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„Verkehrspolitischer Super-GAU“Bonner Nordbrücke für Autoverkehr voll gesperrt

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Gähnende Leere auf der Autobahn 565 Richtung Nordbrücke.

Gähnende Leere auf der Autobahn 565 Richtung Nordbrücke. 

Die Sperrung gilt seit Mittwoch, 15 Uhr. Am Nachmittag bildeten sich lange Staus in der Region. Politik und Wirtschaft fordern Lösungen.

Ein Radfahrer stoppt hinter dem Brückenkopf, macht ein Foto von der freien Fahrbahn. Dort, wo sonst Hunderttausende Autos und Lastwagen pro Tag vorbeifahren, herrscht nun fast schon gespenstische Stille. An der Landesstraße 331 zwischen Bonn und Niederkassel sperren Mitarbeiter der Autobahn GmbH zusammen mit der Polizei die Auffahrt.

Die Nachricht von der Sperrung der Nordbrücke – einer der wichtigsten Verkehrsadern der Region – hat sich bereits verbreitet, die Fahrer suchen sich Umwege. Von der Brücke aus ist zu erkennen, wie der Verkehr stattdessen über die Kennedybrücke in der Bonner Innenstadt schleicht. 

Die Bonner Nordbrücke – eigentlich Friedrich-Ebert-Brücke – ist am Mittwoch, 3. Juni, seit 15 Uhr für den gesamten Autoverkehr gesperrt worden. Das hatte die Autobahn GmbH erst etwa eine Stunde vor Sperrbeginn öffentlich mitgeteilt.

Auch Zufahrten von Sperrung betroffen

Betroffen von der Sperrung sind laut Autobahn GmbH auch in Fahrtrichtung Koblenz die Überfahrten von der A59 aus Köln und Königswinter auf die A565. Es sind keine Überfahrten mehr möglich,  die Anschlussstellen Bonn-Beuel und Auerberg sind ebenfalls gesperrt.

In Fahrtrichtung Siegburg zwischen Kreuz Bonn-Nord und der Anschlusstelle Bonn-Beuel, also im Kreuz Bonn-Nord, sind sämtliche Verbindungen auf die A565 nach Siegburg gesperrt. Auch die Anschlussstelle Auerberg ist gesperrt. In der Anschlussstelle Bonn-Beuel sind Auffahrten auf die A565 nach Siegburg weiterhin möglich.

Die Polizei sperrt die Anschlussstelle Beuel/L269 zur Nordbrücke zwischen Beuel und Niederkassel.

Die Polizei sperrt die Anschlussstelle Beuel/L269 zur Nordbrücke zwischen Beuel und Niederkassel.

Grund für die Sperrung sind aktuelle Brückenprüfungen: Sie hätten „strukturelle Schäden am Tragwerk der linksrheinischen Vorlandbrücke festgestellt, die eine unverzügliche Sicherung erfordern“, so die Autobahn GmbH. Die zuvor bereits umgesetzten Maßnahmen, wie das Fahrverbot für Lkw über 7,5 Tonnen, reichten nicht mehr aus, um weitere Schäden zu verhindern. Auch der Rad- und Gehweg entlang der Brücke müsse vorsorglich gesperrt werden, hieß es im Laufe des Mittwochs.

Die Sicherheit der Menschen, die täglich über diese Brücke fahren, ist nicht verhandelbar.
Dirk Brandenburger, technischer Geschäftsführer der Autobahn GmbH

„Die Sicherheit der Menschen, die täglich über diese Brücke fahren, ist nicht verhandelbar. Wir handeln auf der Basis unserer aktuellen gutachterlichen Prüfergebnisse“, sagt Dirk Brandenburger, technischer Geschäftsführer der Autobahn GmbH. „Der Autobahn GmbH ist bewusst, dass diese Sperrung erhebliche Auswirkungen auf den Verkehr in der Region hat. Wir haben in enger Abstimmung mit den Behörden Ausweichrouten vorbereitet.“

