Der städtische Friedhof in Burscheid ist mehr als 150 Jahre alt und durchläuft in diesen Jahren einen tiefgreifenden Wandel.
FriedhofBurscheids Platz für die Toten wandelt sich – kriegerische Geschichte präsent

Blick über den Friedhof in Burscheid
Copyright: Peter Seidel
Wäre Stefan Caplan im 19. Jahrhundert Bürgermeister von Burscheid gewesen, sein Grab auf dem städtischen Friedhof ließe sich mit einiger Sicherheit an prominenter Stelle des Geländes an der Altenberger Straße finden. Dort, wo die Gräber der Familien Luchtenberg und Richartz-Bertrams liegen, gleich hinter dem Eingang, wenige Schritte rechts von der Trauerhalle entfernt. Caplans Grabstein wäre womöglich auch in irgendeiner Weise besonders gestaltet, wie der von Paul Luchtenberg und seiner Frau mit Familienwappen oder wie der Richartz-Bertrams’sche mit trauernder Frauenfigur in Bronze, die Blumen ans Grab legt.
Aber Bürgermeister Stefan Caplan starb am 23. Oktober 2021, nach kurzer schwerer Krankheit, überraschend und zur Bestürzung der gesamten Stadtgemeinde. Und er wollte offensichtlich nichts Großes, irgendwie Auffälliges für seine sterblichen Überreste. Die letzte Ruhestätte seiner Asche ist im Kolumbarium auf dem Friedhof. Dorthin, zu den Kolumbarien, führt Christian Meuthen, kaufmännischer Betriebsleiter der Technischen Werke Burscheid, die für den Unterhalt des Friedhofs zuständig sind, den Besucher.

Das Grab von Bürgermeister Stefan Caplan im Kolumbarium des Friedhofs Burscheid
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Denn der Weg, an dem die Kolumbarien stehen, ist einer der Orte auf dem Friedhof, an dem dessen Veränderungsprozess sichtbar wird. Meuthen zeigt auf die andere Seite des Wegs gegenüber den vorhandenen Nischen für die Aufnahme von Urnen: „Hier wollen wir die Kolumbarien erweitern.“ Denn die Nachfrage nach dieser Form der Bestattung ist da, die zur Verfügung stehenden Plätze vergeben.

Christian Meuthen, Leiter der Technischen Werke Burscheid, zeigt, wo weitere Kolumbarien errichtet werden sollen.
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Beim Rundgang über den Friedhof erläutert Meuthen, dass der Prozess, „den Friedhof als Ganzes zu überdenken“, begonnen habe. Erste Festlegungen gibt es freilich auch schon. Der Friedhofsteil Löhfeld wird perspektivisch aufgegeben. Der Platz auf dem Löhfeld ist schlicht nicht mehr nötig. Die letzte Bestattung fand auf dem Areal südlich des Wiembachs vor zehn Jahren, 2016, statt. Erreichbar ist dieser Teil des Friedhofs seit Jahren sowieso nur von der Löhsiedlung aus. Denn wer vom Haupteingang den Weg des landschaftlich reizvoll am Abhang gelegenen Friedhofs in Richtung Brücke über den Wiembach läuft, steht an derselben vor einem Absperrgitter. Die Hochwasserfluten von Juli 2021 haben die Fundamente der schönen Holzkonstruktion unterspült. Betreten verboten, die Reparatur allerdings läuft.
Wer sich dort nach rechts wendet, läuft zwischen fast leeren Grabfeldern hindurch. Auch das ein Zeichen der sich wandelnden Beerdigungskultur. „Verschiedene Grabfelder werden überhaupt nicht mehr mit Wahlgräbern belegt“, so Meuthen. Fast am Ende des Wegs, in der südwestlichen Ecke des Friedhofs, liegt die Gedenkstätte für 44 Zwangsarbeiter aus der ehemaligen Sowjetunion, die während des Zweiten Weltkrieges in Burscheid starben.

Das Mahnmal für die in Burscheid begrabenen sowjetischen Zwangsarbeiter
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Die Gedenkstätte, deren Einrichtung angeordnet war vom alliierten Stadtkommandanten unmittelbar nach Kriegsende, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und befand sich zwischendurch in einem unwürdigen Zustand. Im Sommer 2024 jedoch stiftete Axel Riemscheid, Vorsitzender des Bergischen Geschichtsvereins, eine Bank, die am Weg auf der Höhe der Gedenkstätte aufgestellt wurde. Über einen QR-Code in der Banklehne können Besucher sich über die Geschichte dieses Mahnmals für die unmenschliche Behandlung informieren, die besonders osteuropäische Zwangsarbeiter unter den Nazis erlitten.
Zurück, den Hügel hinauf, kommt der Besucher unter hohen alten Bäumen wie Blutbuchen, Lebensbäumen und Lärchen auch an der Gedenkstätte für Sternenkinder und am Grabfeld für unter fünfjährige Kinder sowie Tot- und Fehlgeburten vorbei. An verschiedenen Stellen laden Bänke zum Verweilen ein.

