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Geschichte der EisenbahnDie erste Fahrt zwischen Leverkusen und Deutz dauerte 25 Minuten

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Eine Dampflok fährt 1930 durch das alte Wiesdorf. Zu  Foto: Stadt Leverkusen

Aus der Anfangszeit finden wir von der Köln-Mindener Eisenbahn keine Fotos, aber jüngere, wie dieses: Eine Dampflok fährt 1930 durch das alte Wiesdorf. Die Straße in der Mitte dürfte die Rathenaustraße sein. Die Eisenbahnstrecke war zu der Zeit 85 Jahre alt. Hinten sieht man im Zentrum die Silhouette des alten Bayer-Kaufhaus und halb links den Turm des ersten Rathauses und daneben die Christuskirche.

Die Eröffnung der ersten Strecke durch Leverkusen wurde groß gefeiert.

Teil 2 der Serie zur Entwicklung der Bahnhöfe und Eisenbahnstrecken durch Leverkusen handelt vom alten Dorf Küppersteg und von der Eröffnung und den Anfängen der Köln-Mindener Eisenbahn.

Im Sommer 1844 wird überall gebaut. In einem Bericht der Direction heißt es im Juli, dass der Bau der Brücke „über den Dünnbach bei Küppersteg und die Wupperbrücke in Angriff“ genommen wurden. Und dass noch ein paar Grundstücksbesitzer enteignet werden müssten. Nicht jeder wollte offenbar sein Land freiwillig verkaufen.

Das ursprüngliche Dorf Küppersteg lag ungefähr da, wo heute das Forum und die B8 südlich der Dhünn liegen, also viel näher an Wiesdorf als an Bürrig. Der Bahnhof Küppersteg müsste demnach eigentlich Bürrig heißen, schreibt Klaus Plump, ein früherer Leiter des Stadtarchivs in der kurzen Publikation „Epochen und Episoden - die Leverkusener Eisenbahngeschichte“. Der Name Küppersteg habe aber wegen seiner vielen Schenken eine gewisse Bekanntheit gehabt, vielleicht habe das die Namensgebung der Station beeinflusst. Die „Direction“ verlegt das kleine Küppersteg also einfach um fast zwei Kilometer, indem sie dem Dorf einen Bahnhof widmet, der auch gut Opladen heißen könnte. In einem Leserbrief in der Kölnischen Zeitung von 1846 beschweren sich mehrere Kölner darüber: „Warum die Direction statt Station Opladen Station Küppersteg anzugeben beliebt, wodurch so mancher Reisende irregeführt wird … ist unerklärlich.“

Vom ursprünglichen Dorf Küppersteg an der Dhünn mit seinen Kneipen ist leider überhaupt nichts übrig geblieben. Später siedeln sich in Stationsnähe eine Post und das Hotel-Restaurant Gasthaus Hoffmann an, das erst in den 1970er-Jahren zugunsten des neuen Parkplatzes am Bahnhof abgebrochen wurde, wie Reinhold Braun vom Bergischen Geschichtsverein weiß. Der Küppersteger Bahnhof war also eigentlich der erste Opladener Bahnhof.

Bildquelle Verwaltungsbericht der Stadt Leverkusen von 1920 bis 1929 (Stadtbildarchiv Leverkusen) Bahnhof Küppersteg an der Strecke Köln Düsseldorf Foto: Stadt Leverkusen

Bildquelle Verwaltungsbericht der Stadt Leverkusen von 1920 bis 1929 (Stadtbildarchiv Leverkusen) Bahnhof Küppersteg an der Strecke Köln Düsseldorf Foto: Stadt Leverkusen

Trotz eines Hochwassers, das die Brückenbauarbeiten bremste, wird die Strecke noch 1845 fertig. Am Montagmorgen, 15. Dezember 1845, war Eröffnung.

Bahnhof Küppersteg mit einer S-Bahn.
 Bild: Ralf Krieger

Der Bahnhof Küppersteg heute, mit einer S-Bahn.

Die Abfahrt des Festzuges in Düsseldorf nach Deutz war für 8 Uhr terminiert. In den Stationen bei Benrath, Langenfeld, Küppersteg, Mülheim stiegen die eingeladenen Honoratioren zu. Planmäßige Ankunft in Deutz: 9.30 Uhr. Honoratioren, das waren Militärs, Beamte und andere hochrangige Gäste, darunter seine Königliche Hoheit, der Prinz Friedrich von Preußen in Begleitung mehrerer hoher Generäle, und der Re­gierungspräsident von Düsseldorf.

Der erste Fahrplan 1845, veröffentlicht in der Kölnischen Zeitung: Reisewagen und Pferde können noch nicht befördert werden.

Der erste Fahrplan 1845, veröffentlicht in der Kölnischen Zeitung, Vorläufer des Kölner Stadt-Anzeiger / Leverkusener Anzeiger: Reisewagen und Pferde können noch nicht befördert werden.

