distanz aufgebaut habe.
Ihr Ehemann Manfred Sistig, Regionalkantor des Erzbistums Köln für das Kreisdekanat Euskirchen, habe beim Lesen nach dem ersten Kapitel abbrechen müssen. Von Gereons drei Geschwistern hat zum Zeitpunkt des Gesprächs mit der Autorin nur die älteste Tochter die ganzen 354 Seiten gelesen. „Sie hat vieles gelobt, aber mir auch kritische Anmerkungen gegeben“, berichtet Lohmann-Sistig. Ihr Sohn und ihre jüngste Tochter seien noch dabei, das Buch zu lesen, aber es fiele ihnen nicht leicht. Zu nah gingen ihnen Passagen, die sich auf Gereons Leben beziehen.
Diese Rückblenden zu Gereons Leben sind an den passenden Stellen der fiktionalen Erzählung eingesetzt worden. Die Schrift steht hier enger beisammen. „Da ich das Buch im Selbstverlag veröffentlicht habe, musste ich das selber machen“, erläutert die Autorin. Ihre Familie sei ihr bei der Veröffentlichung eine große Unterstützung gewesen: „Sie haben mir viel Zuspruch gegeben.“
In dem Fantasyroman geht es nicht hauptsächlich um Verlust
Der lateinische Titel mit Blick auf die Kirchensprache habe beim Himmel nahegelegen, berichtet die Autorin. Zwar gehe es in der Erzählung um das Himmelreich zwangsläufig um den Glauben, aber: „Darum soll es nicht in erster Linie gehen“, sagt Lohmann-Sistig. Auch der Verlust rücke nicht in den Vordergrund. Der Schreiberin zufolge enthält das Buch zwar rührende Stellen, sie habe aber bewusst Humor eingebaut, etwa bei Gereons Schlagaustausch mit dem Teufel, der an Thomas Manns „Doktor Faustus“ angelehnt ist oder bei Dialogen, die durch Dorothy L. Sayers inspiriert worden sind.
Insgesamt wimmelt das Buch von hoch- und popkulturellen Anspielungen. Kapitel 17 beginnt etwa mit einem Ausschnitt der Lyrics von Coldplays „We Pray“. Das Lied wird in dem Kapitel handlungsrelevant – Gereon und weitere Engel sind auf Mission auf der Erde und müssen Demonstrierende und ihre Gegendemo beschwichtigen. Dafür lassen sie schwebende Glocken die Melodie des Stücks spielen.
Gereons langjährige Erkrankung wurde zur Zerreißprobe des Glaubens
Die Band Coldplay verbindet die Autorin grundsätzlich stark mit Gereon. Bei einer Familien-Reha auf Sylt, die sie mit ihrem Mann und den vier Kindern, gemacht hat, sind Videoaufnahmen von den Geschwistern beim Surfen entstanden. Gereon in kniender Position auf dem Surfbrett, da der Stand zu anstrengend war und die anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen inmitten einer malerischen Strand- und Meerkulisse.
Über diese Aufnahme wurde im Familienvideo das Coldplay-Lied „Something Just Like This“ gelegt, bei dem Chris Martin singt, zwar keine Superkräfte zu haben, aber diese auch nicht zu brauchen, um eine besondere Beziehung haben zu können. Als Lohmann-Sistig vom bittersüßen Familienidyll spricht, kommen ihr die Tränen.
Gereons langjährige Erkrankung habe den Glauben der Katholikin auf die Zerreißprobe gestellt. „Das Auf und Ab von Hoffnung und Verzweiflung ist zermürbend“, sagt sie: „Mein Bezug zum Glauben hat sich verändert. Die Beziehung zu Gott ist eine andere, aber sie besteht.“ In ihrem Buch vertritt sie eine eher moderne Sicht auf die Kirche. Sie gibt der Vorstellung einer männerdominierten Glaubensgemeinschaft kleine Seitenhiebe: Gott stellt sich anders dar, als traditionell angenommen und Erzengel Gabrielle unterrichtet an der Engel-Akademie.
Der Hardcover-Roman „Ego Sum Gereon“ kostet 25 Euro. Die Geschichte richtet sich an Leser und Leserinnen aller Altersklassen. Der Roman ist im Buchhandel oder online erhältlich.

