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Interview

Neuer Chef im VU-Team
Dieser Mann führt die  Unfallspezialisten der oberbergischen Polizei

5 min
Zu sehen ist ein Polizist vor einem Polizeiwagen, der einen Scanner bedient.

Mit dem Spezialscanner gelingt Marco Faka und seinem Team die zentimetergenaue und dreidimensionale Darstellung von Unfallorten. Davon profitieren später auch Staatsanwaltschaft und Gerichte. 

Im Interview spricht Marco Faka (35) über modernste Methoden der Unfallrekonstruktion – und den Umgang mit furchtbaren Eindrücken.

Schwerste Verkehrsunfälle sind ein Fall für das VU-Team der oberbergischen Polizei. Dabei kommen die Spezialisten auch weit über die Kreisgrenzen hinaus zum Einsatz. Seit Januar ist Marco Faka (35) Chef der Gruppe. Zum Start der Motorradsaison 2026 sprach Florian Sauer mit ihm über modernste Methoden der Unfallrekonstruktion – und darüber, wie er mit den teils furchtbaren Eindrücken zurechtkommt.

Herr Faka, die Tage werden länger, das Wetter schöner. Denken Sie schon mit einer gewissen Unruhe an den Start der Motorradsaison 2026?

Marco Faka: Ich bin wirklich froh, dass wir seit dem Monatsbeginn wieder unsere volle Teamstärke erreicht haben. Jetzt ist der Moment, in dem die Zahlen hochgehen werden. Und weil wir ja nicht nur in Oberberg, sondern landesweit eingesetzt werden, vergeht im Sommer tatsächlich so gut wie kein Wochenende ohne Kradunfall.

VU-Team Oberberg rückt landesweit aus

Landesweit bedeutet, dass Sie notfalls auch zu einem Unfall nach Bielefeld ausrücken?

Das ist tatsächlich schon passiert. Die speziellen VU-Teams der Polizei sind übers Land verteilt. Kommt es zu einem schweren Verkehrsunfall und das nächstgelegene ist bereits unterwegs, wird das übernächste angefordert und so weiter.

Sie haben Ihre Mannschaft angesprochen, wie viele Beamte gehören zum VU-Team Oberberg?

Mit mir sind wir insgesamt zu zehnt, aber nicht ausschließlich Polizistinnen und Polizisten. Wir haben auch einen Sachverständigen für Schadensgutachten, einen Unfallanalytiker und einen Sachkundigen fürs Tuning von Fahrzeugen in unserem Team.

Klare Regelung per Erlass

Wer legt an einer Unfallstelle eigentlich fest, ob die Unfallaufnahme nun durch eine Streifenwagenbesatzung oder durch das VU-Team geschieht?

Das ist relativ klar durch einen Erlass geregelt. Sobald Menschen getötet wurden, in Lebensgefahr schweben oder der Verdacht besteht, dass dem Unfall ein Rennen vorausgegangen ist, sind wir im Boot. Das VU-Team ist auch für Verkehrsunfallfluchten zuständig, bei denen Verkehrsteilnehmer schwer verletzt werden. Dazu kommt noch eine Öffnungsklausel in den Vorschriften, die unseren Einsatz vorsieht, wenn ein sogenanntes öffentliches Interesse besteht. Der Klassiker dafür ist ein Schulbusunfall mit vielen leichtverletzten Kindern.

Porträt eines Polizisten

Marco Faka (35) ist seit 2011 Polizist. Und seit Januar dieses Jahres der neue Leiter des Verkehrsunfall-Teams bei der Polizei in Gummersbach.

Das bedeutet auch, dass Sie das ganz große Leid auf den Straßen NRWs sehen, die schlimmsten Unfälle. Gibt es Freunde oder Kollegen, die Sie fragen, warum Sie sich diese Eindrücke antun?

Ja, natürlich. Sehen Sie, im Gegensatz zu den Kolleginnen und Kollegen, die zuerst am Unfallort eintreffen, haben wir den großen Vorteil, dass wir wissen, was uns erwartet. Wir wollen den Unfallablauf professionell rekonstruieren, das ist unsere Aufgabe. Aber natürlich brennen sich manche Eindrücke auf der Festplatte ein. Man blickt in ein völlig zerstörtes Fahrzeug und denkt nach: Von jetzt auf gleich war dieses Leben vorbei. Bei aller Professionalität sind und bleiben wir Menschen.

