Leverkusen – Ein teures Hobby hatte Schreinermeister Theodor Lisinski, der sich in den 30er-Jahren den Luxus einer eigenen Leica leistete. Fotos von der Familie, dem Umfeld, der Landschaft um Schlebusch und sogar vom Bau der Autobahn 1 in Richtung Burscheid machte er. Im Keller gab es eine Dunkelkammer und Tochter Erika erinnert sich noch gut, dass immer an den Wochenenden die Abzüge entwickelt, fixiert und in Emaillewannen gewässert wurden. Anschließend ging es zum Trocknen ins Wohnzimmer, wo überall Löschpapier ausgelegt war. „Du musst fotografieren, solange nicht alles bebaut ist“, sagte der Vater, Jahrgang 1901.
Und heute hat die Tochter, Jahrgang 1932, einen Stapel historischer Aufnahmen, die sie in manchen Fällen gar nicht zuordnen kann, so ungewohnt sind die Ansichten von Landschaft, alten Obstwiesen, bergischen Häusern, Schafen und freier Flur. Als Mitglied des Kirchenchors von St. Andreas hielt der Vater auch das Gemeindeleben fest. Lisinski übergab sie der Küsterfamilie Kaltenbach.
Auch die Schreinerei in der Heinrich-Lübke-Straße 33 fotografierte ihr Vater sowie die Kinder im Garten beim Spielen. „Er hat uns wunderbare Spielsachen geschreinert“, erinnert sich die Tochter. Sogar einen Sandkasten mit einer kleinen, selbst gezimmerten Stadt gab es. Die Stadtansichten, oder vielmehr die damalige Besiedlung, die noch überschaubar war, interessierten den Hobbyfotografen. Es ist selten, dass ein Fotograf zu den Zeiten der Urgroßeltern durch die Stadt spazierte, um Bilder zu machen. Und Hobbyfotografen, die so ihr Auge für künstlerisch-kompositorische Bildmotive schulten, waren erst recht ungewöhnlich.
Der Schreinermeister war befreundet mit dem Fotografen Johann Engstenberg, der seinerzeit Motive für Ansichtskarten aus Schlebusch fotografierte. Von ihm dürfte er einige Techniken gelernt haben. „Die erste Kamera hat er sich selbst gebaut“, erinnert sich die Tochter. Reinhold Braun, der Vorsitzende des Bergischen Geschichtsvereins, Abteilung Niederwupper, hat nun die Bilder Lisinskis gesichtet und einige an das Stadtarchiv weitergegeben. Seiner Auffassung nach handelt es sich um einen seltenen Fundus. Denn es gebe darunter Stadtansichten, die ihm so noch nie begegneten.
Zum Beispiel vom Bau der Autobahn 1 in Richtung Burscheid. Die Arbeiten im Wald hat Lisinski 1937 oder 1938 abgelichtet, vermutet Braun. Eine Schneise ist zu sehen. Auf anderen Bildern werden die Fundamente gelegt. 1938 wurde die Autobahn in Richtung Burscheid gebaut und in den beiden darauffolgenden Jahren sollte es weiter nach Wermelskirchen und Wuppertal gehen. Bis 1939 waren die ersten 25 Kilometer der A1 vom Kreuz Leverkusen bis zur Anschlussstelle Wermelskirchen befahren.
Der Abschnitt bis Remscheid wurde wegen des Zweiten Weltkriegs von 1942 bis 1951 unterbrochen. Die Brücken und auch Teile der Fahrbahn waren zerbombt, so dass die Strecke in der Nachkriegszeit für längere Zeit gesperrt war. Erika Lisinski erinnert sich noch, die Autobahn überquert zu haben, als sie zur Schule ging. Die Leica übrigens versteckte die Mutter vor den Nazis in der Erde unter dem Rhabarberbusch.
