Bergheim – Fast Punkt 12 Uhr war es soweit: Die Erft durfte aus ihrem korsettähnlichen Bett, dem Erftflutkanal, ausbrechen und sich wieder wie in früheren Jahrhunderten durch die Auen schlängeln. Mit einem Bagger hatte der Erftverband den letzten Durchstich setzen lassen. Nach fünf Monaten Bauzeit war das neue, naturnahe Bett der Erft in der Nähe des Kentener Vogelwäldchens fertiggestellt.
Zahlreiche Zuschauer verfolgten, wie sich der Fluss entfesseln ließ. Mit seiner neuen Freiheit ging das Gewässer allerdings nicht gerade ungestüm um: Nur langsam floss das Wasser in die neugestalteten Schleifen, die sich allerdings an alten Rinnen der Erft orientieren: Von 1860 bis 1866 wurde der Erftflutkanal angelegt, um die Erft zu zügeln. Bis dahin wählte sie sich im Auenland immer andere Arme auf dem Weg zur Mündung.
Mit Wald aufgeforstet
„Die Erft wird hier wieder naturnah fließen“, sagte Erftverbandsvorstand Norbert Engelhardt. 1,3 Kilometer lang ist das neue Bett. Der Erftflutkanal wird in diesem Abschnitt aufgegeben, verfüllt und die Fläche mit zwei Hektar Wald aufgeforstet.
Die Erftverlegung bei Bergheim ist das erste von 23 Projekten im „Perspektivkonzept Erftumgestaltung 2045“: Auf der 40 Kilometer langen Strecke zwischen Bergheim und der Mündung in den Rhein bei Neuss wird die Erft in vielen Abschnitten renaturiert. „Das Bild der Erft mit Pappelreihen und einem geraden Verlauf wird sich bis 2045 verändern“, sagte Zülpichs Bürgermeister Albert Bergmann, der Vorsitzende des Erftverbandsrats. In Angriff genommen wurde der Umbau, weil das schon jetzt abzusehende Ende des Braunkohlentagebaus gravierende Auswirkungen für die Erft hat. Noch fließt abgepumptes Grundwasser in die Erft, ab 2045 jedoch nicht mehr. Dann wird die Erft nur noch etwa ein Fünftel ihres Wassers im Vergleich zu heute führen.
„Die Erft droht dann zu verschlammen“, sagte Gerhard Odenkirchen, Ministerialrat im Umweltministerium in Düsseldorf. Eine Renaturierung sei zwingend erforderlich, damit es die Erft auch weiterhin gebe.
Wie wichtig dem Land der Umbau des Flusses sei, erkenne man an der finanziellen Beteiligung: Von den 70 Millionen Euro Gesamtkosten bis zum Abschluss der Arbeiten im Jahr 2045 übernimmt das Land NRW 50 Millionen Euro, den Rest teilten sich der Erftverband und der Tagebaubetreiber RWE Power. Die Erftverlegung bei Bergheim hat zwei Millionen Euro gekostet, 80 Prozent trägt das Land. Wenn Wehre zurückgebaut und schnurgerade Flussläufe beseitigt werden, wo es möglich ist, hat das Vorteile für die Umwelt: Bergmann: „Begradigte Flussabschnitte bieten wenig Lebensraum für Tiere und Pflanzen.“ Zudem würden die Auenlandschaften beim Hochwasserschutz helfen.
„Das ist ein historischer Eingriff in die Landschaft unserer Stadt“, sagte Bürgermeisterin Maria Pfordt. Sie sei stolz, dass in Bergheim mit der Renaturierung der Erft begonnen werde. Die Bergheimer würden profitieren. „Es ist auch ein Naturlehrpfad geplant, Schulen können hier Unterricht im Freien halten, und für die Bürger entsteht hier eine Freizeitlandschaft mit hohem Erlebniswert.“
Marianne und Gerhard Abts gehörten zu den Zaungästen, die den Durchstich zwischen Flutkanal neuem Bett verfolgten. „Ich habe als Kind schon im Erftflutkanal gespielt und bin hier mit dem Boot gefahren“, sagte der 81-jährige Abts, der die Erft nur als begradigten Fluss kennt. Seine Frau ist sicher: „Das wird schön, natürlich.“
