Abo

„Das glaubt man doch nicht“Verkehrsversuch an der Laurentiusstraße in Gladbach gestartet

Lesezeit 5 Minuten
Ein Taxi fährt auf der neuen Umleitung für den Verkehrsversuch.

Auch Taxis sind vom Durchfahrtsverbot durch die Laurentiusstraße betroffen.

Der Verkehrsversuch an der Laurentiusstraße in Bergisch Gladbach ist gestartet. Wir waren dabei.

Montagmorgen 8 Uhr, Tag Eins des Verkehrsversuchs in der Laurentiusstraße: Auto- und Taxifahrer ignorieren das Durchfahrtsverbot in die neu ausgewiesene Sackgasse. Treten aufs Gas, brausen einfach durch und machen dabei entnervt die Scheinwerfer-Geste. Andere wenden ihr Fahrzeug, laut vor sich hin schimpfend, auf der engen Straße. Anwohner und sogar Radfahrer, denen die Regelung ja eigentlich zugutekommen soll, kritisieren aufgebracht die neue Verkehrsführung als unsinnige Schnapsidee.

Auch ein Bus mit einer Schulklasse an Bord sowie mehrere Taxifahrer halten sich nicht an die neue Regelung. Die beiden Mitarbeiter eines von der Stadt beauftragten Verkehrssicherungs-Unternehmens, die gerade noch die letzten gelben Markierungen auf den Asphalt geklebt haben, schütteln verständnislos den Kopf. „Das glaubt man doch nicht!“

Fast gleichzeitig kommt aus Richtung Buchmühlenplatz ein blauer Kleinwagen verbotenerweise auf der steilen Buchmühlenstraße angefahren. Die Fahrerin merkt zu spät, dass sie gegen die Einbahnstraße fährt und nicht mehr rechts in die Laurentiusstraße einbiegen darf. Sie will wieder zurücksetzen. Aber da steht schon das nächste Auto hinter ihr. Böse Überraschung am Montagmorgen.

Drei Monate lang soll das verkehrstechnische Experiment dauern. Getestet wird eine indirekte Sackgasse, mit dem Ziel, den Großteil des Autoverkehrs aus der Laurentiusstraße zu verdrängen, um die erste Fahrradstraße im Stadtgebiet zu etablieren. Der Vorstoß der Stadtverwaltung wird von Grünen und SPD mitgetragen. Die Freien Wähler haben den vorgeschalteten Verkehrsversuch unterstützt.

Wer aus Richtung Paffrather Straße in die Laurentiusstraße will, wird in die Buchmühlenstraße, dann über den Buchmühlenparkplatz und in die Hauptstraße geleitet. Von dort werden Autofahrer auf der Gohrsmühle in Richtung Kreisverkehr Schnabelsmühle geführt, müssen dort einen U-Turn hinlegen, um schließlich zur Odenthaler Straße zu gelangen, um von da in die Straße Am Broich einzubiegen. Ein riesiger Umweg.

Ausgenommen von den Regelungen der indirekten Sackgasse sind nur Lieferverkehre sowie Feuerwehr- und Rettungsdienste. Und natürlich die Radfahrer, die die gesamte Laurentiusstraße bis zur Odenthaler Straße befahren dürfen.

Anwohner Nikolai Olbrich, fährt jeden Tag seine Tochter zur Tagesmutter nach Hebborn. Er hat auf die Uhr geguckt: Sieben Minuten dauert die Schleife, die er jetzt fahren muss. Sonst war er in drei Minuten an Ort und Stelle. „Klimatechnisch ist das doch absoluter Unsinn“, sagt er mit Blick auf den CO2-Ausstoß. Er will sich deshalb bei der Stadt beschweren.

