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Arbeit für den SpaßOb Literatin, Präsident oder Zugleiter – ohne Ehrenamt kein Karneval in Hennef

6 min
Ohne Zugleitung könnten die Jecken nicht so ausgelassen auf den Straßen feiern wie hier in Bröl.

Ohne Zugleitung könnten die Jecken nicht so ausgelassen auf den Straßen feiern wie hier in Bröl.

Ob Zugleiter, Prinzenpaar, Sitzungspräsident oder Literatin – der Karneval lebt von ehrenamtlichen Engagierten. Wie sie ihre Zeit investieren.

Spaß haben, vielleicht ein bisschen rebellisch sein, das macht Karneval aus. Doch es steckt viel unbezahlte Arbeit dahinter – drei Ehrenamtler erzählen.

Der Zugleiter

Ein paar Menschen treffen sich in bunten Kostümen und laufen durch die Straßen ihres Dorfes, ihrer Stadt – das funktioniert so im rheinischen Karneval schon lange nicht mehr. Zu viele Jecke kommen zusammen, die Sicherheitsvorkehrungen sind gestiegen, der Verkehr muss geregelt werden. Ein Karnevalszug heute ist mit hohem logistischen Aufwand verbunden. Und doch sind es durchweg Ehrenamtler, die diesen verantwortungsvollen Job übernehmen.

Sebastian Engels, Zugleiter in Hennef-Bröl, ist vom Fach. 2023 war er selbst Prinz und saß mit seiner Prinzessin Natalja hoch oben im letzten Wagen. In diesem Jahr organisiert er den Bröler Zug für die KG Rot-Weiß Bröl zum zweiten Mal. Rund 500 Teilnehmer erwartet er 2026, etwas mehr als im Vorjahr.

Sebastian Engels ist Zugleiter der KG Rot-Weiß Bröl.

Sebastian Engels ist Zugleiter der KG Rot-Weiß Bröl.

Seine Arbeit beginnt am 11.11., wenn er Gruppen und Vereinen die erste E-Mail schickt. Das ist eine seiner Hauptaufgaben, den Kontakt zu halten zu denen aus dem Vorjahr, aber auch möglichen neuen Interessenten. Er bereitet die Unterlagen vor, Anmeldungen und die Tüv-Berichte, die vorgelegt werden müssen. Außerdem muss er sicherstellen, dass es genügend Wagenengel gibt, also die Ordner, die an den  Großfahrzeugen dafür sorgen, dass niemand unter die Räder kommt.

Zum Job gehört es, die Paragrafen des Prinzenpaares umzusetzen

Ein spannender und durchaus komplexer Teil seines Jobs ist die Zugaufstellung. „Es ist wie eine Komposition, Musikgruppen, Wagen und Fußgruppen zu einem Gesamtbild zu fügen“, sagt Engels. „Es gibt auch Befindlichkeiten. Die einen wollen nicht zu nah an die laute Musik, andere dagegen schon.“ Vergessen darf er nicht, dass die Paragrafen des Prinzenpaares umgesetzt werden. Also müssen in diesem Jahr die Karnevalsfreunde als Werkstatt- und Schiebergruppe ganz an den Anfang.

Prinz Sebastian II. (r.) stand vor drei Jahren noch selbst oben auf dem Prinzenwagen im Bröler Zug, hier mit seiner Prinzessin Natalja I.

Prinz Sebastian II. (r.) stand vor drei Jahren noch selbst oben auf dem Prinzenwagen im Bröler Zug, hier mit seiner Prinzessin Natalja I.

Die Teilnahme am Zug ist kostenlos. Die Karnevalsgesellschaft als Veranstalter übernimmt die Haftpflichtversicherung, GEMA-Gebühren und die Gebühren für den Rettungsdienst. Engels muss im Auge behalten, dass das alles erledigt wird. Das Geld dafür erwirtschaftet der Verein bei seinen Sitzungen.

