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Interview

Denklinger Jeck im Gespräch
„Eine reine Party ist nicht die Zukunft des Karnevals“

4 min
Wolfgang Köckerling bei einer Ehrung.

Wolfgang Köckerling (M.) ist der Gründervater des Denklinger Karnevals. Der Bund Deutscher Karneval ehrte in nun.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt Karnevalist Wolfgang Köckerling vom Wolkenschieber-Ballett und der fünften Jahreszeit in Denklingen.

Wolfgang Köckerling, der Erfinder der „Goldenen Narrenkappe“ vor 33 Jahren, wurde mit dem „Verdienstorden in Gold mit Brillanten“ des Bundes Deutscher Karneval (BDK) ausgezeichnet. Michael Kupper hat mit dem 81-Jährigen gesprochen über dessen Wirken im und für den Karneval gesprochen.

Wie und wann sind Sie zum ersten Mal mit dem rheinischen Karneval in Berührung gekommen?

Zum Karneval gekommen bin ich 1962, als ich begonnen habe, im „Wolkenschieber-Ballett“ zu tanzen. Der Schwiegervater meiner damaligen Frau Roswitha war der technische Leiter des Kölner Opernhauses und dadurch wurde ich in die Reihe der Tänzer aufgenommen, zu denen ansonsten nur die Bühnenarbeiter gehörten. In den 18 Jahren hat es keinen der großen Säle im Rheinischen gegeben, in dem wir nicht aufgetreten sind.

Welche Rolle oder Funktionen haben Sie im Laufe der Jahre im Karneval übernommen – und welche davon war Ihnen persönlich die wichtigste?

Als ich 1972 von Köln nach Strombach gekommen bin, ging es mir zunächst darum, in Gummersbach eine Karnevalsgesellschaft zu etablieren. Doch das funktionierte nicht mehr nach der Schließung der Stadthalle, die saniert werden musste. Als ich drei Jahre später nach Denklingen zog, habe ich die Organisation des Karnevalsprogramms für den SSV Denklingen übernommen und auch das Wolkenschieber-Ballett ins Oberbergische geholt. Doch der SSV scheute zunehmend das finanzielle Risiko bei der Verpflichtung auswärtiger Kräfte. So habe ich gemeinsam mit ein paar Gleichgesinnten 1986 die KG Denklingen gegründet und war 20 Jahre lang deren Präsident. 1994 habe ich die KG beim BDK angemeldet und wurde dort gleich auch Vizepräsident beim Regionalverband Rhein-Berg – bis mich im letzten Herbst Michael Röser aus Bielstein abgelöst hat. Besonders wichtig war mir in all den Jahren, den Zusammenhalt der Vereine untereinander zu fördern und so das Brauchtum zu erhalten und zu stärken.

Gibt es einen Moment im Karneval, der Ihnen bis heute besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Da gibt es unzählige. Einige der schönsten habe ich im Gürzenich erlebt. Von dort stammt auch der Elferratstisch der KG Denklingen, der bis heute genutzt wird. Den haben die Schreiner der Kölner Opernbühne angefertigt und nach der Auflösung des Außenlagers, in dem der gut zwölf Meter lange Tisch eingelagert war, habe ich den geerbt. Als ganz besonderen Moment habe ich die Zugleitung Anfang der 60er Jahre in Köln-Ehrenfeld am Karnevalsdienstag in Erinnerung. Die habe ich aus dem Schiebedach eines VW-Käfers heraus gemacht. Der Wagen gehörte dem Besitzer eines Tante-Emma-Ladens in dem Veedel, der aber erkrankt war und mir daher die Zugleiterbinde in die Hand gedrückt hat. Dass ich ihm sagte, dass ich davon keine Ahnung habe, hat ihn nicht interessiert. Einen ganzen Abend lang hat er mir alles erklärt und ab da war es ein einzigartiges Erlebnis.

Was war Ihr Erfolgsrezept dafür, Denklingen und Umgebung für den Kölner Karneval zu begeistern?

Früher gab es noch keine Agenturen, bei denen die Büttenredner unter Vertrag standen. Deshalb bin ich zu jedem einzelnen hingefahren und habe den Auftritt bei Kaffee und Kuchen mit einem Handschlag besiegelt. Hier habe ich dann die Oberberger mit Plakaten und Zeitungsinseraten auf die Kölner Künstler neugierig gemacht. Für die lag das Ende der Welt damals bei Bergisch Gladbach – und umgekehrt war es genauso. Wichtig war auch, die Eintrittspreise für die Sitzungen sehr moderat zu gestalten. Wir haben immer gerade so kalkuliert, dass für das nächste Jahr geplant werden konnte.

Hat sich der oberbergische Karneval Ihrer Meinung nach im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Die Zahl der Büttenredner ist im Laufe der Jahre stark gesunken. Das hängt damit zusammen, dass es zunehmend lauter wird in den Zelten. Die Jugend will mehr abfeiern und nicht ohne Grund treten jetzt so viel mehr Musikgruppen auf.

Welche Bedeutung haben Traditionen wie Büttenrede, Tanzmariechen oder Dreigestirn für den Fortbestand des Karnevals oder ist Party die Zukunft?

Sowohl Büttenreden wie auch Tollitäten und Tanzgarden sind wichtig für den Fortbestand des Karnevals und den Erhalt des Brauchtums. Etwas schwierig wird es dadurch, dass sich im Laufe der Jahre viele kleinere Karnevalsvereine mit eigenen Tollitäten und teils mehreren Tanzgarden gegründet haben. Die machen sich zunehmend Konkurrenz. Aber eine reine Party sehe ich nicht als Zukunft des Karnevals.

Was wünschen Sie sich von der jüngeren Generation, die den Karneval in Zukunft gestaltet?

Ich wünsche mir, dass die Jugend wieder mehr zuhört – wenn es wieder mehr Büttenredner gäbe. Viele von denen wurden und werden von den Agenturen verheizt bis hin zum Burnout. Auch in den Köpfen der Agenturchefs muss sich etwas verändern. Ich wünsche mir, dass sich die Jugend Gedanken über das Brauchtum macht und fragt, wo es herkommt – dann kann auch Party gefeiert werden.