Am Morgen sieht der Zierrasen aus wie ein Sturzacker. Wo am Abend noch gepflegtes Grün lag, klaffen schwarze Krater. Wer am Rand des Königsforsts, der Wahner Heide oder an anderen Waldstücken wohnt, kennt dieses Bild. Nachts, wenn es in den Siedlungen des Rheinisch-Bergischen Kreises still wird, kommen die Wildschweine aus dem Unterholz. Sie wühlen nicht mehr nur die Ränder der Waldwege auf, sondern dringen direkt in die Wohngebiete vor, durchpflügen Vorgärten und machen große Wiesenflächen unbrauchbar. Wenn hinten Zäune stehen, kommen sie vielleicht sogar durch das Gartentor.
Der Ärger der Anwohner wächst
Der Ärger der Anwohner wächst. In Briefen an die Redaktion sprechen sie von einer regelrechten Wildschweinplage. Die Schäden seien teuer, doch anders als die Rückkehr des Wolfes finde das Problem kaum Beachtung. Viele Hausbesitzer fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen. Wer sich beschwert, hört oft nur den Rat, sie oder er solle sein Grundstück einzuzäunen. Schnell fällt ein schwerer Vorwurf: Jagdbehörde und Jäger seien zu passiv, schießen zu wenig und regulieren den Nachwuchs nicht ausreichend. Und das, obwohl die Bachen heute bis zu dreimal im Jahr frischen. Gewissermaßen schneller, als die Jäger nachladen können.
Was die Jagdstatistik zeigt
Doch stimmt das? Ein Blick in die Statistik der Unteren Jagdbehörde des Rheinisch-Bergischen Kreises zeigt: Untätig sind die Jäger nicht. Die Zahl der erlegten Wildschweine, die sogenannte „Strecke“, schwankt zwar von Jahr zu Jahr, steigt aber langfristig deutlich. Im Jagdjahr 2025/2026 erlegten die Jäger rund 50 Prozent mehr Schwarzwild als im Vorjahr. Dennoch bleiben die Bestände vielerorts hoch, wie auch die Kreisjägerschaft einräumt. Und das Problem beschränkt sich nicht auf den Königsforst oder die Wahner Heide.
Ideale Bedingungen für die Tiere
Die Ursache liegt in den idealen Bedingungen der letzten Jahre. Milde Winter sowie reichlich Eicheln und Bucheckern im Wald sorgten für üppiges Futter, auch auf den nahen Äckern. Ungewöhnlich viele Frischlinge überlebten. Zudem hat sich der biologische Fortpflanzungsrhythmus verschoben: Bei gutem Wetter und vollem Magen paaren sich die Bachen fast das ganze Jahr über. Die Rotten wachsen rasant. Mit ihren empfindlichen, aber kräftigen Rüsseln durchwühlen die schweren Tiere den Boden, um Würmer, Maden und Käferlarven zu finden. Für sie ist eine feuchte Wiese ein reich gedeckter Tisch.
Warum aber schießen die Jäger nicht dort, wo der Schaden entsteht, zwischen den Häusern? Hier stoßen die Wünsche der Anwohner auf das deutsche Jagdrecht und die Gesetze der Physik.
Warum in Wohngebieten nicht gejagt wird
Wohngebiete gelten als „befriedete Bezirke“, in denen die Jagd ruht. Die Untere Jagdbehörde kann zwar Ausnahmen genehmigen, hat dies im gesamten Kreisgebiet in den letzten zwei Jahren aber nicht getan. Aus gutem Grund: Ein Jagdgeschoss fliegt mehrere Kilometer weit. Ohne Kugelfang, also gewachsenen Erdboden hinter dem Tier, wird ein Schuss lebensgefährlich. Zwischen gepflasterten Einfahrten, Terrassen und Häusern fehlt dieser Schutz.
Wie der Mensch die Tiere in die Gärten treibt
Die Kreisjägerschaft weist zudem auf ein Paradoxon hin: Der Mensch selbst treibt die Wildschweine ungewollt und unbewusst in die Gärten. Denn tagsüber und zunehmend auch nachts stören Spaziergänger, Mountainbiker, Jogger und freilaufende Hunde die wilden Tiere im Wald. Gleichzeitig erhöhen die Jäger dort den Druck, um die Bestände zu senken. Die klugen Tiere lernen schnell: Im Wald knallt es und es kommen Hunde, am Siedlungsrand ist es ruhig und Futter liegt bereit. Zudem locken manche Anwohner die Schweine aus Unachtsamkeit an. Ungesicherte Komposthaufen, Essensreste oder Fallobst ziehen die Tiere magisch an. Haben sie eine solche Quelle erst einmal entdeckt, kommen sie immer wieder.
Wer für die Schäden aufkommt
Den Ärger der Gartenbesitzer verschärft § 29 des Bundesjagdgesetzes: Verwüsten Wildschweine einen Acker, zahlt meist der Jagdpächter den Schaden. In befriedeten Bezirken gilt das nicht. Wer am Waldrand wohnt, bleibt auf den Kosten für den zerstörten Rasen sitzen.
Die Gefahr der Afrikanischen Schweinepest
Dass die Jäger ein Interesse an der Bestandsregulierung haben, zeigt ein Blick ins benachbarte Sauerland. Im Kreis Olpe wütet die Afrikanische Schweinepest (ASP). Für Wild- und Hausschweine endet die Krankheit binnen weniger Tage tödlich. Schon ein Erdklumpen unter einem Schuh kann das Virus verbreiten. Je dichter die Rotten im Rheinisch-Bergischen Kreis, desto schneller würde sich die Seuche ausbreiten. Die Folgen wären drastisch: Wälder müssten gesperrt werden. Kreisverwaltung und Hegeringleiter beraten daher laufend, wie sich die Abschusszahlen weiter steigern lassen.
Selbstschutz als einziger Ausweg
Doch weder Kreis noch Jägerschaft machen falsche Hoffnungen: Eine schnelle Lösung durch das Gewehr gibt es in den Siedlungen nicht. Akustische Scheuchen oder Bewegungsmelder mit grellem Licht helfen nur kurz, bis die Tiere sich daran gewöhnen. Zudem stören sie die Nachbarn. Am Ende bleibt nur konsequenter Selbstschutz: Fallobst aufsammeln, Kompost sichern und Zäune bauen. Ein tief verankerter, massiver Zaun, verstärkt durch Elektrodraht, hält die Rotte fern. Bei hartnäckigen Problemen vermittelt die Untere Jagdbehörde den Kontakt zum Revierpächter. Er kann zwar nicht schießen, aber helfen, den Garten wirksam zu schützen.