Ich freue mich auf dem Zug, aber ich bin schon ein bisschen nervös bevor es los geht.
Sebastian Engels, Zugleiter in Hennef-Bröl

Dankbar ist er dem Ordnungsamt und dem Bauhof der Stadt, die die Ehrenamtler für die Sicherheit mit hohem Aufwand unterstützen – mit Sandsäcken und Lastwagen. Dank schickte er darüber hinaus an das Möbelgeschäft, auf dessen Parkplatz sich alle aufstellen können. Mehrere Infoschreiben schickt er an die Teilnehmer. Etwa 50 Arbeitsstunden investiert er so nebenbei.

„Ich freue mich auf den Zug, aber ich bin schon ein bisschen nervös, bevor es losgeht“, gibt er Einblick in das Seelenleben eines Zugleiters, „100-prozentige Sicherheit kann es nicht geben. Wenn es gut geklappt hat, wenn alle glücklich und zufrieden sind, fällt mir schon ein Stein vom Herzen.“

Die Literatin

Uta Kugland ist von Hause aus Polizeihauptkommissarin, ihr Hobby ist das Damenkomitee Fidele Flotte Dondorf. Seit 2006 im Team, seit etwa 2010 allein, ist sie die Literatin ihres Vereins und gestaltet wesentlich das Programm für die „Närrische Seefahrt“, die große Sitzung mit fast 1000 Gästen in der Mehrzweckhalle Meiersheide in Hennef. Als Chefin über einen Etat von etwa 40.000 Euro, natürlich in Absprache mit ihrem Vorstand, trägt sie hohe Verantwortung – alles im Ehrenamt.

Das schwerste Brett sind die Redner.
Uta Kugland, Literatin der Fidelen Flotte

„Das beschäftigt mich das ganze Jahr“, verrät Kugland. „Ich besuche Vorstellabende, lese viel im Vorfeld, denke immer zwei Jahre im Voraus, tausche mich regelmäßig mit Künstlern und Agenturen aus.“ Unterstützt wird sie dabei von ihrer Präsidentin Anne Dittrich. „Das schwerste Brett sind die Redner“, verrät sie. Schon zwei Jahre vorher zu wissen, wie und ob das Programm ankommt, ist nahezu unmöglich. 

Uta Kugland hat vor zwei Jahren Druckluft gebucht, nach dem Megahit „Karnevalsmaus“ würde sie sie jetzt wohl nicht mehr so schnell engagieren können.

Uta Kugland hat vor zwei Jahren Druckluft gebucht, nach dem Megahit „Karnevalsmaus“ würde sie sie jetzt wohl nicht mehr so schnell engagieren können.

„Was traust du dich, auf die Bühne zu holen?“, erklärt sie den Balanceakt. „Es ist schwer, was Neues, Erfrischendes zu bringen.“ Wenn sie bei den Agenturen die großen Namen wie Weininger, Klüngelköpp, Cat Ballou anfragt, bekommt sie die, aber an einem Dienstag. Ihre Sitzung ist aber traditionell am dritten Samstag im Januar. „Es ist nicht nur das Finanzielle, die kommen am Wochenende einfach nicht raus bis nach Hennef.“

Die Gestaltung des Programms ist wie eine Komposition

Aber sie hat oft ein glückliches Händchen bewiesen. Ganz früh schon hat sie Querbeat geholt, Stadtrand war in diesem Jahr zum siebten Mal in der Meiersheide. Und Druckluft mit dem Mega-Sessionshit „Karnevalsmaus“ war zum Finale bei der Fidelen Flotte. Wie Zugleiter Engels erlebt sie die Gestaltung des Programms als Komposition.

Uta Kugland ist die Literatin des Damenkomitees Fidele Flotte Dondorf.

Uta Kugland ist die Literatin des Damenkomitees Fidele Flotte Dondorf.

