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Vom Tagebau verschlucktWie ein Bergheimer Gewässer aus der Landschaft zu verschwinden droht

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Das Bild zeigt den Gillbach südlich von Rheidt in Bergheim.

Der Gillbach ist ein Zufluss der Erft. Mit dem Tagebau verlor er seine Quelle.

Für den Erhalt des Gillbachs wendet sich ein Bündnis nicht nur an seine Kommunen und Kreise, sondern auch an das NRW-Umweltministerium.

Fließt der Gillbach auch nach dem Kohleausstieg durch Bergheim oder fällt er trocken? Die Zukunft des Gewässers besorgt weiterhin Menschen in der Kreisstadt und in Rommerskirchen und füllt auch das Postfach des NRW-Umweltministers Oliver Krischer.

Ich betreibe seit nunmehr fast 40 Jahren Kommunalpolitik auf vielen Ebenen und in etlichen Gremien – die sich anbahnende Herausnahme eines historischen Gewässers aus der Landschaft ist ein absolutes Novum und eine der größten Ungerechtigkeiten, die ich dabei erleben muss
Helmut Paul über ein mögliches Trockenfallen des Gillbachs

Hintergrund ist, dass der Gillbach wegen des Tagebaus seine Quelle im ehemaligen Bethlehemer Wald verloren hat. Im Unterlauf des Gewässers wird RWE nach derzeitiger Planung auf Höhe von Widdeshoven (Rommerskirchen) Wasser einleiten, bis der Grundwasserspiegel sich normalisiert hat, wie ein Sprecher des Energiekonzerns erklärt. Im Oberlauf dagegen, der unter anderem durch Auenheim und Rheidt fließt, wird der Gillbach trockenfallen, wenn er nach dem Kohleausstieg nicht mehr mit Kühlwasser aus dem Kraftwerk Niederaußem gespeist wird.

Bergheimer Politiker weist auf den Braunkohleplan Fortuna Garsdorf hin

„Ich betreibe seit nunmehr fast 40 Jahren Kommunalpolitik auf vielen Ebenen und in etlichen Gremien – die sich anbahnende Herausnahme eines historischen Gewässers aus der Landschaft ist ein absolutes Novum und eine der größten Ungerechtigkeiten, die ich dabei erleben muss“, so Helmut Paul (CDU), der im Bergheimer Stadtrat und im Kreistag des Rhein-Erft-Kreises aktiv ist.

Er verweist auf den Braunkohleplan Fortuna-Garsdorf aus dem Jahr 1983: „Da steht eindeutig drin: Wenn dieser Tagebau zu Beeinträchtigungen von Feuchtgebieten und zu Gewässern außerhalb des Tagebaubereiches führt, dann ist RWE zum Ersatz verpflichtet“, sagt Paul. Auch Stadträtin Michaela Eckrodt sowie die beiden Ortsbürgermeister Johannes Hübner (Auenheim) und Dennis Bloch (Rheidt-Hüchelhoven) setzen sich für den Gillbach ein, etwa mit dem Versuch, ihn unter Denkmal- oder Naturschutz stellen zu lassen.

Wie der Gillbach vor dem Bergbau floss

Die Debatte dreht sich auch um die Geschichte des Flusses. RWE vertritt die Ansicht, der Oberlauf des Gillbachs führe erst seit der Einleitung des Kühlwassers aus dem Kraftwerk Niederaußem ganzjährig Wasser, bewertet das stellenweise Trockenfallen also als eine Rückkehr zu seinen „vorbergbaulichen, natürlichen Verhältnissen“. 

Das Bild zeigt die Kühltürme des Kraftwerks Niederaußem.

Nach dem Kohleausstieg wird es kein Kühlwasser mehr für den Gillbach geben. Er könnte dann trockenfallen.

