Ein Nachbar verfolgt das Verfahren in der Zeitung und alarmiert die Polizei. Die findet vier Kilo frisches Crystal Meth.
Vor GerichtLeverkusener produziert neuen Stoff, statt Prozessakten zu lesen

Das Landgericht in Köln (Mitte) ist Schauplatz eines Crystal-Meth-Prozesses.
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„Tut mir leid, dass ich die Wahrheit sagen musste. Ich hoffe, Du kriegst die Kurve.“ Gerade hat Dieter Zander den Mann weiter belastet, der sich seit gut einer Woche vor dem Kölner Landgericht für Drogenhandel in großem Stil verantworten muss. Aber der Zeuge kennt die Situation in dem Haus an der Haberstraße nun mal ganz genau: Seit April 2020 wohnt er mit Frau und Hund dort – und damit mit dem Angeklagten, dessen Mutter und der Verlobten unter einem Dach. Zanders Auftritt vor Gericht kommt ganz plötzlich. Weil er den Prozess in den Zeitungen verfolgt, sei ihm der Gedanke gekommen: „Könnte das bei uns sein?“
Ein Anruf bringt ihn weiter – und schließlich mit der Polizei in Kontakt. Die schaltet schnell: Am Donnerstag gibt es eine erneute Durchsuchung in dem Haus. Die ist sehr ertragreich: Vier Kilo Amphetaminpaste stellen die Beamten sicher, außerdem 170 Gramm Haschisch. Das sei der Rest einer Lieferung von vor einem Monat, sagt der Angeklagte. „Kommt hin“, kommentiert Staatsanwalt Dennis Kues: Vorher hat der Beschuldigte seinen Tageskonsum dieser weichen Droge mit einem Gramm beziffert.
Stoff, um die Freundin finanziell abzusichern
Die Amphetaminpaste dagegen ist frisch angerührt. Offenkundig hat der Angeklagte sie am Mittwochnachmittag hergestellt. Bis zum Mittag lief der Prozess vor der 14. Großen Strafkammer. Danach hatte er frei, sollte eigentlich Prozessakten lesen. Seine Drogensucht – und ein gewisser Fürsorge-Sinn – trieb ihn dazu, stattdessen frisches Crystal Meth anzurühren. Die Rohstoffe hat er sich parallel zum laufenden Verfahren besorgt; aus einer Drogentherapie in der Klinik „Aggerblick“ ist er rausgeflogen, wegen Konsums. „Das ist schon relativ dreist“, fasst Ralph Ernst, der Vorsitzende Richter, diesen Verhalten zusammen.
Indes: Die Sache ist gar nicht gut ausgegangen für den 46 Jahre alten Gelegenheits-DJ. Weil noch ein alter Haftbefehl besteht, landet er noch am Donnerstag in Untersuchungshaft. Da geht es ihm schlecht, das ist am Freitag deutlich zu sehen.
Das frische Amphetamin sei „eine Auftragsarbeit“, behauptet er am Freitag. Der Stoff hätte in monatlichen 500-Gramm-Portionen an den Besteller gehen sollen. Dafür sollten jeweils 750 Euro fließen, die für seine Verlobte gedacht seien. Denn: Der Angeklagte geht fest davon aus, dass er ins Gefängnis muss. „Eine behinderte Idee“ sei das gewesen, lässt der vom ständigen Amphetamin-Konsum sichtlich angegriffene Mann durch seinen Anwalt Jens George ausrichten. Da widerspricht niemand im Gericht.
Reger Besucherverkehr in der Haberstraße
Bisher beschreibt sich der 46-Jährige als Crystal-Meth-Konsumenten, der nur zum Produzenten geworden ist, um seine Sucht zu finanzieren. Den Stoff habe er im engen Freundeskreis für kleines Geld verteilt. Die Beobachtungen seines Wohnungsnachbarn lassen Zweifel zu. „Das war wie auf der Autobahn“, beschreibt Zander das Ein und Aus im Haus. Tag und Nacht seien Leute zwischen schätzungsweise 20 und 40 Jahren vorbeigekommen und wären „nach fünf bis zehn Minuten“ wieder abgezogen.
Ein Mann – der Nachbar nennt ihn „der Russe“ – sei öfter über Nacht geblieben. Im Keller gebe es eine Wohnung. Dort und im Gartenschuppen sei „viel hantiert worden“. Immer wieder seien aus dem Keller „so komische chemische Gerüche“ in ihre Erdgeschosswohnung gezogen. Das lässt an die Herstellung von Crystal Meth denken, den eine Expertin just am Mittwoch vor Gericht im Detail beschrieben hatte. „Diente wohl der Gedächtnisauffrischung“, bemerkt Staatsanwalt Kues mit Blick auf die Tätigkeit des Angeklagten am Nachmittag.
Als am Donnerstag wieder die Polizei das Haus durchsucht, meldet sich auch die Verlobte des Angeklagten zu Wort, sagt der Zeuge. Er sei „ein Verräter“. Es geht nicht anders.