Sein Widerstand gegen das NS-Regime brachte den Bergneustädter Pfarrer Heinrich Schmitz ins KZ. Nach dem Krieg wollte ihn seine geliebte Gemeinde nicht wiederhaben.
Geschichten aus der GeschichteBergneustädter Pfarrer ging für seinen Glauben ins KZ

Die Amtseinführung von Heinrich Schmitz wurde 1934 mit einem Festgottesdienst in der Altstadtkirche begangen.
Copyright: Stadtarchiv Bergneustadt
Seine kritische Haltung will Heinrich Schmitz nicht verbergen. Schon kurze Zeit nach seinem Start in Bergneustadt machte er seine politische Einstellung deutlich, wenn er „immer wieder von Entscheidungen sprach, die gegen das nationalsozialistische Gedankengut getroffen werden müssten“, berichtet Zeitzeugin Käthe Wille. Seit 1937 gerät er durch seine Predigten, aber auch wegen des Einsammelns der Kollekten für die Bekennende Kirche immer mehr in Konflikt mit dem Regime.
„Pastor Schmitz wagt manchmal Sätze von der Kanzel zu sagen, und spricht Vergleiche aus, die jeder selbst zu Ende denken könnte, aber er überträgt sie ganz deutlich in unsere Zeit“, hält die Bergneustädterin Käthe Wille in ihrem Tagebuch fest und fügt hinzu, der Ortspolizist schreibe jeden Sonntag in der Kirche auf, wenn ihm ein Wort aus der Predigt verdächtig erscheint, und beschlagnahme die Kollekte.
Zwangsexil in Wegeringhausen
Schließlich verhängt die Geheime Staatspolizei mit Schreiben vom 21. Oktober 1937 ein Aufenthaltsverbot für die Rheinprovinz und ein Redeverbot für das gesamte Reichsgebiet. Schmitz muss die Rheinprovinz am 23. Oktober bis 12 Uhr verlassen, andernfalls droht ein Zwangsgeld von 150 Reichsmark, ersatzweise 15 Tage Haft. Vor seiner Abfahrt lässt er zur Benachrichtigung der Gemeinde die Glocken läuten.
Schmitz fährt ins nur 15 Minuten entfernte westfälische Wegeringhausen und übernachtet im Gasthaus Bock. Am darauffolgenden Sonntagmorgen erscheint er in der überfüllten Bergneustädter Kirche. Die Gläubigen halten den Atem an. Er steigt, allen Verboten zum Trotz, auf die Kanzel. Ein Raunen geht durch das Kirchenschiff. „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir.“ Schmitz verliest den gesamten 42. Psalm, der Sehnsucht nach Gott, innere Zerrissenheit und die Hoffnung auf Wiederherstellung in Zeiten der Feindseligkeit thematisiert. Die Kirchenbesucher lauschen seiner Predigt, manche weinen. „Natürlich war allen klar, dass die Partei darauf reagieren würde und mit dem Schlimmsten zu rechnen sei“, erinnert sich Käthe Wille.

Pfarrer Heinrich Schmitz mit Ehefrau Klara und Tochter Gertrud um 1937.
Copyright: Stadtarchiv Bergneustadt
Noch am gleichen Abend verhaften zwei einheimische SS-Männer Schmitz im Pfarrhaus und bringen ihn ins Gefängnis nach Gummersbach. Zwei Tage später wird er in Köln im berüchtigten „Klingelpütz“ in Schutzhaft genommen und dort verhört. Unter Androhung der Einweisung in ein KZ nötigt ihn die Gestapo, seine Ausweisung anzuerkennen. Eine Wahl gibt es für Schmitz nicht. Daraufhin entlässt sie ihn aus der Haft, und er findet vorerst Aufnahme bei seinem Freund und Amtsbruder Pfarrer Rudolf Schmidt in Meinerzhagen.
Als sich das Bergneustädter Presbyterium bei der Gestapo in Köln für ihren Pfarrer einsetzt, erfährt es ebenfalls die Macht und Willkür des Staatsapparats. Auf ihre Anfrage vom 29. Oktober 1937, warum Volksgenossen ohne ordentliches Verhör, ohne Gerichtsverhandlung und ohne ein begründetes Urteil verhaftet werden könnten, reagiert die Gestapo zunächst nicht. Als die Antwort weiter auf sich warten lässt, hakt das Presbyterium am 14. Dezember 1937 energisch nach. Nun aber schlägt die Staatsmacht zurück und beauftragt die Stadtverwaltung Bergneustadt über den Landrat, sieben Presbyter festzunehmen und nach Köln zu überführen.
Bergneustädter Presbyter werden verhaftet
Die Männer werden an ihren Arbeitsplätzen verhaftet und am 17. Dezember nach Köln gebracht, wo sie verhört werden. Sie müssen eine Nacht in Haft verbringen und werden erst entlassen, als der Verfasser des Mahnbriefs vom 14. Dezember unterschreibt, den Briefinhalt mit dem Ausdruck seines tiefsten Bedauerns zurückzunehmen. Außerdem muss er sich verpflichten, diese Erklärung am nächsten Sonntag von der Kanzel zu verlesen.
