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PflegeberichtRhein-Berg braucht dringend Pflegekräfte

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Das Pilgerheim Weltersbach ist eine von zwei vollstationären Pflegeeinrichtungen in Leichlingen.

Das Pilgerheim Weltersbach ist eine von zwei vollstationären Pflegeeinrichtungen in Leichlingen.

Der Kreis hat mitgeteilt, wie sich die Pflegeversorgung in den kommenden Jahrzehnten entwickelt.

Die Ausgangssituation ist eindeutig wie alarmierend: „Die demografische Entwicklung stellt den Rheinisch-Bergischen Kreis und seine Kommunen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vor große Aufgaben.“ So leitet die Kreisverwaltung ihren jetzt veröffentlichten Pflegebericht 2025/2026 ein. Was in dieser Formulierung noch einigermaßen harmlos klingt, ist ernst: Die Menschen werden immer älter, der Pflegebedarf wächst, Fachkräfte gibt es aber immer weniger.

Darauf muss sich eine Behörde wie der Kreis einstellen, das Alten- und Pflegegesetz NRW sieht vor, dass die Verwaltung „eine unterstützende Infrastruktur für ältere Menschen, pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige“ zu schaffen hat. Die Grundlage dafür, heißt es aus dem Kreishaus, sei die kommunale Pflegeplanung. Dafür muss der Kreis den aktuellen Stand der Pflegeangebote aufnehmen, bewerten, ob die ausreichen – quantitativ wie qualitativ –, und schließlich Schlüsse daraus ziehen, „ob und gegebenenfalls welche Maßnahmen zur Herstellung, Sicherung oder Weiterentwicklung von Angeboten erforderlich sind“.

Die Ausgangslage in der Bevölkerung

Der Rheinisch-Bergische Kreis sei einer der ältesten Kreise in Nordrhein-Westfalen, heißt es in dem Bericht. Im Jahr 2050 werde knapp ein Drittel der Menschen in Rhein-Berg 65 Jahre oder älter sein. Zwölfeinhalb Prozent der Bevölkerung werden dann älter als 80 Jahre sein. Daran werde auch die Zuwanderung in den vergangenen Jahren – insbesondere der 30- bis unter 50-Jährigen – nicht viel ändern. Denn die Geburtenrate ist niedrig und sinkt sogar leicht: 2021 lag sie bei 1,66 Kindern pro Frau, im Jahr 2024 bei 1,51 Kindern. Dadurch, dass die Babyboomer, was ihre Gruppengröße angeht, nach wie vor sehr dominant sind und es noch viele Menschen aus der Elterngeneration der Babyboomer gibt, wächst der Pflegebedarf. Der Kreis beruft sich zusammenfassend auf die Landesstatistiker von IT NRW: „Diese prognostizieren bis 2050 einen leichten Rückgang der Geburten und eine wachsende Zahl der Gestorbenen sowie Zuwanderungsgewinne. Trotz einer auch zukünftig zu erwartenden hohen Zuwanderung – wie sie auch in den letzten Jahren zu beobachten war – ist langfristig mit einem Bevölkerungsrückgang zu rechnen (circa minus 4,6 Prozent in 2050 gegenüber 2024).“

Pflegebedürftige

Seit 2015 hat sich die Zahl der Pflegebedürftigen in Rhein-Berg mehr als verdoppelt (plus 126 Prozent), teilt der Kreis auf Grundlage der amtlichen Pflegestatistik mit. 2015 lag sie noch bei 10.519 Menschen, im Jahr 2023 bei 23.730. Das macht einen Anteil der Pflegebedürftigen an der Gesamtbevölkerung von 8,4 Prozent (vier Prozent im Jahr 2015). NRW-weit sind die Anstiege ähnlich. Die meisten von ihnen bekommen ausschließlich Pflegegeld, werden also nicht stationär gepflegt oder von einem ambulanten Dienst versorgt, sondern organisieren die Pflege komplett privat: 15.498 Menschen. 3921 Pflegebedürftige nehmen ambulante Dienste in Anspruch, 2445 werden vollstationär versorgt.

„Parallel hat sich seit 2009 auch das professionelle Angebot im Rheinisch-Bergischen Kreis deutlich in Richtung ambulanter Pflege verschoben“, schreibt der Kreis. Die 3921 Personen, die von einem ambulanten Pflegedienst Hilfe bekommen, entsprechen einem Anstieg von 68 Prozent. Bei der vollstationären Pflege liegt die Steigerung bei moderaten sechs Prozent. Der Trend ist offensichtlich: mehr Pflege zu Hause, weniger in vollstationären Einrichtungen. Fast verzehnfacht hat sich zwischen 2009 und 2019 die Zahl der Pflegebedürftigen in der Tagespflege – von 58 auf 543. „Dies ist auf eine entsprechende Nachfragesteigerung, eine erleichterte Finanzierung durch die Pflegekassen und in der Folge einen kontinuierlichen Ausbau der Tagespflegeangebote zurückzuführen.“ Einen Einbruch gab es in der Corona-Pandemie, seit 2023 ist aber wieder die Entwicklung der Vor-Corona-Jahre erkennbar.