Es würden nun weitere Detailuntersuchungen vorgenommen, um technische Möglichkeiten zu untersuchen, mit denen die Brücke für den Verkehr wieder freigegeben werden könnte. Erst nach dieser Untersuchung könne eine abschließende Bewertung erfolgen. „Bis dahin bleibt die Brücke gesperrt.“

Autobahn rechnet in 14 Tagen mit ersten Untersuchungsergebnissen

„In 14 Tagen rechnen wir mit ersten konkreten Ergebnissen der Detailuntersuchungen“, so Sabrina Kieback, Pressesprecherin der Autobahn GmbH, auf Nachfrage der Redaktion. „Dann wird sich zeigen, was möglich ist.“ Unter Umständen könnte die Brücke dann einspurig nur für den Pkw-Verkehr wieder eingeschränkt freigegeben werden. Fest stehe jedoch schon jetzt, dass Lastwagen sie erst einmal nicht mehr befahren dürften. 60 bis 70 Prozent weniger Lkw seien durch die Maßnahmen erreicht worden, doch das Schadensbild habe sich vergrößert.

Die Brücke müsse mindestens mehrere Wochen gesperrt bleiben, es gebe kein Vergleichsbauwerk in Deutschland. „Die Brücke hat quasi Multiorganversagen“, so Sabrina Kieback.

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Die IHK Bonn/Rhein-Sieg bezeichnet die Sperrung der Nordbrücke als „Katastrophenmeldung“. „Wenn sich bestätigt, dass die Brücke auf Dauer nicht befahren werden kann, müssen Bund und Autobahn GmbH alle Hebel in Bewegung setzen, um die neue Rheinquerung so schnell wie möglich zu bauen“, so Jörn Wenge, Pressesprecher der IHK. „Eine Fertigstellung des Neubaus erst in den 2030er Jahren wäre angesichts der massiven Auswirkungen einer solchen Kappung völlig unzureichend. Die Rheinbrücken sind die Lebensadern unserer Region.“ Die Nordbrücke müsse spätestens jetzt zur Chefsache des Verkehrsministers werden.

Wir haben als Kreishandwerkerschaft seit Jahren darauf hingewiesen, dass die Verkehrsinfrastruktur in unserer Region dringend modernisiert werden muss, sagt Michael Christmann, Kreishandwerksmeister für die Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg. „Leider sehen wir uns nun in unseren Warnungen bestätigt.“ Erst kürzlich hatte die IHK zusammen mit der Kreishandwerkerschaft eine Studie zu möglichen Lösungen für den Nahverkehr in der Region veröffentlicht.

Michael Christmann ist Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Bonn Rhein-Sieg.

Michael Christmann ist Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Bonn Rhein-Sieg.

„Für den Rhein-Sieg-Kreis kommt diese Information völlig überraschend“, sagte Landrat Sebastian Schuster. „Wir haben keinerlei Vorwarnungen seitens der Autobahn GmbH bekommen und es kann keine Rede davon sein, dass Ausweichrouten in enger Abstimmung mit uns vorbereitet wären", so der Christdemokrat.

CDU kritisiert fehlenden Plan in der Hinterhand

„Die Entscheidung in dieser Geschwindigkeit kam sehr überraschend“ , erklärte Björn Franken, Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion, im Gespräch mit der Redaktion und übte deshalb auch Kritik an der Autobahn GmbH, die aus seiner Sicht Möglichkeiten zur Entzerrung gehabt hätte. „Es hätte, Sinn gemacht, wenn man einen Plan in der Tasche gehabt hätte.“

Keine Überraschung, aber ein Schock sei die Nachricht von der Vollsperrung gewesen, sagt Ingo Steiner, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag. „Mein erster Gedanke war trotzdem, der 1. April ist doch vorbei, lass es nicht ernst sein!“ Und er verweist auf eine „zweite verkehrspolitische Katastrophe“, den Ausfall der Straßenbahnlinie 66. 