Pfarrer Schmitz wird weiter scharf beobachtet, seine Post kontrolliert. Die Staatspolizeistelle Dortmund wirft ihm vor, er habe Rundschreiben über seine Festnahme und Ausweisung an seine Amtsbrüder verfasst, und verfügt: „Sie haben durch ihr Verhalten zu erkennen gegeben, daß Sie trotz der gegen Sie bereits verhängten Maßnahmen nicht gewillt sind, staatlichen Anordnungen Folge zu leisten. Ihr weiteres Verbleiben im Regierungsbezirk Arnsberg ist daher im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nicht länger angebracht.“ Innerhalb von 24 Stunden muss Schmitz deshalb Meinerzhagen verlassen.
Odyssee duch Deutschland
Sein Weg führt ihn zunächst nach Hermannsburg in der Lüneburger Heide. In der diakonischen Einrichtung, die zu Bethel gehört, versieht er Predigt- und Bibelstundendienst. Im Herbst 1938 versieht Schmitz kurzzeitig Pfarrdienst in ostpreußischen Gemeinden, den er aber abbricht, um Einfluss auf Bergneustadt zu behalten, wo Frau und Tochter weiterhin leben. Aus diesem Grund lehnt er auch Stellenangebote der Bekennenden Kirche in Schlesien und Brandenburg ab. Die Pfarrer Johannes Fach (Marienhagen), Friedrich Müller (Heidberg) und Adolf Stüber (Lieberhausen) besuchen Schmitz Anfang 1939 und legen ihm nochmals die Arbeitsangebote nahe. „Wegen der unerträglichen Trennung von Gemeinde und Familie“ habe er die Angebote nicht angenommen, erklärt Schmitz.
Das Bergneustädter Presbyterium hält im Protokoll vom 7. Februar 1939 fest, Pastor Schmitz stehe weiter in wartender Haltung, dass sich ihm in Bergneustadt wieder eine Tür öffnet. Das Presbyterium werde ihn nicht verlassen, sondern halte ihm die Treue.
Auch Frau und Tochter verlassen Bergneustadt
An den weiteren Stationen in Ostwestfalen und am Niederrhein hält Pfarrer Schmitz an seinen bekenntnisgebundenen Predigten fest, weshalb er mehrfach mit den Nazis aneinandergerät. Schmitz’ Frau und Tochter, die bis dahin in Bergneustadt lebten, folgen ihm schließlich nach Wesel-Obrighoven.
Nach einer Beerdigungsansprache, in der er den Führer lächerlich macht und den Krieg als verloren bezeichnet, wird Schmitz am 16. Juni 1944 erneut verhaftet. Die Gestapo bringt ihn ins Polizeigefängnis Emmerich und überführt ihn später in die Gefängnisse Wesel, Ratingen und Düsseldorf. Schließlich wird er am 6. Dezember 1944 ins KZ Dachau deportiert. Dort wird er zum Tode verurteilt, das Urteil aber nicht vollstreckt.
Als sich am Kriegsende die US-Truppen Dachau nähern, wird Schmitz am 26. April 1945 zusammen mit 54 weiteren Geistlichen des „Pfarrerblocks“ auf den berüchtigten Todesmarsch geschickt. Jeder, der aus Kräftemangel aus dem Zug ausschert, muss mit einem Genickschuss rechnen. Der Fußmarsch geht über die Kräfte des wegen einer Verwundung aus dem 1. Weltkrieg gehbehinderten Pfarrers Schmitz. Deshalb nehmen ihn zwei katholische Priester, ebenfalls Häftlinge, in die Mitte und stützen ihn. Vermutlich sind es die Jesuitenpatres Otto Pies und Franz Kreis.
Abenteuerliche Flucht
Plötzlich kommt ein Lkw angebraust, und ein Offizier in SS-Uniform weist das Wachpersonal der KZ-Insassen an: „Ich habe den Befehl, diese Leute abzutransportieren.“ Schmitz und seine beiden Begleiter schreit er an: „Vorwärts einsteigen, wird’s bald!“ Außer den Dreien befinden sich weitere Gefangene auf der Ladefläche, darunter zwei Polen, die sich laut in ihrer Muttersprache unterhalten. In rasendem Tempo jagt der Lkw, am Zug vorbei, bis zum Ausgangstor des Lagers; die Schranke geht hoch, sie können ohne Beanstandung passieren.
