Ein Amoklauf im Keller und ein schießender Angreifer hinter der Alten Schule in Gimborn waren Teil eines realitätsnahen Polizeitrainings in Marienheide.
Amoklage geprobtInternationale Polizeikräfte trainieren auf Schloss Gimborn für den Ernstfall

Hinter der Alten Schule in Gimborn übten die Polizistinnen und Polizisten intuitives Schießen in Stresssituationen.
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Es ist Donnerstagmorgen. In einem gemauerten Keller von Schloss Gimborn ist es dunkel, die wenigen Fenster sind verbarrikadiert – es gibt nur eine Tür, die nach draußen führt. Auf dem Boden stehen Kisten und Paletten. Die Stimmung der Gruppe, die sich im Kellerraum befindet, wirkt angespannt. Sie alle sind Polizistinnen und Polizisten, an diesem Tag aber zivil unterwegs und demnach weder bewaffnet noch in Schutzkleidung, als ein Mann in den Kellerraum stürzt und schreit: „Da draußen schießt jemand.“ Vor der Tür sind weitere Schreie und Schüsse zu hören.
Die Männer und Frauen im Keller reagieren schnell, sprechen sich ab, verteilen Aufgaben und suchen sich Gegenstände, die sie als Schutzschilder verwenden können, ehe die Tür aufgeht und der Schütze mit gezogener Waffe im Türrahmen steht. Kaum hat er einen Fuß in den Raum gesetzt, hat die Gruppe den Mann überrascht, überwältigt, gemeinsam auf den Boden gebracht und entwaffnet. Alle sind auf den Schützen fokussiert. Niemand sieht allerdings den zweiten Schützen, der plötzlich in der Tür steht.

Das Übungsszenario eines Amoklaufs fand in einem Keller statt.
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Zwei Tage später, am Samstagnachmittag, fallen hinter der Alten Schule in Gimborn erneut Schüsse. Polizistinnen und Polizisten schießen mit Waffen auf Zielscheiben. Zuvor sind sie von einem Angreifer zu Boden gebracht worden. Nachdem sie sich mit schnellen und gezielten Schüssen verteidigt haben, tasten sie sich am Körper ab, um zu kontrollieren, dass sie selbst nicht getroffen worden sind und bluten.
Diese Amok- und Schusssituationen im Keller und hinter der Alten Schule sind zum Glück keine echten, sondern Übungsszenarien. Dass sie so real wirken, ist die klare Intention des speziellen und intensiven Trainings, das in der vergangenen Woche im Informations- und Bildungszentrum (IBZ) auf Schloss Gimborn in Marienheide stattgefunden hat. „Street Survival Training“ lautet der Titel des ersten einwöchigen Seminars für Polizistinnen und Polizisten, auf Deutsch: „Training für das Überleben auf der Straße“.
Dabei stehen Gewalt im Streifendienst und Selbstverteidigung im Fokus. Es ist Teil des Fortbildungsprogramms der International Police Association (IPA), einer internationalen Berufsvereinigung von Polizeibediensteten (siehe Kasten). Das in der Theorie gelernte wird in realistischen Einsatzszenarien, wie anfangs beschrieben, umgesetzt. Auf die Übungen folgen Nachbesprechungen.

Auf das Übungsszenario eines Amoklaufs folgte ein Schießtraining, das unter anderem von Emil Gozdzik (l.) und Timothy Taylor (r.) angeleitet wurde.
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Dem ersten Seminar schließt sich ein zweites an mit dem Titel „Point Shooting and Firearm Skills“, auf Deutsch: „Instinktives Schießen und Umgang mit Schusswaffen“. Darin wird der Umgang mit der Dienstwaffe vertieft – und zwar in Sekundenbruchteilen und unter höchstem Stress. An den Seminaren nehmen jeweils rund 20 Polizistinnen und Polizisten aus neun Ländern teil. Sie sind aus Österreich, Zypern, Deutschland, Irland, Großbritannien, Slowenien, der Republik Moldau, Schweden und Spanien nach Marienheide gekommen und bringen neben den verschiedenen Polizeivorschriften ihrer Länder individuelle Einsatzerfahrungen mit.
Ähnlich ist es beim internationalen Trainerteam. Einer von ihnen ist Slawomir „Slavo“ Gozdzik aus Schweden. Der 64-Jährige trainiert in beiden Seminaren unter anderem das 1994 von ihm selbst gegründete Selbstverteidigungssystem ESDS (Explosive Self Defence System). Dabei handelt es sich um eine einfache Methode zur Selbstverteidigung, die ausschließlich auf menschlichem Verhalten basiert, erklärt er.

