Ein Enkeltrick-Geschädigter sagt aus und am Kölner Landgericht werden abgehörte Telefonate abgespielt.
Prozess gegen Leverkusener Brüder„Das Geld kommt einfach so“

An der Luxemburger Straße nahe der ADAC-Zentrale, in unmittelbarer Nähe zum Justizzentrum, fand eine Geldübergabe statt.
Copyright: Ralf Krieger
Schockanrufe wirken unterschiedlich auf die Geschädigten. Oft wird berichtet, dass sie sich charakterlich verändern, wenn sie auf den Enkeltrick hereingefallen sind, unsicherer werden, sich und ihrem Verstand nicht mehr vertrauen können. Die beiden Mitglieder der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie Goman, Christopher und Giuliano, haben bei solchen Taten mitgemacht, dafür stehen sie jetzt gemeinsam mit zwei Abholern, die offenbar von ihnen angeworben worden sind, vor dem Kölner Landgericht. Alle vier Angeklagte sitzen in Untersuchungshaft. In dieser Woche lief der fünfte Verhandlungstag.

Landgericht Köln: Giuliano G. (23, weiße Daunenjacke) und Christopher G. (26, mit Kapuze) stehen wegen Enkeltricks vorm Landgericht.
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Wie tief der Enkeltrick in die Psyche eines Geschädigten einwirkt, wurde bei einer Zeugenaussage eines Kölners klar, der unter Beteiligung der Leverkusener ausgenommen wurde. Über den Verlust von 29.000 Euro war der 68-jährige Mann weniger sauer, als über die Tatsache, dass die Trickbetrüger ihm einen Unfall seiner Tochter mit tödlichen Folgen mit einer im Hintergrund weinenden erwachsenen Frau weisgemacht hatten.
Ein „Kommissar Sommer“ hatte ihm am Telefon eingeredet, dass der Metallarbeiter eine Kaution von 90.000 Euro hinterlegen solle, weil die Tochter in einen Unfall mit Todesfolge verwickelt sei. Als er ihnen mitgeteilt habe, dass er über so viel Geld nicht verfügen könne, ließen sie sich schließlich auf 30.000 Euro ein. Das Geld sollte er nicht in seiner Sparkassenfiliale in Nippes holen, sondern in der großen Zentrale am Neumarkt, wahrscheinlich, weil man ihn dort nicht kennt. Das ist ein bekannter Dreh beim Enkeltrick.
Das Opfer konnte bei seiner Sparkasse 29.000 Euro abheben. Ein Abholer wartete an der Luxemburger Straße wenige Meter vom Kölner Justizzentrum entfernt, an der ADAC-Zentrale auf den Mann. Der wollte zur Sicherheit ein Foto von dem Abholer machen, der daraufhin mit dem Geld in der Hand losspurtete. Wahrscheinlich war es die dann doch irgendwie unseriöse Ausstrahlung des Abholers, die Sonnenbrille, die Kleidung, die bei dem Mann Zweifel hatten aufkommen lassen. Der damals 66-jährige verlor das Wettrennen gegen den Abholer, das Geld war futsch, aber gleichzeitig war klar, dass der Tochter nichts zugestoßen war. „Ich bin sauer auf mich selbst, aber die Stimme am Telefon, das war meine Tochter, ich bin sicher“, sagte der Zeuge im Gerichtssaal. Wiedererkennen konnte er aber keinen der Angeklagten.
Der kriminelle Enkeltrickbetrug ist äußerst straff durchorganisiert. Die Anrufer oder „Keiler“ sitzen in Osteuropa oder in der Türkei. Die Goman-Brüder organisierten bis zu ihrer Festnahme die Abholung. Dass offenbar auch andere Mitglieder in der Großfamilie genau wissen, welche Regeln bei diesen Betrügereien gelten, wurde offenbar, als ein abgehörtes Telefonat zwischen Giuliano und einem Familienmitglied oder Kumpel übersetzt wurde, der bei den Gomans „Kennedy“ genannt wird.
Enkeltrick: 40 Prozent fürs Abholen
Der klärte Giuliano Goman auf, dass der mit 25 Prozent Anteil von der Tatbeute zu wenig bekomme. Kennedy: „Von 20.000 muss er dir 8000 geben.“ Das sei so üblich.
Die Goman-Brüder geben sich vor Gericht geständig und tun so, als ob sie an der Aufklärung mitwirken. Allerdings, wenn es ans Eingemachte geht, helfen sie dem Gericht nicht: Wer genau dieser Kennedy ist, das verriet keiner der Brüder: „Es gibt vier Kennedys bei uns.“ Die Frage nach dem Anteil ist für die Anwälte der Brüder und der Abholer ganz offenbar von großem Interesse, denn in der Sache werden sie besonders aktiv: Danach werden sich später die Rückzahlungen an die Geschädigten berechnen. Falls sie zustande kommen, denn offiziell sind die Brüder, wie ein Großteil der Familie, abhängig von Bürgergeld.
Die Familienmitglieder sprechen am Telefon einen Romanes-Dialekt, das ist die Sprache der Sinti und Roma, gelegentlich fallen deutsche Begriffe. Eine Dolmetscherin übersetzt fürs Gericht.
Auch das Verhältnis der beiden Organisatoren aus dem Goman-Clan zu ihren zwei kleinkriminellen Abholern wird klarer, als das abgehörte Telefonat in der Verhandlung abgespielt wird: „Hast Du einen nicht-Roma-Jungen für uns?“, fragt einer der Brüder seinen Vertrauten, sie brauchen einen Abholer, um mit ihm „in NRW eine Woche über die Dörfer zu fahren“. Kennedy: „Ja, habe ich.“ Offenbar will man für diesen miesen Job keine Familienmitglieder verheizen. „Das sind Jugoslawen, die klauen doch.“ „Nein!“, lässt Kennedy das nicht gelten.
Giuliano gerät während des Telefonats ins Träumen, als er mit Kennedy über die Abholer spricht: „Er bringt uns unser Geld und wir sitzen zu Hause, chillen, das Geld kommt einfach so!“
Der Prozess wird fortgesetzt.