Am Abend selbst ist sie im Dauereinsatz. Das Zusammenspiel mit ihrer Präsidentin muss reibungslos laufen, mit den Künstlern pflegt sie den wertschätzenden Umgang, auch wenn sie bei Verzögerungen im Ablauf schon mal laut werden kann. Und weil es noch nicht genug ist, hat sie jetzt mit dem Format „Bordgeflüster“ eine neue Sitzung zu organisieren, eine Art Rednerfrühschoppen für „Ladies only“. Premiere ist am 8. November im Landgasthof Bröl, die ist aber schon ausverkauft. Derweil arbeitet sie an den Buchungen für 2028.

Der Präsident

Jörg Steinhauer ist seit 2015 der Präsident der Karnevalsgesellschaft „Quer durch de Waat“ in Hennef. Karneval sei das ganze Jahr, beschreibt er die Dimension seines Ehrenamtes. „Die Freizeit ist weitgehend damit ausgefüllt, das ist ein Vollzeithobby.“ Denn er ist nicht nur Sitzungspräsident, sondern repräsentiert seinen Verein auch bei vielen weiteren Terminen.

Die Freizeit ist weitgehend damit ausgefüllt, das ist ein Vollzeithobby.
Jörg Steinhauer, Präsident der KG „Quer durch de Waat“
Jörg Steinhauer war auf der Sitzung seiner KG Quer durch de Waat voll in seinem Element.

Jörg Steinhauer war auf der Sitzung seiner KG Quer durch de Waat voll in seinem Element.

Die Prunksitzung ist natürlich die Veranstaltung, bei der der 55-Jährige am präsentesten ist. „Im Vorfeld schreibe ich mir ein Script“, verrät er. Wie wichtig eine Familie ist, die ihn unterstützt, wird etwa daran deutlich, dass seine Frau Ute die Moderationen mit ihm zu Hause einstudiert. „Ich muss mich auf die einzelnen Acts vorbereiten, die Ehrungen und Danksagungen, damit niemand vergessen wird.“

Der Moderator muss die Balance halten zwischen lauter und leiser Ansprache

„Meine Aufgabe ist es, die Sitzung für die Zuschauer spannend zu gestalten“, sagt er. „900 Leute wollen unterhalten werden.“ Dafür muss er den Zeitplan einhalten, auch schon mal treiben, so bei den Ordensverleihungen, die Balance halten  zwischen lauter und leiser Ansprache. Sein Meisterstück in diesem Jahr war es sicherlich, den Saal um 23.15 Uhr ruhig zu moderieren für die Rednerin Ingrid Kühne.

Jörg Steinhauer ist der Präsident der KG Quer durch de Waat.

Jörg Steinhauer ist der Präsident der KG Quer durch de Waat.

Doch die Sitzung ist nur ein Aspekt. „Ich besuche zahlreiche Veranstaltungen für den Verein, Jubiläen, Stadtfest, Kirmes, und oft bin ich gefragt als Moderator.“ Dazu kommt die Arbeit im Festkomitee, in dem Stadtsoldaten, Große Geistinger KG, Fidele Flotte, die 1. Hennefer KG und eben die KG Quer durch de Waat zusammengeschlossen sind.

Alle drei Jahre darf er das Prinzenpaar aussuchen. „Das ist Privileg und Bürde gleichermaßen.“ Er war auch beteiligt am absoluten Traditionsbruch 2019, als erstmals in der Geschichte ein Dreigestirn proklamiert wurde. Es blieb, wegen der Corona-Pandemie, drei Jahre im Amt, und der Präsident war mit dabei.

Als Komiteepräsident verantwortet er alle fünf Jahre den Rosenmontagszug. „Da bist du schon erleichtert, wenn es vorbei und alles gut gegangen ist“, betont er. Zu seinem Ehrenamt gehört darüber hinaus ein nicht zu vernachlässigender Aspekt: nachfolgende Generationen für den Karneval zu begeistern.