Die Eröffnungsrede des Direktors wurde in Deutz gehalten. Der Festredner hatte eine Vision: „Dem Rheine eine eiserne Ausmündung in die Nordsee zu verschaffen.“ Minden, also Hannover als vorläufiger Zielpunkt, war geeignet, um Strecken zu den Hansestädten im Norden, aber auch nach Berlin zu bauen. Die Strecke wurde in der aus heutiger Sicht unglaublich kurzen Zeit von nur 22 Monaten gelegt, inklusive aller Ausschreibungen, Bahnsteigs- und Brückenbauten.

Bahnhof Wiesdorf Foto: Sammlung Braun

Der Bahnhof Wiesdorf

Der Redner endete mit dem der Zeit gemäßen Ausruf: „Gott erhalte und segne den König!“ und mit dem Ruf „Hoch lebe der König! Dreimal Hoch!“, wurde die Köln-Mindener Eisenbahn offiziell freigegeben. Am ersten Tag gings hin und her: Zwei Gegenzüge fuhren in Deutz um 10.30 Uhr nach Düsseldorf ab, zu einem festlichen Empfang, darunter der Hauptfestzug mit 17 beflaggten Waggons, gezogen von den Lokomotiven „Köln“, „Rhein“, „Ems“ und „Lippe“ Um 14 Uhr dann zurück zum Festmahl nach Deutz, ins „Hotel de belle vue“. In Leverkusen gab es ganz sicher eine Menge Schaulustiger, Berichte darüber fanden sich nicht. 

Ein Dampfzug mit einer Lokomotive der Baureihe 38 hält im alten Wiesdorfer Bahnhof, der erst 1914 in Betrieb genommen wurde., also fast 70 Jahre nach Eröffnung der Strecke. Foto: Stadt Leverkusen

Ein Dampfzug mit einer Lokomotive der Baureihe 38 hält im alten Wiesdorfer Bahnhof, der erst 1914 in Betrieb genommen wurde, also fast 70 Jahre nach Eröffnung der Strecke. Beachtlich ist die große Rasenfläche, die auf dem Bahnsteig links wächst.

Tage später veröffentlichen die Zeitungen den ersten Fahrplan. Drei Zugpaare fuhren täglich von Küppersteg: Der Morgenszug verließ Küppersteg in Richtung Deutz um 9.42 Uhr, der Mittagszug um 16.40 Uhr und der Abendszug um 19.49 Uhr. Gehalten wurde nur noch einmal in der Station Köln-Mülheim. Die wahrscheinlich ruckelige Fahrt mit dem Dampfzug bis Deutz dauerte 25 Minuten, heute fährt die S-Bahn die Strecke in 19 Minuten, allerdings gibt es vier Zwischenhalte mehr als vor gut 180 Jahren.

Bahnhof Wiesdorf Foto: Sammlung Braun

Die Gaststätte im Bahnhof Wiesdorf mit einem sogenannten Hundekino an der Thekenecke, ein Glaskasten, in dem die Frikadellen und Würstchen aufbewahrt wurden. Zu der Zeit hing in jedem Raum ein Porträt von Hitler: Die Postkarte wurde 1941 abgestempelt.

Warum eigentlich nur bis Deutz? Die erste Eisenbahnbrücke, die Dombrücke, als Vorläuferin der Hohenzollernbrücke, wurde erst 1855 gebaut. An der Hohenzollernbrücke begann man erst ab 1907 zu bauen. Bis Düsseldorf fuhr man in gemütlichen 49 Minuten, mit Halt in Langenfeld und Benrath, heute sind es 29 Minuten und acht Haltepunkte mehr als damals.

Je nach Stand und Geldbeutel konnte man unter vier Wagenklassen wählen. Eine Fahrt in der ersten Klasse nach von Küppersteg nach Deutz kostete zehn Silbergroschen. Ein entsprechendes Billet für die erste Klasse kostete über dreimal so viel. Hunde waren noch nicht kostenlos, für Reisewagen und Pferde war man noch nicht ausgerüstet, hieß es auf dem Fahrplan anfangs.

Fortan reisten sogar Berühmtheiten durchs heutige Leverkusen: 1851 soll der König durchgefahren sein, 1858 ein Prinz, den man mit Flaggen und Böllern begrüßte. 1864 stieg Ferdinand Lasalle, der Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Vereins, einer der Vorläufer-Vereine der SPD, in Küppersteg aus, um von dort zu einer Kundgebung nach Wermelskirchen zu fahren. Er befand sich auf seiner letzten Agitationsreise und soll von den hiesigen Arbeitern einen volksfestartigen Empfang bekommen haben. 

Wenig Zweifel gab es, dass sich der teure Bau der Köln-Mindener Eisenbahn letztlich für die Gesellschaft und die Wirtschaft lohnt. Aus heutiger Sicht hat sich die Investition sicherlich tausendfach wieder eingespielt. Bildmaterial von damals ist äußerst rar: Die Foto- und die Eisenbahntechnik steckten ungefähr zur gleichen Zeit in ihren Anfängen.

Im nächsten Teil unserer Serie über die Geschichte der Eisenbahn in Leverkusen geht es um die zweite Strecke, die gerade gesperrt ist, weil sie saniert wird.