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PilotprojektWarum Oberberg ein eigenes Regenradar für das Bergische Land testen will

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Zu sehen ist ein X-Band-Niederschlagsradar der Mittelhessischen Wasserbetriebe, das auf einem Dach montiert ist.

An einen Schoko-Kuss erinnert die aktuelle Generation von Niederschlagsradargeräten, die im X-Band arbeiten.

Langfristig soll das Radar zwischen Wuppertal und Hennef vor Starkregen und Hochwasser warnen. Hier gibt es die Details zum Projekt. 

Mit den Sommermonaten beginnt demnächst wieder die Zeit, in der Meteorologen keinen leichten Stand haben. Es wird Beschwerden von Wiehlern geben, die furchtbar nass geworden sind – dabei sollte das Gewitter laut der Vorhersage doch über Nümbrecht abziehen. Und umgekehrt wird sich ein Gummersbacher ärgern, der seine Gartenparty abgesagt hat, obwohl letztlich nur zwei Tröpfchen vom Himmel fielen. Erst am nächsten Morgen wird er erfahren, dass die Feuerwehr Engelskirchen die ganze Nacht die Kellergeschosse auspumpte.

Oberberg soll Radar für das  Bergische Land testen

Die Wetterexperten verteidigen sich stets damit, dass kleine aber heftige Gewitter- und Sturmzellen oft spontan in der Atmosphäre aufploppten. Ihre Zugbahn exakt vorauszusagen, sei schlicht unmöglich. Bis jetzt, denn das könnte sich bald ändern. Für das Bergische Land steht ein neues Wetterradar in den Startlöchern, das mithilfe künstlicher Intelligenz die Vorhersage von Niederschlag deutlich verbessern soll. Sein Name: KIRa-Berg.

Der Oberbergische Kreis hat jüngst Details zu dem Vorhaben veröffentlicht, das hier in den Probelauf gehen soll. Tatsächlich ist KIRa-Berg aber viel breiter aufgestellt. Hinter der Idee von einem eigenen Radarsystem steckt die „Kooperation Überflutungsvorsorge an Agger und Wupper“, kurz ÜVAW, die sich nach den Überschwemmungen im Sommer 2021 aus dem Bewusstsein heraus gegründet hat, dass sich Hochwasser eben nicht an kommunalen Grenzen stört. Mit den Kreisen Oberberg, Rhein-Berg und Rhein-Sieg, dem Ennepe-Ruhr-Kreis, den Städten Leverkusen, Remscheid, Solingen und Wuppertal, sowie dem Agger- und dem Wupperverband sitzen dort alle Beteiligten im Boot, die irgendwie mit mindestens einem der beiden Flüsse zu tun haben.

Katastrophenschutz in Oberberg soll mehr Vorlaufzeit bekommen

Der Zusammenhang zwischen Radar und dem vom Kreis zu verantwortenden Katastrophenschutz liegt auf der Hand: Wo Starkregen fällt, ist die Überschwemmung vorprogrammiert. Es gehe darum, „die Vorwarnzeit zu erhöhen und damit die Einsatzfähigkeit des Bevölkerungsschutzes erheblich zu verbessern“, benennt der Oberbergische Kreis in einer Mitteilung das Ziel.

Bislang verlassen sich der Kreis und die Region in Sachen Niederschlag auf den Deutschen Wetterdienst (DWD), der mit insgesamt 17 Radaranlagen das gesamte Bundesgebiet abdeckt. Jedes einzelne Radar überwacht die Wetterentwicklung in einem Umkreis von durchschnittlich 150 Kilometern, zum Teil überlappen sich die Einsatzgebiete auch.