Man blickt in ein völlig zerstörtes Fahrzeug und denkt nach: Von jetzt auf gleich war dieses Leben vorbei. Bei aller Professionalität sind und bleiben wir Menschen.
Marco Faka, Leiter des VU-Teams der oberbergischen Polizei

Gibt es Unfälle, die ihnen besonders nachlaufen?

Wenn Kinder betroffen sind, wird es immer schwierig. In unserem Team sind viele junge Eltern. Gespräche unter uns Kollegen und mit unseren Familien sind da unheimlich wichtig. Notfalls muss eben professionelle Hilfe her. Man muss da ehrlich zu sich selbst sein.

Sie betonen, dass erste Voraussetzung für die Arbeit in einem VU-Team eine große Portion Neugierde ist.

Das stimmt. Ich zitiere da gerne immer wieder meinen ersten VU-Teamleiter aus Köln: Wir verleihen den Getöteten eine Stimme, vergesst das nicht. Und das ist ja auch so. Wer unverschuldet im Straßenverkehr ums Leben kommt, der kann seine Sicht auf den Unfall nicht mehr schildern. Aber wir sind es den Angehörigen schuldig, dass wir haarklein ermitteln, was genau passiert ist.

Oberbergs Ermittler arbeiten mit Drohne und Scanner

Dafür steht Ihnen eine ganze Menge hochmoderner Ausrüstung zur Verfügung, mit der ein Unfallablauf im besten Fall sogar als Animation rekonstruiert werden kann. Welche Rolle spielt die klassische Bremsspur dabei noch?

Die gibt es durch die Assistenzsysteme in modernen Fahrzeugen tatsächlich immer seltener. Das Erkennen und Finden dieser analogen Spuren wird immer schwieriger. Dafür sind neuere Fahrzeuge für uns wie ein offenes Buch. Darüber können wir zum Beispiel nachvollziehen, wie sich der Verkehrsteilnehmer verhalten hat, wie schnell er war, ob er gebremst hat oder wie stark das Gaspedal gedrückt wurde. Ferner greifen wir im besten Fall auf Daten von Assistenzsystemen zurück, die Rückschlüsse auf einen Verkehrsunfall geben können. Dazu kommen Aufnahmen mit einem dreidimensionalen Scanner, mit verschiedenen Kameras und der Drohne.

Das klingt nach aufwendiger Arbeit, die auch die für gewöhnlich lange Sperrzeit nach einem schweren Unfall erklärt. Ein Unfallort ist ein Tatort, das muss man so klar sagen. Für mich spielt es auch erst einmal keine Rolle, ob jemand Opfer eines Kapitalverbrechens geworden oder im Straßenverkehr getötet worden ist. Wir tragen Teil für Teil zu einem großen Bild zusammen und dafür sind nun einmal längere Sperrungen notwendig.

Gelingt Ihnen das immer vollständig?

Nein, das ist wie bei einem alten Puzzle, manchmal fehlt einfach ein Teil. Aber wir haben in unserem Team tolle Ermittler, die sich nicht so schnell damit zufriedengeben, wenn ein Rätsel ungelöst bleibt. Regelmäßig überlegen wir im Team auch nach Dienstschluss noch und diskutieren über einen möglichen Unfallhergang oder über mögliche Unfallursachen. Genau das meine ich mit der Neugierde, die man in einem VU-Team einfach haben muss.


Zur Person:

Marco Faka (35) ist Hauptkommissar und seit 2011 Polizist. Nach der Ausbildung in Köln war er einige Jahre im Wach- und Wechseldienst, bevor er 2018 zum Kölner VU-Team, das es seit 2005 gibt, wechselte. 2023 verschlug es ihn nach Oberberg. Seit Januar dieses Jahres ist er Chef des VU-Teams der hiesigen Kreispolizeibehörde.

Im Jahr 2025 rückte das VU-Team Oberberg zu insgesamt 79 Unfällen aus, in diesem Jahr war es bei bislang 20 Einsätzen gefordert.