Was die Autobahn sich hier geleistet hat, ist ein Desaster mit Ansage.
Ingo Steiner, Kreistagsfraktionsvorsitzender der Grünen

„Da verdichten sich die Gerüchte, dass es noch länger dauert“, so Steiner. Bei der Nordbrücke sei jetzt die Autobahn GmbH gefordert, die Verkehrsader wieder ans Laufen zu bringen. „Wir brauchen jetzt keinen achtspurigen Ausbau.“ Die frühere Entscheidung der Gesellschaft des Bundes, die Sperrung der Nordbrücke nur für 7,5-Tonner, hat ihn nicht überzeugt – im Gegenteil: „Was die sich hier geleistet hat, ist ein Desaster mit Ansage.“

Sara Zorlu, Kreistagsfraktionsvorsitzende der SPD im Rhein-Sieg-Kreis, sieht das ähnlich: „Die Vollsperrung ist verkehrspolitisch für den Kreis und die Umgebung der Super-GAU“, so die Sozialdemokratin auf Anfrage der Redaktion. „Wir erwarten jetzt ganz klar, dass der Landrat als Anwalt für die Region den Druck auf Bund und Land deutlich erhöht. Alle rechtlichen und planerischen Möglichkeiten müssen genutzt werden, um zu prüfen, ob wenigstens Fahrzeuge unter 3,5 Tonnen wieder dort fahren dürfen“, so Zorlu. Gerade vor dem Hintergrund der im Sommer anstehenden Sperrung der rechtsrheinischen Bahntrasse sei dies ein Katastrophenszenario.

Kreis ist wieder zweigeteilt, wie vor dem Bau der Brücke 1969

Die FDP-Fraktion im Kreistag reagiert ebenfalls mit Entsetzen auf die Sperrung. Damit sei der Kreis de facto wieder zweigeteilt, wie vor 1969, so Christian Koch, Vorsitzender der Kreistagsfraktion: „Das ist das Ergebnis jahrzehntelang versäumter Investitionen in unsere Infrastruktur.“

Die Stadt Bonn habe bereits einen Krisenstab eingerichtet, „daran muss sich der Kreis unbedingt beteiligen“, fordert Koch. „Wir erwarten, dass jetzt alle, von den kommunalen Verwaltungen über die Autobahn GmbH bis zum Verkehrsminister, an einem Strang ziehen und Tag und Nacht an einem Neubau oder der Ertüchtigung gearbeitet wird. Das duldet keinen Aufschub.“

„Gravierende Folgen für Autofahrer und Volkswirtschaft“ sieht der ADAC durch die Sperrung der wichtigen Verkehrsader. „Das ist eine Vollkatastrophe für die Region“, sagt Prof. Dr. Roman Suthold, Verkehrsexperte im ADAC Nordrhein. Die Brücke zähle zu den wichtigsten Rheinquerungen der Region und bilde eine zentrale Verbindung zwischen dem linksrheinischen Rheinland und den östlich gelegenen Gebieten bis zur Eifel und zum Siebengebirge, so der ADAC. 

Der ADAC habe in einer Modellstudie im vergangenen Jahr die Sperrung der Nordbrücke simuliert und berechnet, dass Autofahrer bei einer plötzlichen Sperrung pro Jahr Umwege von insgesamt 50 Millionen Kilometern in Kauf nehmen müssten, Lkw von 5,5 Millionen Kilometern. „Viele Autofahrer würden bei einem Ausfall der Brücke nach Norden in den Kölner Raum ausweichen und dort das ohnehin schon am Limit laufende Verkehrssystem belasten – vor allem auf der Rodenkirchener Brücke“, erklärt Suthold. „Im Süden von Bonn kommt es auf der Konrad-Adenauer-Brücke zu einer erheblichen Mehrbelastung.“ Der volkswirtschaftliche Schaden würde sich der Simulation zufolge jährlich auf mehr als 170 Millionen Euro belaufen. Damit sei nun zu rechnen.