Endlich hält der Wagen an einer hohen, langen Steinmauer, und den Gefangenen wird befohlen auszusteigen. Ein Gedanke beherrscht die Opfer: „An dieser Mauer endet also unser Leben.“ Doch sie werden in einen Garten geführt und sehen sich erstaunt in einem Hof von Gebäuden umgeben. Der vermeintliche SS-Offizier, der sich als Priester erweist, hat sie in ein Kloster trans-portiert. Er erklärt, ebenfalls Häftling in Dachau gewesen zu sein, doch habe man ihn wegen seiner Verbindungen zum Ausland entlassen müssen. Danach sei in ihm der Plan gereift, andere Häftlinge zu befreien. Er habe sich eine SS-Uniform besorgt und aufgrund seiner genauen Kenntnisse vom Lagerleben habe er seine Transporte als Auslandsfahrten glaubhaft machen können. Dabei hätten ihm die beiden Polen geholfen, die durch ihre Unterhaltung in der Landessprache für freie Fahrt am Eingangstor ohne Kontrolle gesorgt hätten. Für Pfarrer Schmitz und seine Begleiter ist die Rettung nahezu unfasslich.
Nach einigen Wochen kann sich Schmitz durch das von den Nazis befreite, aber von Alliierten besetzte Land auf Güterzügen und per Anhalter von Süddeutschland zum Niederrhein durchschlagen. Im Juli 1945 kehrt er nach Wesel-Obrighoven zurück.
Er will zurück nach Bergneustadt
Pfarrer Schmitz’ Beschäftigungsauftrag in Wesel endet rechtlich am 1. September 1945. Er will zurück nach Bergneustadt – doch dort ist er nicht mehr willkommen. Pfarrer Werner Koppen, Schmitz’ Nachfolger in Bergneustadt, hat ihm zwar versprochen, die Pfarrstelle freizumachen, sobald er wieder zurückkehren dürfe. Das Presbyterium hat das jedoch bereits 1944 abgelehnt.
In einem Gemeindegottesdienst gibt es eine Probeabstimmung, deren Ergebnis eine überwiegende Mehrheit für Pfarrer Koppen ergibt. In ihrem Buch mutmaßt Käthe Wille, dass das Presbyterium Pfarrer Schmitz keine disziplinierte Amtsführung mehr zutraue, weil er so unbeherrscht und fordernd sein Amt einklagt. Hinzu komme, dass die Bergneustädter mit der Amtsführung von Pfarrer Werner Koppen sehr zufrieden sind.
Die Kirchenleitung in Düsseldorf ordnet schließlich an, dass sowohl Schmitz als auch Koppen in eine andere Pfarrstelle versetzt werden, um eine doppelte Besetzung in Bergneustadt zu vermeiden.
Schmitz findet erst spät wieder eine Pfarrstelle. An seinem früheren Schaffensort in Wesel-Obrighoven wird er am 13. März 1949 als Pfarrer an der Kirche am Lauerhaas eingeführt. Besondere Verdienste in dieser Zeit erwirbt er sich beim Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Willibrordikirche.
Am 30. September 1968 stirbt Heinrich Schmitz und wird in Obrighoven beigesetzt. Posthum wird er in Wesel mit einer „Pastor-Schmitz-Straße“ geehrt.
Dieser Text ist eine stark gekürzte Fassung eines Beitrags, der Ende des Jahres in einem Buch über den NS-Widerstand im Bergischen Land erscheinen soll. Herausgeber ist der Förderverein des LVR-Freilichtmuseums Lindlar.
Geboren in Duisburg
Heinrich Schmitz wird am 23. Juli 1890 in Duisburg geboren und wächst überwiegend in Kinderheimen auf. Nach einer Schlosserlehre durchläuft er die Missionarsausbildung bei der Rheinischen Mission. 1915/16 verpflichtet er sich als freiwilliger Krankenpfleger und dient bis Anfang 1918 als Soldat im Ersten Weltkrieg. Nach dem Examen wird Schmitz 1920 Leiter der Stadtmission Erfurt. Ein Jahr später nimmt er ein Theologiestudium auf, 1924 erfolgt die Ordination für den Kirchendienst. Ende 1925 heiratet er die Lehrerin Klara Kürten aus Sonnborn. 1930 wird Tochter Gertrud geboren. Nach Stationen in Vohwinkel, Barmen und Alpen bei Wesel wird Heinrich Schmitz am 30. September 1934 als evangelischer Pfarrer in Bergneustadt eingeführt.
Kirchplatz soll seinen Namen tragen
Die SPD-Fraktion im Bergneustädter Stadtrat hat für die Sitzung am Mittwoch beantragt, den Platz vor der evangelischen Altstadtkirche nach Heinrich Schmitz zu benennen. Diese vor allem als Parkplatz genutzte Fläche hat bisher keinen Namen.
„Zur Würdigung seiner Lebensleistung und seiner Verdienste für die Stadt Bergneustadt wird am Kirchplatz zudem eine Gedenktafel angebracht, die an das Leben und Wirken von Pfarrer Heinrich Schmitz erinnert“, schlägt die SPD weiter vor. Diese soll in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein gestaltet werden. Die Stadt Bergneustadt möge dem Beispiel der Stadt Wesel folgen und in dieser Weise an Pfarrer Schmitz als mutiges Vorbild für Glauben und Mitmenschlichkeit erinnern.

