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ZitterpartieHalbmarathon Leverkusen stand wegen Unwetter auf der Kippe

Lesezeit 4 Minuten
Kneifen gilt nicht: 3600 Läufer gingen beim Halbmarathon an den Start – trotz Hitze und Unwetter in der Nacht zuvor.

Kneifen gilt nicht: 3600 Läufer gingen beim Halbmarathon an den Start – trotz Hitze und Unwetter in der Nacht zuvor.

Leverkusen – Wer wissen will, wie eine irre Mischung aus abgrundtiefer Müdigkeit und himmelhochjauchzender Euphorie aussieht, muss Tiina Ripatti anschauen. Es ist etwa halb elf am Sonntagvormittag, und die Mit-Organisatorin des EVL-Halbmarathons steht ein paar Meter hinter dem Ziel auf der Kölner Straße – also dort, wo die Läufer schwitzend und ausgelaugt ankommen. Ihr Blick flirrt hin und her. Ständig klingelt das Handy, irgendwer will irgendwas von ihr wissen. Dabei weiß Ripatti selber ja gar nicht wohin mit den Empfindungen. Zwei Stunden habe sie in der Nacht zuvor geschlafen, sagt sie und wiederholt: „Zwei Stunden!“ Eigentlich müsste sie nur noch todmüde sein. Aber da ist eben auch ihr aufgeputschter Geist. Aufgeputscht, weil ihre müden Augen dem hellwachen Gehirn alle paar Sekunden melden: Da kommt der nächste Läufer, der es geschafft hat. Und noch einer. Und Ripatti, die Müde, weiß: Es hat doch noch geklappt.

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Geklappt mit dem 18. Halbmarathon, der wegen der Gewitter in den Morgenstunden auf der Kippe stand. Veranstaltungs-Exitus. „Wir sind die ganze Nacht die Strecke abgefahren und haben geschaut, ob irgendwo etwas überflutet wurde“, sagt Ripatti. Am Ende war es – neben der Stelze und dem Bürgerbusch – der Birkenberg, der die meisten Probleme bereitete. „Da mussten wir den Parkplatz, der unter Wasser stand, freipumpen.“ Da die Mitarbeiter des Technischen Hilfswerkes (THW), die den Halbmarathon eigentlich betreuen und auch dieses Mal betreuen sollten, überall im Einsatz waren, um Keller leer zu pumpen, musste die Stadtverwaltung einspringen.

Gänsehaut beim Startschuss

Erst um 8.30 Uhr, eine halbe Stunde vor Laufbeginn, gab es grünes Licht. „Und als dann der Startschuss fiel“, sagt Ripatti, „hatte ich eine Gänsehaut. Sowas habe ich in all den Jahren noch nie erlebt. Das war hart.“ Das Unwetter war denn ihrer Ansicht nach wohl auch verantwortlich dafür, dass von den rekordverdächtigen 4700 gemeldeten Teilnehmern – verteilt über den eigentlichen Halbmarathon und die verschieden langen Nebenstrecken bis zu den Firmenstaffeln und Walking-Gruppen – letztlich nur 3600 an den Start gingen. Aber sei’s drum: „Wir haben es geschafft. Und die Leute haben ihren Spaß!“ Das zähle.

Außerdem sind da ja viele, für die ein Nichtantritt keine Option war. „Kneifen? Das gibt es nicht“, sagt etwa der Hitdorfer Wolfgang Buhl mit der Teilnehmer-Medaille um den Hals.

Sein Freund Will Floer stimmt ihm zu: „Wir haben keine Sekunde überlegt, hier nicht anzutreten.“ Eine Unbeugsamkeit, die sich lohnte: Beide Läufer bleiben mit knapp einer Stunde und 54 Minuten im selbstgesteckten Zeit-Ziel. Wie auch Sebastian und Romy „Ich heiße wirklich so!“ Schneider aus Attendorn im Sauerland, die schon zum dritten Mal beim Halbmarathon dabei sind. Händchen haltend kommen sie ins Ziel und knipsen ein Paar-Selfie. „Wir laufen immer zusammen“, sagt Romy. Und ihr Sebastian ergänzt grinsend: „Das ist schöner, als wenn jeder für sich unterwegs ist.“ Es sei doch ein gutes Zeichen, wenn man nach vier Jahren Ehe noch zwei Stunden zusammen joggen könne ohne miteinander zu streiten. Da hat er recht, der Sebastian, der genau weiß, warum der EVL-Lauf so reizvoll ist: „Er ist abwechslungsreicher als viele andere Läufe. Es geht durch den Wald, durch die Stadt, am Stadion vorbei und über Straßen, an denen fremde Menschen stehen und dich anfeuern.“

Zu diesen Unterstützern gehören Jahr für Jahr Sabine und Harald Schneider sowie Sabines Vater Günter Rust aus Bergisch Neukirchen. Das Trio wartet entlang der Zielgeraden am Straßenrand, ruft den Sportlern Mut für die letzten Meter zu, lärmt mit Ratschen. „Natürlich“, sagt Rust, „kommen wir immer hierher. Der Halbmarathon ist eine tolle Veranstaltung! Da hat jeder Teilnehmer Unterstützung verdient.“ Zumal seine Enkelin Sinah Mürköster mitläuft. Da ist Engagement bei der für die Läufer unangenehmen Schwüle erst recht Ehrensache.

Wie es für den 72-jährigen Klaus Kirschey, nach eigenen Worten Mitbegründer des Halbmarathons, wieder Ehrensache ist, sich am Marktplatz um die Versorgung der Läufer zu kümmern: Er schöpft Orangensaft aus 45-Liter-Tonnen in Becher. Er reicht Bananen aus Dutzenden von Boxen. Und freut sich, „dass dieser Halbmarathon so ein Erfolg geworden ist.“ Ein Erfolg mit einer Geschichte, die weitergehen wird. Egal, welches Gewitter kommt.

Sämtliche Gewinner-, Teilnehmer- und Zeitlisten des 18. EVL-Halbmarathons sind im Internet zu finden.

www.leverkusen-halbmarathon.de

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