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PolizeieinsatzWas dem tödlichen Schuss in Zülpich vorausging

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Polizisten der Spurensicherung arbeiten in einer Straße in Zülpich.

Nach dem tödlichen Schuss ermitteln Polizisten am Tatort in Zülpich. 

Im Oktober erschoss ein Polizist in Zülpich Walter M., der mutmaßlich vor dem Haus seiner Eltern randalierte und eine Polizisten mit einem Messer angegriffen haben soll. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft stehen nun kurz vor dem Abschluss.

Walter M. lässt seinem Zorn freien Lauf. Er brüllt, zertrümmert mit einem Zimmermannshammer die Frontscheibe seines VW-Polos. Als ein Nachbar ihn anspricht, reagiert er aggressiv. Er solle sich um seine eigenen Dinge scheren. Der 31-Jährige steht vor seinem Elternhaus in Zülpich und kommt nicht hinein. Seine Mutter und der Stiefvater haben tags zuvor das Schloss ausgewechselt, weil der drogensüchtige Sohn sich immer wieder heimlich ins Haus schlich und Wertsachen mitgehen ließ.

Die verschlossene Tür ist mutmaßlich der Auslöser für jenen Einsatz, der am späten Mittag des 24. Oktober zum Tod des Randalierers führte. Ein Streifenpolizist hatte auf seinen Kopf gezielt, um das Leben seiner Kollegin zu retten. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bonn gegen den Beamten wegen Totschlags befinden sich kurz vor dem Abschluss.

Der Zülpicher Fall ist einer von fünf tödlich verlaufenen Polizeieinsätzen in Nordrhein-Westfalen in diesem Jahr. Es entstehe der Eindruck, „dass in ihrem Verantwortungsbereich etwas aus dem Ruder laufen muss“, kritisierte die SPD-Abgeordnete Christina Kampmann Ende Oktober NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU).

„Die Anzahl tödlicher Polizeieinsätze sollte uns allen große Sorgen machen. Das ist eine Häufung, die wir nicht einfach so hinnehmen wollen.“ Reul verwahrte sich gegen die Vorwürfe und sprach von einer „billigen Nummer“. Statistisch gesehen ist auch keine Verschärfung der Lage zu erkennen: Seit 2017 verharrt die Zahl von Todesschüssen durch Polizisten zwischen drei und fünf Fällen jährlich.

Polizei trifft gehäuft auch Menschen mit psychischen Problemen

Allerdings fällt auf, dass die Beamten immer öfter „auf Menschen treffen, die unter erheblichen psychischen Belastungen stehen“, sagt Michael Mertens, NRW-Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Diese Einsätze eskalieren immer häufiger“. Mertens spricht von „tickenden Zeitbomben“. Die gesellschaftlichen Veränderungen führten zu einer Zunahme. „Der Druck wächst, die monetären Belastungen nehmen zu, die Existenzängste wachsen, immer mehr Menschen vereinsamen, werden mit ihrem Leben nicht mehr fertig, und dann kommen noch Alkohol- und Drogenmissbrauch hinzu. Daraus entsteht ein hochexplosives Gemisch.“ Wenn die Polizei einschreite, sei es meist zu spät. „Wir sind maximal das Pflaster auf einer klaffenden Wunde, dieses Problem muss die Gesellschaft lösen.“

Im Leben des Walter M. scheint vieles schief gelaufen zu sein. Die Eltern trennen sich, in der Schule kommt der Sohn nicht gut zurecht. Mit 13 fängt er an zu kiffen. Er beginnt eine Lehre als Landschaftsgärtner, hängt oft unter Drogeneinfluss in seinem Zimmer herum. Die Arbeit nervt ihn nur, seine Mutter lässt er längst nicht mehr an sich heran. Mit 22 muss Walter M. ausziehen, weil es nicht mehr geht. Er rastet aus, zertrümmert die Badezimmertür. Die Polizei muss ihn beruhigen.

Sein leiblicher Vater besorgt ihm eine Wohnung in Euskirchen. Dort aber verkracht sich der junge Mann mit seinem Vermieter. Neben Marihuana konsumiert er nun auch Amphetamine, steigert sich in einen Wahn hinein, dass man ihm auflauere. Die Mutter äußert die Vermutung, ihr Sohn könne unter einer Psychose leiden und bittet ihn, sich ärztliche Hilfe zu holen. Er wendet sich darauf von ihr ab.