Den Bergheimer Stadtrat Helmut Paul überzeugt das nicht. „Am Oberlauf hier in dem Quellgebiet zwischen Oberaußem und dem ehemaligen Ort Gasdorf hat es ja nur von Quellen und Teichen so gestrotzt. Im Verlaufe des Gillbachs waren zehn Wasserburgen und zwei Wassermühlen.“ Die Landwirtschaft habe Jahrhunderte darauf gebaut, aus dem Gillbach Wasser entnehmen zu können. „Das trieft aus allen geschichtlichen Unterlagen heraus und das wird jetzt einfach in Abrede gestellt.“

Forderung nach einem wissenschaftlichen Gutachten

Das Gillbach-Bündnis fordert daher ein wissenschaftliches Gutachten, das den Wasserlauf des Gillbach vor dem Bergbau beleuchten soll. Ursprünglich wollte der Rhein-Kreis-Neuss so ein Gutachten in Auftrag geben, führte aus Kostengründen aber nur eine hausinterne Untersuchung anhand von Archivmaterial durch, die RWEs Ansicht eines „ephemeren“ Gewässers bestätigte. Der Rhein-Erft-Kreis erklärte zur Forderung: „Ein derartiges Gutachten zur Historie ist nicht zielführend für die zukünftige Entwicklung des Gillbachs, da durch den Braunkohletagebau die rechtmäßige Abgrabung des Quellgebietes erfolgte.“

Das Bild zeigt eine Gruppe Menschen in einem Raum. Links im Bild zeigt eine Leinwand Bilder des Gillbach, rechts besetzte Stuhlreihen und einige stehende Gäste.

In Rheidt-Hüchelhoven trafen sich kürzlich um die 50 Bürgerinnen und Bürger in einer Infoveranstaltung zum Gillbach. Die Rommerskirchener Stadträtin Katharina Janetta (Grüne) und Helmut Paul referierten.

„Die Kreisstadt Bergheim sieht den Gillbach als landschaftsprägendes Element mit hoher Bedeutung für die regionale Identität, das Landschaftsbild, die Naherholung sowie teilweise auch für wasserwirtschaftliche Funktionen“, erklärte die Pressestelle der Stadt Bergheim. Die Kreisstadt begrüße prinzipiell eine dauerhafte Wasserführung des Gillbachs. Bevölkerung und Politik hätten sich über Jahrzehnte an sein Erscheinungsbild gewöhnt. „Gleichzeitig sieht die Stadt jedoch auch die erheblichen fachlichen, technischen, ökologischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten möglicher Lösungen zur künstlichen Aufrechterhaltung einer dauerhaften Wasserführung“, sagt die Pressestelle der Kreisstadt.

Briefe an NRW-Umweltminister Oliver Krischer

Die Rommerskirchener Stadträtin Katharina Janetta (Grüne) und Helmut Paul wandten sich auch an Umweltminister Oliver Krischer und baten um Unterstützung für den Erhalt des Gillbachs. Ihre Hoffnung ist, dass das Gutachten über Fördertöpfe für den Strukturwandel gefördert werden könnte. Sie hatten das Ministerium bereits 2023 kontaktiert. Helmut Paul habe den Minister auch zu einer Begehung des Gillbachs eingeladen.

Wie aus einer Pressemeldung der Gemeinde Rommerskirchen hervorgeht, wandte sich auch der dortige Bürgermeister Dr. Martin Mertens schriftlich an den NRW-Umweltminister, damit er sich für den Erhalt des Gewässers einsetzt.  

Die Ergebnisse der Facharbeitsgruppe Gillbach, der neben den beiden Kommunen und Kreisen auch der Erftverband und RWE angehören, sollen im Sommer vorliegen, so ein RWE-Sprecher. Sie werden quer durch die politischen Gremien gehen, so etwa im Ausschuss für Umwelt, Regionale Entwicklung und Energie des Rhein-Erft-Kreises (voraussichtlich 11. Juni, 17 Uhr) und im Ausschuss für Planung und Umwelt (18. Juni, 17 Uhr) in Bergheim.

In der Ratssitzung am 28. Mai in Rommerskirchen werden Vertreter von RWE sowie des Erftverbandes erste Analysen zur aktuellen Situation und zu den zukünftigen Rahmenbedingungen vorstellen.