Einer der Trainer ist Slawomir „Slavo“ Gozdzik aus Schweden.
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Gozdzik hat viele Jahre lang im Sicherheits- und Polizeiwesen gearbeitet und war früher als Polizist im aktiven Dienst tätig. „In den Trainings sprechen wir auch über negative Erlebnisse. Es ist erstaunlich, dass es so schwerfällt, darüber zu sprechen, obwohl wir als Polizisten doch jeden Tag unser Leben riskieren“, sagt er. Er und die anderen Trainer achten deshalb sehr darauf, wie es den Teilnehmenden bei und nach den Übungen geht.
Es ist erstaunlich, dass es so schwer fällt über negative Erlebnisse zu sprechen, obwohl wir als Polizisten doch jeden Tag unser Leben riskieren.
Zum Trainerteam gehören auch Timothy Taylor aus Wales, Phil White aus Großbritannien, Slavo Gozdziks Sohn Emil und Mario Nowak aus Deutschland. Der ehemalige SEK-Polizist unterrichtet die taktische Einsatzmedizin, darunter das Stoppen starker Blutungen innerhalb von Sekunden. Die Waffen, die bei den Schusstrainings genutzt werden, hat der Waffenhersteller Umarex aus dem Sauerland zur Verfügung gestellt. Das Modell wurde eigens für Polizeitrainings hergestellt. Statt scharfer Munition werden Gummigeschosse verschossen. „Und wir verwenden auch Farbmarkierungsgeschosse. Dank der Farbe können wir sehen, wo wer getroffen wurde. Das macht die Übungen realistischer“, erklärt Timothy Taylor.
Dass die Seminare im IBZ im Alltag hilfreich sind, hat der 36 Jahre alte Henrik aus Bielefeld erst kürzlich erlebt. Als der Polizeibeamte Anfang Juni zu einem Einsatz in einem Studentenwohnheim fährt, bietet sich ihm nach einem Streit zwischen zwei Studenten ein schlimmes Bild. Ein junger Mann hatte einem Mitbewohner mit einem Messer schwerste Verletzungen zugefügt.
Dank Übungsszenarien beim echten Einsatz einen kühlen Kopf bewahrt
Während seine Kollegen den Angreifer festnehmen, kümmert sich Henrik um das Opfer. „Schon im Treppenhaus habe ich das Blut gerochen und hatte den Eisengeschmack im Mund“, erinnert er sich. Trotz der absoluten Stresssituation schafft er es, den lebensgefährlich Verletzten gemeinsam mit den Rettungskräften zu versorgen und den Einsatz strukturiert abzuarbeiten. „Ich habe mich an die Übungsszenarien im Seminar erinnert und im Kopf abgespult, was ich für solche Situationen gelernt habe. Somit konnte ich meine Emotionen gut kontrollieren“, erzählt er.
Slavo Gozdzik erinnert sich an die Mail aus Bielefeld: „Ich habe heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Das ist der Grund, warum wir das hier machen. Ich freue mich, dass Henrik in dieser Situation darauf zurückgreifen konnte.“
Zum fünften Mal an einem Seminar im IBZ nimmt Christian (36) teil. Der Polizist aus Bayern möchte sich vor allem in der Selbstverteidigung fortbilden. Die Kurse bezahlt er – wie die meisten, die diese nicht als Bildungsurlaub wahrnehmen können – übrigens aus eigener Tasche und nimmt in der Freizeit daran teil.
Neben den intensiven Trainings schätzen die Teilnehmenden und Trainer vor allem den internationalen Austausch. Darüber freut sich auch René Kauffmann, Direktor des IBZ: „Wenn eine Kollegin aus Zypern, ein Kollege aus Moldau und ein Beamter aus Irland dieselbe Übung machen und danach merken, dass jeder anders entschieden hätte, dann fängt Fortbildung erst an. Genau dafür gibt es diesen Ort.“
Marienheide: Das IBZ auf Schloss Gimborn und sein Programm
Das Programm im Informations- und Bildungszentrum (IBZ) umfasst jährlich rund 40 Seminare. Mehr als tausend Teilnehmende kommen jedes Jahr zu Schloss Gimborn. Seit Jahrzehnten ist das IBZ zudem internationale Bildungsstätte der International Police Association (IPA), der größten internationalen Berufsvereinigung von Polizeibediensteten. Polizeiangehörige aus unterschiedlichen Ländern nehmen an den Trainings teil, lernen gemeinsam und nutzen die Seminare auch als Netzwerk.
Getragen wird das Haus als gemeinnütziger Verein, und es ist unter anderem nach dem Weiterbildungsgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen und durch die IPA gefördert. In den Trainings wird die gesamte Breite polizeilicher Wirklichkeit abgedeckt, sie gehen somit über die klassische Fachfortbildung hinaus. Themenschwerpunkte sind u.a. Eigensicherung im Einsatz, Kriminalitätsbekämpfung, Digitale Ermittlung, Extremismus und Terrorismus sowie Führung und der Blick auf den Menschen selbst samt Stressbewältigung und Gesundheit. Die wiederkehrende Gewalt gegenüber Einsatzkräften beeinflusst das Programm und sorgt immer wieder für neue Schwerpunkte.
In den nächsten Jahren wird auch das Crowdmanagement der Polizei bei Großveranstaltung thematisiert. Ein weiteres Thema, das im IBZ-Programm künftig eine Rolle spielen wird, ist die Künstliche Intelligenz in der Polizeiarbeit, darunter KI-gestützte Propaganda und Deepfakes. Mit digitaler Kriminalität befassen sich auch die Teilnehmenden eines mehrtägigen Experten-Forums zu Osint-Formaten (Open Source Intelligence), das 2027 in Gimborn geplant ist. Dabei nehmen sie die Gewinnung öffentlich zugänglicher Informationen zu einer Person oder einem Objekt in den Fokus.
