Parallel zur Suche nach Kunsttalenten findet im Museum der Blick auf die vergangenen Jahrzehnte statt.
Zwischen Rückblick und TalentsucheDas Spagat-Jahr im Museum Morsbroich

Dr. Thekla Zell (l.) und Dr. Fritz Emslander feiern in diesem Jahr den 75. Geburtstag im Museum Morsbroich.
Copyright: Daniel Thiel
Die Woche dürften sich Dr. Fritz Emslander, kommissarischer Direktor des Museums Morsbroich, und Kuratorin Dr. Thekla Zell schon über Jahre im Kalender angestrichen haben: Zum Januar-Abschluss nimmt das Jubiläumsjahr richtig Fahrt auf. Am Dienstag jährte sich die Eröffnung des Museums am 27. Januar 1951 zum 75. Mal. Emslander sprach am späten Nachmittag schon im Kulturausschuss über die Pläne für die kommenden Monate, am Mittwochmittag folgte die feierliche Vorstellung des Programmes im Jagdzimmer des Museums.
So bot sich für die Verantwortlichen natürlich auch die Gelegenheit, nicht nur einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. „Das Museum hatte von Anfang an den Auftrag, aktuelle Kunst in den Mittelpunkt zu stellen“, erklärte Emslander. Wichtig sei dabei gewesen, „Impulse in die Stadtgesellschaft“ Leverkusens zu bringen. Das ist in den vergangenen Jahrzehnten zweifelsohne gelungen.
Es war ein Alleinstellungsmerkmal.
Dass es vor 75 Jahren zur ersten Neugründung eines Museums für Gegenwartskunst in der da noch jungen Bundesrepublik Deutschland kam, sei auch ein Verdienst der kunstbegeisterten Leverkusenerinnen und Leverkusener dieser Zeit gewesen, an die die heutigen Museumsverantwortlichen auch erinnern. Etwa eine Kunstkommission der Stadt habe großen Einsatz gezeigt, dass auf dem Gebäude ein Museum entstehe – und die Fläche nicht anderweitig genutzt werde.
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Das Vorhaben, nur wenige Jahre nach Kriegsende als Stadt einen solchen künstlerischen Vorstoß zu wagen, bezeichnet Zell als „wahnsinnig mutig und progressiv“. Emslander fügt hinzu: „Es war ein Alleinstellungsmerkmal.“ In den darauffolgenden Jahrzehnten zogen viele Städte, natürlich auch die Nachbarstädte Düsseldorf und Köln, mit entsprechenden Museumsangeboten nach.
Da geht es im Jubiläumsjahr umso mehr darum, den Spagat zwischen dem Zelebrieren der Vergangenheit und dem Blick in die Zukunft zu schaffen. Ein interessantes Projekt für den Blick zurück sind die „Flashbacks“, die für die Feierlichkeiten in den kommenden Monaten geschaffen wurden. In den verschiedenen Museumszimmern wurden alte Fotografien der vergangenen Jahrzehnte herausgesucht, auf denen zu sehen ist, wie die Zimmer einst aussahen. Den Vorher-nachher-Effekt gibt es also gleich vor Ort.
Eine andere Art des Vorher-nachher-Effektes gibt es aber auch beim Blick auf Ausstellungen und Kataloge aus der Zeit lange vor der Jahrtausendwende und den digitalen Möglichkeiten der Gegenwart. Animationsfilme, wie sie aktuell etwa bei Julia Jesioneks Ausstellung „Self as Spell“, die zuletzt durch das Museum bis zum 1. Februar verlängert wurde, zu sehen sind, waren vor 75 Jahren technisch noch unvorstellbar. Nicht nur die Ideen, besonders auch die Darstellungsarten zeigen die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte.
Junge Künstlerinnen und Künstler sollen weiter gefördert werden
Dem Programm für das nunmehr 76. Museumsjahr ist zu entnehmen, dass die Museumsverantwortlichen auch weiter da anpacken wollen: insbesondere bei der Förderung junger Künstlerinnen und Künstler.
Auch 2026 wird es eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln im Rahmen des Förderpreises geben, bis dato war die stets damit verbunden, dass Nachwuchshoffnungen ihre erste Einzelausstellung damit ermöglicht wurde. Für Cihan Cakmak, die von Juli bis November mit „Like a warrior“ im Museum ausstellen wird, ist es auch die erste museale Einzelausstellung. Darüber hinaus wird ihr durch die Unterstützung mehrerer Förderer ermöglicht, einen begleitenden Katalog zu erstellen.