Darüber hinaus ist geplant, mit einem innovativen Projekt in akuten Einsatzlagen die Vorwarnzeit zu erhöhen und damit die Einsatzfähigkeit des Bevölkerungsschutzes erheblich zu verbessern.
Zielsetzung durch den Oberbergischen Kreis

Nun wird es kniffelig: Der DWD betreibt sein Niederschlagsradar nämlich im C-Band. Heißt: Jede Anlage sendet relativ lange elektromagnetische Wellen aus, die mit großer Reichweite verhältnismäßig weit ins Land vordringen. Für den DWD sind die langen Wellen wichtig, denn er hat bei seiner Vorhersage größere Gebiete im Blick, zum Beispiel das gesamte Bergische Land. Die Planer des KIRa-Berg wollen aber nicht nur wissen, ob es demnächst im Bergischen regnet oder nicht – sondern vor allem, wann und wo genau im Oberbergischen wie viel vom Himmel fallen wird.

Deshalb haben sie die Installation eines Radarsystems in den Blick genommen, das im X-Band arbeitet. Hier sind die Wellen viel kürzer und empfindlicher – dicke und viele Tropfen in einem starken Regengebiet dämpfen und schwächen die Wellen viel schneller ab als im C-Band. Das ist für das Vorhaben aber kein Nachteil, genauso wenig wie der kleinere Arbeitsradius von nur 50 bis 80 Kilometern – denn im Fokus steht ja ohnehin nur das Oberbergische (und nach der Pilotphase dann das Bergische Land, so der Plan). Kurz und gut: Was außerhalb passiert, mag den Deutschen Wetterdienst interessieren, dem bergischen Radar kann es egal sein.

Kürzere Wellen, präzisere Vorhersage

X-Band-Geräte sind im Nahbereich also präziser, zudem viel kleiner, regelmäßig sogar mobil, und arbeiten schneller und in geringerer Höhe. Während die Wetterdienste alle fünf bis zehn Minuten die Atmosphäre abtasten, erkundet das X-Band-Gerät alle paar Sekunden. Das schlägt sich natürlich in der Präzision der Vorhersagemodelle nieder: Statt in Zehn-Minuten-Schritten und mit Kilometerskala modelliert das X-Band die Wetterentwicklung im Minutentakt und bis auf 100 Meter genau. Langfristig sollen die eigenen Radardaten in die Systeme des DWD integriert werden, um in der Kombination die bestmögliche (und rechtlich belastbare) Basis für Warnungen zu ermöglichen, so der Kreis.

Allein mit dem Aufstellen der Radargeräte – angepeilt sind in der Startphase zunächst zwei Exemplare – ist es aber noch nicht getan. Deshalb sind Partner nötig. Die Arbeitsgruppe für Radarpolarimetrie am Institut für Geowissenschaften der Universität Bonn, Vorreiter beim X-Band-Wetterradar, soll die Kompatibilität der oberbergischen Daten mit denen des DWD gewährleisten und bei der Standortwahl der Radare beraten.

Uni Bonn und TH Köln sind ebenfalls mit im Boot

Und das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der TH Köln – der dritte Partner – wird eine digitale Informationsplattform entwickeln, mit deren Hilfe Krisenstäbe, aber auch die Bevölkerung, Überflutungsszenarien verfolgen können. Wie viel Regen in welchem Zufluss später wo für Probleme sorgen wird, weiß schließlich die KI.

Bereits im Dezember hat die oberbergische Kreisverwaltung stellvertretend für die Kooperation das Projekt dem Lenkungsausschuss der Regionale 2025 Bergisches Rheinland vorgestellt und den A-Status einfahren können, der eine 80-prozentige Förderung durch die Bezirksregierung in greifbare Nähe rückt. In Kürze soll der Antrag gestellt werden.

Die Gesamtkosten belaufen sich laut Kreis auf 1,8 Millionen Euro, kalkuliert für den Testzeitraum Juli 2026 bis Dezember 2028. Oberbergs Eigenanteil ist mit rund 66.000 Euro veranschlagt. Um die Unterstützung der Politik wirbt die Verwaltung am Montag, 23. Februar. Dann ist das Radar KIRa-Berg Thema im Umweltausschuss des Oberbergischen Kreistags.