Um einen Studienplatz zu bekommen, musste Waltraud Bellingrath ihren Dienst im Reichsarbeitsdienstlager in Stommeln ableisten.
BuchvorstellungPulheimer Historiker wertet Tagebücher einer Jüdin in der NS-Zeit aus

Josef Wißkirchen bei seinem Vortrag im Mathildensaal in der Abtei Brauweiler.
Copyright: Bernd Woidtke
Die deutsche Schuld – dieses Trauma bewegt das Land seit dem Kriegsende 1945. Was haben die Deutschen gewusst von den Gräueltaten im Nationalsozialismus? Josef Wißkirchen, Heimatforscher und Sachbuchautor, ging dieser Frage in seinem jüngst erschienen Buch „Arbeitsmaiden – Tagebücher von Waltraud Bellingrath aus dem RAD-Lager in Stommeln und dem Kriegshilfsdienst in Engelskirchen“ nach.
Pulheim: Enormer Zündstoff
Die Ergebnisse seiner Recherchen stellte er in einem beeindruckenden und bedrückenden Vortrag im Mathildensaal der Abtei Brauweiler vor. Waltraud Bellingrath stammte aus einer bildungsbürgerlichen Familie in Wuppertal. Ihr Vater Erich war promovierter Jurist. Er wurde kurz nach Beginn des deutschen Überfalls auf Polen am 3. September 1939 in den Reichsgau Wartheland in Westpolen dienstverpflichtet, um dort die deutsche Finanzverwaltung aufzubauen.
Was sich zunächst harmlos anhört, barg enormen Zündstoff: Es ging auch um die finanzielle Verwaltung zwangsenteigneter polnischer Güter. Die Familie Bellingrath lebte in der Zeit in der polnischen Stadt Ostrowo. Waltraud ging hier zur Schule, fuhr mit dem Fahrrad über die Dörfer und schildert ihr Leben dort als angenehm und friedlich. Gleichzeitig aber überzog die deutsche Besatzungsmacht das Land mit unvorstellbaren Massakern.
Alles zum Thema Venloer Straße
- Buchvorstellung Pulheimer Historiker wertet Tagebücher einer Jüdin in der NS-Zeit aus
- „Phishing“-Masche in Köln Polizei nimmt 20-jährigen Betrüger in Ehrenfeld fest
- Henns Geschmackssache Was „Karl's Weinbar“ in Ehrenfeld auf der Speisekarte bietet
- Die schönsten Spots Unsere 11 liebsten Cafés im Belgischen Viertel
- „Dauer-Katastrophe“ Eltern über Trennung von Architekten der Heliosschule entsetzt
- Trend-Essen An diesen 10 Orten gibt es leckere Smash Burger in Köln

Die Jüdin Waltraud Bellingrath 1944.
Copyright: NS-Dok Köln.
Erich Bellingrath wurde im Oktober 1939 Zeuge einer Massenerschießung, bei der polnische Bürger zuschauen mussten, er hörte auch von anderen Erschießungen. In Pabianice erfuhr er von massenhaften Vertreibungen von Polen; Bauern, Geschäftsleute, Lehrer, Professoren wurden deportiert. Im Winter 1939/40 wurde Bellingrath bei minus 35 Grad Augenzeuge, wie die jüdischen Bewohner Pabianices aus ihren Wohnungen vertrieben und in einem in der Altstadt eingerichteten Ghetto zusammengepfercht wurden.
Später wurden sie zum Teil in das Ghetto in Lodz deportiert, wo sie unter extremsten Bedingungen arbeiten mussten und Erschöpfung und Tod auf sie warteten. Andere wurden ins Vernichtungslager Chelmno gebracht, wo sie durch Motorgase ermordet wurden. Waltraud Bellingrath verdrängte, was im Warthegau geschah. Sie klebte Fotos in ihr Album, manche zeigen ihre private Familienidylle, andere dokumentieren die Verfolgung und Deportation, die sie als „Umzug“ beschriftete.
Objektiv ist es aber doch so, dass sie sich an ein Bild von der Wirklichkeit klammerte, das nicht den Tatsachen entsprach
Wißkirchen: „Weiter darüber nachgedacht hat sie nicht. Solche Gedanken wären wohl unerträglich für eine so junge Frau mit noch mädchenhaften Zügen gewesen, es hätte ihr gesamtes Weltbild zum Einsturz gebracht. Den Vater und die Mutter in solchen Zusammenhängen sich vorzustellen, ließ sie nicht zu. Sie verdrängte, was ihr seelisches Gleichgewicht zerstört hätte.“
„Menschlich ist das verständlich, und es steht mir nicht zu, ihr daraus einen Vorwurf zu machen angesichts ihres jugendlichen Alters. Objektiv ist es aber doch so, dass sie sich an ein Bild von der Wirklichkeit klammerte, das nicht den Tatsachen entsprach.“ Waltraud Bellingrath hatte im Februar 1944 ihr Abitur abgelegt; um einen Studienplatz zu bekommen, musste sie ihren Dienst als „Arbeitsmaid“ in dem Reichsarbeitsdienstlager an der Venloer Straße in Stommeln ableisten.
In solchen Lagern sollte den jungen Menschen die nationalsozialistische Ideologie aufoktroyiert werden, den jungen Frauen sollte ihre Rolle als Hausfrau und Mutter nahegebracht werden. Waltraud aber war Gegnerin der Nazis, sie als Abiturientin fühlte sich ihrer Vorgesetzten ohne Abitur deutlich überlegen. An ihrer realitätsfernen Wahrnehmung der NS-Verbrechen änderte dies nichts. Waltraud Bellingrath starb am 17. Januar 2025 im Alter von 99 Jahren.
„Arbeitsmaiden – Tagebücher von Waltraud Bellingrath aus dem RAD-Lager in Stommeln und dem Kriegshilfsdienst in Engelskirchen“, von Josef Wißkirchen. Zu beziehen über den „Verein für Geschichte Pulheim“.