Alter und Geschlecht

2023 waren 55 Prozent der Pflegebedürftigen in Rhein-Berg 80 Jahre oder älter, 78 Prozent waren 65 oder älter. Auffällig in den Zahlen ist, dass deutlich mehr Frauen pflegebedürftig sind: 61 Prozent der Pflegebedürftigen sind weiblich. Der Anteil ist noch größer in den älteren Bevölkerungsgruppen.

Pflegebedürftige in den Kommunen

Als bevölkerungsreichste Kommune gibt es die meisten Pflegebedürftigen wenig überraschend in Bergisch Gladbach (9717 Menschen). Leichlingen und Burscheid liegen mit 3825 Pflegebedürftigen (2021 waren es noch 3087) auf Platz drei. Der Kreis schreibt, dieser Teilraum habe sich „weiter dynamisch entwickelt und festigt seine Position als drittgrößter Versorgungsbereich“. Um 38 Prozent gestiegen zwischen 2021 und 2023 ist in Leichlingen und Burscheid die Zahl der Pflegegeldempfänger, also derer, die noch keine professionellen Dienste in Anspruch nehmen und zu Hause privat gepflegt werden.

Pflegeeinrichtungen in den Kommunen

In Leichlingen gibt es derzeit zwei Einrichtungen zur vollstationären Dauerpflege (Pilgerheim Weltersbach, Altenzentrum Hasensprungmühle) mit insgesamt 386 Plätzen, 21 davon sind Kurzzeitpflegeplätze. In Burscheid gibt es eine Einrichtung (Evangelisches Altenzentrum Luchtenberg-Richartz-Haus) mit 109 Plätzen. Zum Vergleich: 486 Menschen sind in beiden Städten insgesamt in vollstationärer Versorgung.

Pflege zu Hause

21.282 Menschen werden in Rhein-Berg zu Hause gepflegt (Stand Ende 2023, inklusive Inanspruchnahme ambulanter Pflegedienste), meist von Angehörigen. Der Pflegebericht sagt aber voraus, dass die Angehörigen immer mehr professionelle Unterstützung brauchen werden. Von den 21.282 Menschen werden im Jahr 2025 statistisch gesehen nur noch 75 Prozent nur von Familienmitgliedern gepflegt. Kurz- und mittelfristig gebe es noch die Partner, die meistens pflegen. Das werde sich aber ab Mitte der 2030er-Jahre ändern: durch „eine stark wachsende Zahl Pflegebedürftiger, ein rückläufiges informelles Unterstützungspotenzial sowie ein bereits gesunkenes Erwerbspersonenpotenzial“. Das sei die anspruchsvollste Phase in der Pflegeversorgung.

Personelle Entwicklung

Die Nachfrage nach ambulanten Diensten wird angesichts der demografischen Entwicklung steigen, da ist sich der Kreis sicher: „Sie ermöglichen den Verbleib im gewohnten Wohnumfeld und ergänzen oder stabilisieren familiäre Unterstützungsarrangements.“ Bis 2050 soll die Zahl der Menschen, die diese Dienste in Anspruch nehmen, in Rhein-Berg um 34 Prozent steigen, so der Kreis. Dafür brauchen die Dienste Personal: 2080 Menschen mehr im Jahr 2050 (plus 38 Prozent). Will man die Verhältnisse stabil halten (3,81 versorgte Personen je Vollzeitstelle), ergibt sich bis 2050 ein Bedarf von 1523 neuen Vollzeitstellen bei den ambulanten Pflegediensten. Im vollstationären Bereich braucht Rhein-Berg bis 2050 1240 mehr Fachkräfte, nur um die Lage stabil zu halten.

Der Kreis sagt unmissverständlich: „Die Gewinnung und Sicherung von Pflegekräften stellen die zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre dar.“ In den kommenden Jahrzehnten würden Hunderte zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Deshalb müssten die Infrastrukturen ausgebaut werden. Das vollstationäre Angebot müsse ausgeweitet werden, auch wenn sich die Pflegebedürftigen „ambulant vor stationär“ wünschten.


Tag der Pflege

Anlässlich des Tages der Pflege am Dienstag, 12. Mai, stellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflegeberatung des Kreises sich und ihre Arbeit auf dem Feierabendmarkt in Burscheid (18. Juni) und in Wermelskirchen (21. Mai) vor. Bürgerinnen und Bürger sollen mit den Fachleuten ins Gespräch kommen. (nip)