Leichlingen – Wäre der Star der Partei nicht gekommen, es wäre womöglich ziemlich einsam gewesen am Werbestand für Die Linke im Brückerfeld.
So aber füllte sich die Postwiese am frühen Samstagnachmittag doch ganz beachtlich, und es werden so an die 300 Zuschauer gewesen sein, die erleben wollten, wie Sahra Wagenknecht, die vor allem aus dem Fernsehen so bekannte Linke der Linken, den Bundestagswahlkampf an die Wupper brachte.
Und obwohl die Linke ein gut dreistündiges Programm mit Musik, Reden und anderen Texten aufbot, war die dreiviertelstündige, frei gehaltene Rede der Fraktionsvorsitzenden im Bundestag der viel beachtete und mit reichlich Beifall bedachte Höhepunkt.
Auch waren nicht allein ihre Anhänger gekommen. Gespannt verfolgten ebenso Vertreter anderer Parteien den rhetorisch geschliffenen Auftritt der Vollblut-Politikerin. Diesmal habe kein Unwetter ihr Flugzeug stoppen können, begrüßte sie die Leichlinger. Schließlich war sie diesmal mit dem Auto gekommen, genauer: in zwei gepanzerten Limousinen mit Mitarbeitern und Bodyguards.
Sie spielte damit auf einen vor gut einem Jahr geplanten Parteiauftritt im Leichlinger Stadtpark an, den sie wegen eines Gewitters über Berlin ganz kurzfristig hatte absagen müssen. Doch der Leichlinger Linken-Ratsherr Klaus Reuschel-Schwitalla blieb hartnäckig und schaffte es so, das mit bekannteste Gesicht seiner Partei in die Blütenstadt zu holen.
Wagenknecht machte sich einen Spaß daraus, ihre Rede mit dem Wahlkampfslogan der CDU zu beginnen: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Na, das sei doch wohl das beste Argument dafür, Bundeskanzlerin Merkel abzuwählen. Die sage zwar immer, Deutschland gehe es gut, doch wenn man genau hinschaue, sehe das ganz anders aus: Jeder fünfte Beschäftigte arbeite im Niedriglohnsektor, prekäre Arbeitsverhältnisse hätten unerträgliche Ausmaße angenommen, Normalverdiener müssten sich vor Altersarmut fürchten, und an den Schulen herrsche Lehrermangel. Seit Jahren finde eine enorme Umverteilung statt zugunsten der Wohlhabenden und großer Unternehmen. Wenn Merkel so weitermachen wolle, sei dies „ein Weiter-so der sozialen Kälte“.
Wagenknechts Fazit: „Frau Merkel gebührt nicht die Wiederwahl, diese Frau gehört in Rente geschickt!“ Aber die anderen Parteien seien ja auch nicht besser. Alle, die in den vergangenen 20 Jahren an der Regierung beteiligt waren, hätten zum weiteren Sozialabbau beigetragen. Wenn sie heute höre, es gebe keine politische Wechselstimmung in Deutschland, dann liege das wahrscheinlich daran, dass so viele die Hoffnung aufgegeben haben, dass sich etwas ändern könnte. Die SPD, die heute noch ihrem „Hartz-Kanzler“ Schröder zujubele und deren Kanzlerkandidat Schulz auch nicht viel anderes einfalle als der amtierenden Regierungschefin, habe ihre sozialen Wurzeln längst gekappt und nur noch brav mitgemacht. Also bleibe nur noch eine Alternative zu dieser verfehlten Politik: Die Linke wählen. Je stärker ihre Partei werde, desto mehr Druck könne sie ausüben, dass es zu Veränderungen komme, bei einem höheren Mindestlohn angefangen bis hin zu einer wieder auskömmlichen Rente. Wie sich das finanzieren lasse? Mit Kürzungen bei den Rüstungsausgaben. Und noch eins zur Erinnerung: Die Linke sei auch die einzige Partei im Bundestag, die sich nicht von der Industrie mit dicken Parteispenden kaufen lasse.
Am Ende gab’s Blümchen für die Rednerin, Handyfotos und Selfies ohne Ende, Abmarsch und Abfahrt zum nächsten Auftritt. Von Leichlingen hat Sahra Wagenknecht kaum mehr gesehen als die Postwiese und das Bistro Lanzelot, ohne Störungen, mit viel Beifall. Für sie war es am vergangenen Samstag eine Zwischenstation auf dem Weg über Bochum und Münster nach Berlin. Immerhin aber auch eine Gelegenheit, um der rheinisch-bergischen Bundestagskandidatin Lucie Misini, die vor ihr hatte sprechen können, einige Momente der Aufmerksamkeit zu bescheren.