Rosemarie Schmidt, 85, hat einen Stellplatz im Parkhaus des Marienkrankenhauses mit mehreren Hundert Parkplätzen. Die Seniorin muss ab sofort, wenn sie mit dem Auto unterwegs ist, ebenfalls diese großen Umwege in Kauf nehmen, um ins Viertel rein- oder rauszukommen. Bei der Ausfahrt aus der Garage darf sie nicht mehr rechts abbiegen, um auf die Buchmühlenstraße zu gelangen. Bei der Einfahrt muss sie die große Runde über die Straße Am Broich drehen. „Dabei sind es doch nur zwei Meter, und ich wäre auf der Buchmühlenstraße“, stellt sie verständnislos fest. Sie fordert, dass die Verkehrsplaner dringend nachbessern müssen.

Wenn mein Freund mich nach dem Einkaufen nach Hause fährt, muss er erst die große Runde über die Straße Am Broich drehen.
Anke Schmitz, Bergisch Gladbacherin

Anwohnerin Anke Schmitz ist schlecht zu Fuß, hat selbst gar keinen Führerschein. Trotzdem findet sie die neue Strategie „einfach nur dämlich“: „Wenn mein Freund mich nach dem Einkaufen nach Hause fährt, muss er erst die große Runde über die Straße Am Broich drehen.“

Ioan Oprean und seine Mitarbeiterin Ruth Ryppa haben den besten Platz. „Wie im Kino“, beobachten sie das Chaos, das direkt vor dem Schaufenster ihrer Änderungsschneiderei stattfindet. „Guck, schon wieder ist einer einfach durchgefahren“, sagt Ioan Oprean. Als Geschäftsmann kann er nicht verstehen, warum die Stadt mutwillig ein Ladensterben in Kauf nimmt: „Die Parkplätze haben sie uns ja schon alle weggenommen.“

Karl Kierdorf (84), auf dem E-Bike unterwegs, hält extra an, um eines loszuwerden: „Das hier gefällt mir gar nicht. Das ist doch nur Flickwerk“, moniert er. Er vermisse ein Gesamtkonzept. Die Stadt sollte endlich anfangen, den ÖPNV zu stärken. Anders gelinge es nicht, den Verkehr zu reduzieren.

Radfahrerin Margret Burger kommt aus Hebborn. Sie begrüße es ausdrücklich, dass die Stadt die Situation für Radfahrer verbessere. „Aber der ganze Aufstand mit den großräumigen Umleitungen ist total übertrieben“, findet sie und spricht den Bürgermeister direkt darauf an.

Gladbachs Bürgermeister ist skeptisch

Stein, der gegen 10 Uhr kommt, um sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen, gibt zu: „Ich bin auch eher skeptisch, ob das so funktioniert.“ Aber seine Devise sei: „Spekulationen durch Wissen zu ersetzen.“ Deshalb sei es vernünftig, die Ergebnisse des Experiments abzuwarten und danach die finale Entscheidung zu treffen. Während des Verkehrsversuchs finden Verkehrszählungen, auch in den umliegenden Straßen statt, betont Mobilitätsmanager Jonathan Benninghaus, „um zu festzustellen, wie sich der Verkehr dort entwickelt.“

„Das ist   Symbolpolitik vom Allerfeinsten“, kritisiert Felix Nagelschmidt, dessen Immobilienbüro an der Laurentiusstraße liegt. Nagelschmidt, der schon erfolgreich durchgesetzt hat, dass vier von 16 Parkplätzen gerettet wurden, kündigt an, beim Rheinisch-Bergischen Kreis eine Fachaufsichtsbeschwerde zu stellen, damit geprüft wird, ob das Vorgehen der Stadt rechtlich zulässig sei. Riesige Umwegverkehre würden produziert. Für ungerecht hält er, dass etwa ein Pizzabote durchfahren darf, aber ein Taxi, das einen Patienten zur hausärztlichen gastroenterologischen Praxis fährt, Durchfahrtsverbot hat. Die Polizei wird laut Stadtverwaltung stichprobenhaft Kontrollen durchführen.

Um 16.30 Uhr ist es dann so weit. Der Abbiegeverkehr von der Hauptstraße auf die Gohrsmühle staut sich zurück bis zur Volkshochschule. Nichts geht mehr im Berufsverkehr.

KStA abonnieren