Walter M. verliert seinen Job, lebt von Hartz IV, lässt allerdings Besuchstermine sausen. Er schimpft über die Kürzungen, rastet häufig aus, sucht die Schuld für seine Misere stets bei anderen. Schließlich bittet er seine Mutter ihn wieder aufzunehmen. Nach einer Woche und einem weiteren Ausraster fliegt er Anfang Juni wieder raus. Walter M. wird bei der Polizei aktenkundig. Einmal flüchtet er von einer Baustelle, als man ihm beim mutmaßlichen Metalldiebstahl erwischt. Am 6. Oktober gerät der 31-Jährige in eine Verkehrskontrolle. Ein Drogenschnelltest zeigt den Konsum von Cannabis und Amphetaminen an.

Stiefvater mit Hammer bedroht

Knapp drei Wochen später hackt M. vor seinem Elternhaus wie wild auf seinen schwarzen Polo ein. Dann läuft er in den Garten, zertrümmert die Scheibe einer Tür und eilt in den Flur. Mit dem Hammer in der Hand geht er auf seinen Stiefvater zu, bedroht ihn. Dieser wird bei der Polizei später von den weitaufgerissenen Pupillen seines Stiefsohns berichten und den Verdacht äußern, er habe unter Drogeneinfluss gestanden. Ängstlich drückt sich der Stiefvater an die Wand im Flur. Walter M. verlässt das Haus.

Draußen randaliert er jedoch weiter. Der Stiefvater ruft seine Frau an. Diese wählt noch am Arbeitsplatz den Notruf und eilt zu ihrem Partner. Eine halbe Stunde später stellen vier Streifenpolizisten den Randalierer am Parkplatz des Hauses. Die Bilder der Bodycam eines Beamten zeigen einen jungen Mann mit Schnäuzer, umgedrehter Baseballcap, der provozierend hinter der Beifahrertür seines demolierten Wagens steht. Die Tonaufnahmen geben den Gesprächsverlauf wider: Er habe sein Auto beschädigt, ruft er laut. Die Beamten erwidern, er solle sich mal entspannen, andernfalls müsse man Zwang anwenden. Der Angesprochene weigert sich. Polizeikommissarin Bettina A. wechselt auf die andere Seite des VW. Ob er ein Problem habe, will ihr Partner, ein Polizeioberkommissar wissen. Der Störer besteht auf Abstand. „Bleib da!“, ruft er immer wieder. Die Beamten sollten sich „verpissen“. Daraufhin sprüht ihn der Oberkommissar mit Reizgas ein. Zwei Kollegen sichern dahinter ab.

Walter M. rennt in den Garten. Das Pfefferspray trifft die sichernden Beamten im Hintergrund, die sich die schmerzenden Augen reiben und nicht rechtzeitig folgen können. Sekundenlang reißen die Bildaufnahmen ab. Den eigentlichen Tatablauf dokumentiert die Bodycam deshalb nicht.

Nur zwei Kollegen nehmen zunächst die Verfolgung auf. Polizeikommissarin Bettina A. erreicht Walter M. zuerst. Später gibt die Beamtin zu Protokoll, dass sie den Flüchtigen gerade ergreifen wollte, als dieser sich umgedreht habe. Ein Arm legt sich demnach um ihren Hals, während der Täter ihr mit der anderen Hand ein großes Messer an die Kehle setzt. Panisch ruft sie nach ihrem Kollegen. Dann erfolgt der Schuss.

Die Mutter entdeckt nur die Beine ihres toten Sohnes

Das Projektil trifft den Angreifer unterhalb des rechten Auges. Bettina A. sinkt mit ihrem Geiselnehmer auf den Boden. Geschockt erhebt sie sich und informiert unter Weinkrämpfen die Leitstelle über den Vorfall. Mit der Waffe im Anschlag tippt ihr Partner den Toten an, um festzustellen, ob er noch lebt. Auch ihm treten laut Zeugenaussagen die Tränen in die Augen: „Ach Du Scheiße, ich haben den Mann gerade erschossen.“

Die Eltern eilen aus dem Haus. Die Mutter entdeckt im Garten nur die Beine ihres Sohnes unter einem Gebüsch. Verzweifelt erkundigt sie sich, ob Walter noch lebe, aber die Polizistin schüttelt mit dem Kopf, bittet beide wieder ins Haus zu gehen, um sich den Anblick der Leiche zu ersparen.

Christoph Arnold, der Anwalt des Beschuldigten, äußert sich auf Nachfrage dieser Zeitung nicht zu den Geschehnissen. Kommissarin Bettina A. betont in der Vernehmung, ihr Kollege habe bewusst auf den Kopf des Delinquenten gezielt. „Hätte er tiefer geschossen, hätte er mich getroffen.“