Blick in die erste Ausstellung im Museum Morsbroich. Die „Kunstausstellung der Rheinischen
Copyright: Nachlass Peter-Mögenburg
Teil der Experimentierfreudigkeit der Verantwortlichen soll aber nicht nur sein, jungen Künstlerinnen und Künstlern Meilensteine ihrer Laufbahn zu ermöglichen. Ferner sorgen dafür auch Projekte, die Emslander und seine Kolleginnen erst einmal erklären müssen – so auch ein Vorhaben, bei dem ein selbstspielendes Piano im Mittelpunkt steht.
Für dieses Projekt wurden im Schlossgarten von den verantwortlichen Künstlern über die vier Jahreszeiten hinweg elektrische Impulse von Pflanzen aufgezeichnet, die im zweiten Schritt auf das elektrisch betriebene Piano übermittelt werden. In diesem Kontext erhält der Begriff „Spielwiese“ eine ganz neue Bedeutung, Emslander kommentiert begeistert: „Da war richtig was los.“ Er war bei den Aufzeichnungen im Garten dabei.
Für ein weiteres Vorhaben kamen die Museumsverantwortlichen auf die Idee, ein Sofa mitten in einen der Räume in der ersten Etage zu setzen. Der Andy-Warhol-Experimentalfilm „Sleep“ wird an eine Wand geworfen. Mit einer Länge von 311 Minuten ist das Werk aus den 1960er-Jahren wahrlich kein kurzes Vergnügen. Dem sind sich aber Emslander und Co. bewusst, dafür sei ja das Sofa da. Denn es sei auch kein Problem, einfach während des laufenden Filmes einzuschlafen. Auch da will die Führungsriege bewusst mit Museumskonventionen – und dem einen oder anderen „ungeschriebenen Gesetz“ – brechen.

Im Museum Morsbroich wird die Schlaferlaubnis auf dieser Couch gleich direkt von Fritz Emslander erteilt.
Copyright: Daniel Thiel
Auf dem Titel der Publikation zum Museumsgeburtstag ist das Motto „It’s great when activated“ – „es ist toll, wenn es aktiviert ist“ – zu lesen. Das haben sich Emslander und Zell aber längst nicht nur auf das Werk, sondern auch für ihre Projekte auf die Fahne geschrieben – selbst, wenn Bestandteil der Teilhabe „nur“ die unkonventionelle Möglichkeit ist, im Museum zu schlafen. „Es reicht nicht nur, zu konzipieren und etwas an die Wand zu hängen“, schildert Emslander, der seit mittlerweile knapp 17 Jahren im Museum tätig ist.
Für Kuratorin Zell ist es das erste große Jubiläum als Taktgeberin in Leverkusen, sie nahm erst einen Monat vor dem 70. Museumsgeburtstag – mitten im zweiten Corona-Lockdown – ihren Dienst in Alkenrath auf. Sie zeigt sich auch nach mittlerweile fünf Jahren begeistert von der „Energie“ des Teams.
Mit dieser Energie soll dann in den kommenden Monaten einerseits die Vergangenheit gefeiert werden, andererseits aber auch der Zukunft der Weg bereitet werden. Bestandteil dessen ist auch der „Young Art Award“, ein Kunstwettbewerb für junge Künstlerinnen und Künstler zwischen 13 und 20 Jahren aus Leverkusen und dem Umkreis des Stadtgebietes. Die Talente haben dabei im Hinblick auf die Kunstwerke komplett freie Hand. Daraus wird dann eine eigene Ausstellung konzipiert – zudem werden Preise im Wert von 2000 Euro ausgeschüttet. Bewerbungen sind bis zum 1. März über kunstundbildung@museum-morsbroich.de möglich. Der eine oder andere Künstler für die kommenden 75 Museumsjahre dürfte da schon in den Startlöchern stehen – und noch jung genug sein, um über viele Jahrzehnte aktiv zu sein.