Die Gedenkstätte für Sternenkinder auf dem Burscheider Friedhof
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Die Kriege der vergangenen 200 Jahre begegnen dem Besucher gleich mehrfach auf dem Friedhof. Wer etwa den Nebeneingang zum Friedhof benutzt, ein Stück die Altenberger Straße aufwärts, trifft gleich links auf ein monumentales Zeugnis der Krieger- und Soldatenverehrung aus dem 19. Jahrhundert. Ein bärtiger Soldat reckt auf einem hohen Sockel eine Standarte in die Höhe, an der Uniformjacke trägt er in Höhe des Herzens ein Eisernes Kreuz, den Orden hatte der preußische König Friedrich Wilhelm III. zu Beginn der Befreiungskriege gegen Napoleon gestiftet. Zwischen seinen Füßen liegt ein Kanonenrohr. Die linke Hand liegt tröstend auf den Schultern eines weiteren Kriegers, der daniedergesunken den Blick in Richtung Himmel wendet. „Burscheid – Seinen tapferen Söhnen in treuer Dankbarkeit gewidmet“, steht auf einer Tafel im Sockel des Denkmals.

Die evangelische Kirche wollte es vor ihrem Gotteshaus nicht mehr haben: das Kriegerehrenmal aus dem 19. Jahrhundert.
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Vermutlich wurde es in den Jahren nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 errichtet. Denn auf der linken und rechten Seite ist namentlich aufgelistet, wer den „Heldentod für König und Vaterland“ im Juni 1815 in der Schlacht, die Waterloo vorausging, 1866 im Krieg Preußens gegen Österreich und 1870 in Frankreich starb. Eine Tafel erklärt, dass das Kriegerdenkmal ursprünglich vor der evangelischen Kirche stand, bevor es dann 1972 an diese abgelegene Stelle auf den Friedhof umgesetzt wurde. Die evangelische Kirche, so ist zu vermuten, identifizierte sich offensichtlich nicht mehr mit der Kriegerverehrung des 19. Jahrhunderts und wollte das Monument loswerden. Verständlich, findet sich doch auf der rückwärtigen Seite des Sockels eine für heutiges Empfinden in Teilen deplatzierte Widmung: „Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Erinnerung, den zukünftigen Geschlechtern zur Nachahmung“.
Um Kriegstote geht es auch beim dritten Mahnmal auf dem Friedhof, ein schlichter Obelisk aus schwarzem Naturstein. Er findet sich am gleichen Weg wie die Kolumbarien. Nur zwei Namen sind auf ihm eingraviert: Julien van Wordragen und Robert Weidmann. Die Technischen Werke müssen bei der Frage nach näheren Informationen über die Stele passen. Eine Recherche im online verfügbaren niederländischen Nationalarchiv bringt dann immerhin ein Dokument der Stadt Burscheid von Anfang der 1950er-Jahre zutage, in dem diese dem niederländischen Roten Kreuz mitteilt, dass Julien van Wordragen am 4. Oktober 1944 in Burscheid gefallen oder gestorben war und an unbekannter Stelle auf dem Friedhof begraben wurde.

Ein schlichter Obelisk erinnert an Julien van Wordragen und Robert Weidmann.
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Van Wordragen, geboren laut Nationalarchiv in Den Haag, war als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. Am 4. Oktober 1944, das ist beim Bergischen Geschichtsverein zu erfahren, flogen Bomber der Alliierten einen Angriff auf das Burscheider Goetzewerk. Dabei starben 17 „Internierte“, darunter auch van Wordragen und Weidmann, wie es in einem Dokument der Stadt Burscheid von 1983 heißt, das der Bergische Geschichtsverein zur Sache beisteuern kann. Auch vier Zivilisten und zwei Soldaten kamen bei diesem schwersten Luftangriff auf Burscheid um.
Sabine Wurmbach vom Bergischen Geschichtsverein verweist außerdem auf die städtische Kriegsgräberliste von 1952. Darin tauchen van Wordragen als Eisenflechter und Weidmann als Metallhilfsarbeiter auf. Van Wordragen war keine 19 Jahre alt, als er starb, Weidmann, ein Schweizer, starb kurz vor seinem 56. Geburtstag. Beerdigt wurden beide am 8. Oktober 1944 auf „Ausländerfeldern“. Nur, wo die lagen, ist ebenso rätselhaft wie die Frage, wer die Errichtung der Stele veranlasste, wann das geschah – und wieso ausgerechnet van Wordragens und Weidmanns Namen auf der Stele stehen, aber keines der anderen ausländischen Opfer dieses Luftangriffs.
Immerhin sind die Namen des Niederländers und des Schweizers mit der Stele dem Vergessen entrissen. Freilich, manch einer oder manch eine legt vielleicht gar keinen Wert darauf, dass man sich seiner oder ihrer erinnert. Auch diesem Bedürfnis trägt der Burscheider Friedhof Rechnung mit einem Urnengrabfeld ohne jede Kennzeichnung der Grabstelle und ohne Namenstafel am Rand. Die Urnen werden ohne Angehörige beerdigt.
Jährlich etwa 160 Beerdigungen
Der Burscheider Friedhof ist rund 4,9 Hektar groß. Jährlich werden dort etwa 160 Menschen beerdigt. Die Stadtverwaltung bietet vielfältige Formen der Beerdigung an. Särge können in Reihen- oder Wahlgräbern oder Wahlgrabkammern für bis zu zwei Särge beerdigt werden. Für Urnen gibt es ebenfalls Wahlgräber, aber auch ein Urnenrasenwahlgrab, wo ebenso keine Grabgestaltung gestattet ist wie beim Urnenrasenreihengrab. Darüber hinaus ist auch ein Baumurnengrab möglich. (ps)
