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„Es ist fünf vor zwölf“Lohmarer Ärztin warnt vor Folgen von nächtlichem Fluglärm

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Nächtlicher Fluglärm kann schwerwiegende Folgen für die Gesundheit haben.

Nächtlicher Fluglärm kann schwerwiegende Folgen für die Gesundheit haben.

Der Flughafen Köln/Bonn möchte eine Entfristung der geltenden Nachtflugregeln. Das darf nicht durchgehen, findet die Lohmarer Ärztin Claudia Rust.

Der Flughafen Köln/Bonn fordert beim Verkehrsministerium eine Entfristung der geltenden Nachtflugregeln und möchte damit vor allem weitere Einschränkungen für den Nachtflugverkehr verhindern. Mehrere Kommunen des Rhein-Sieg-Kreises sind von nächtlichem Fluglärm betroffen. Die Stadt Lohmar hat im Juli in einer Stellungnahme und Resolution an das Landesministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr verbindliche Lärmgrenzen für besseren Gesundheitsschutz gefordert. Was bedeutet die noch ausstehende Entscheidung für die Region und was sind gesundheitliche Folgen von Fluglärm? Wir haben mit der Lohmarer Ärztin Claudia Rust gesprochen.

Wann haben Sie sich erstmals mit dem Thema Fluglärm befasst?

Das war 2012. Der Deutsche Ärztetag hatte sich damals mit dem Thema befasst und dazu eine dreiseitige Entschließung herausgegeben. Mit meiner Familie bin ich im selben Jahr zu mehreren Demonstrationen am Flughafen Köln/Bonn gegangen.

Die Lohmarer Ärztin Claudia Rust über Fluglärm

Die Lohmarer Ärztin Claudia Rust spricht über die Folgen von Fluglärm.

Warum ist es gerade jetzt wichtig, die Aufmerksamkeit auf den Fluglärm zu lenken?

Wichtig ist es schon immer gewesen, aber jetzt ist es fünf vor zwölf. Der Flughafen Köln/Bonn fordert aktuell eine Entfristung der geltenden Regeln; Der Antrag ging im März diesen Jahres an Verkehrsminister Krischer. Die aktuell geltenden Lärmschutzauflagen sind bis zum 31. Oktober 2030 befristet. Die Entscheidung über die Entfristung, die jetzt getroffen werden soll, gilt also mit offenem Ende, ohne zeitliche Beschränkung. Wenn wir jetzt nicht das Ziel erreichen, glaube ich nicht, dass wir das anschließend wieder rückgängig machen können. Wenn wir jetzt nichts erreichen, dann müssen wir mit dem Fluglärm leben, und das möchte ich nicht.

Was ist für Sie das Ziel?

Mein persönliches Ziel, das ich gerne für alle Bürgerinnen und Bürger erreichen möchte, ist, dass wir eine Nachtflugruhe bekommen. Das meine ich nicht nur für den Passagierflugverkehr. Wie die Grünen in Overath fordern, möchte ich, dass Passagier- und Frachtflüge nachts nicht mehr fliegen dürfen. Meine Sorge ist, dass ansonsten die Lücken, die im Passagierflugverkehr durch Verbote entstehen, mit Frachtfliegern gefüllt werden. Dann haben wir wieder primär nachts diese lauten Maschinen.

Warum möchte der Flughafen ihrer Ansicht nach diese Entfristung?

Laut Angaben in dem Schreiben ans Verkehrsministerium will UPS 475 Millionen in eine neue Halle und die Modernisierung bestehender Hallen investieren. Diese Investition muss sich für den Flughafen lohnen.

Wie sehen Sie das Argument, dass auch die Wirtschaftlichkeit berücksichtigt werden muss?

Eine Kernaussage der Entschließung des Ärztetags 2012 war, dass der Schutz der Bevölkerung wichtiger als das Wirtschaftswachstum sein sollte. Ein gesundheitsgefährdender Flugbetrieb kann aus Sicht des Ärztetages nie wirtschaftlich sein, weil daraus Kosten entstehen für die Behandlung von Menschen, die durch den Fluglärm krankgeworden sind. Manche können ihre Berufe aufgrund der entstehenden Krankheiten nicht mehr ausüben oder müssen in Teilzeit gehen. In der Resolution des Deutschen Ärztetages wurden auch Zahlen genannt: Bezogen auf den Frankfurter Flughafen habe es vermeidbare Gesundheitskosten von etwa 400 Millionen Euro gegeben, nur für die Behandlung von Herz-Kreislauf-Patienten. Dagegen erhält die europäische Flugwirtschaft 30 Milliarden Euro an Subventionen. Der Ärztetag von 2012 hat daher gefordert, dass es von 22 bis 6 Uhr eine Nachtflugruhe geben soll.

Was konkret können gesundheitliche Folgen von Fluglärm sein?

Es ist durch Studien nachgewiesen, dass durch Lärm Blutgefäßveränderungen stattfinden. Das bedeutet, dass der Blutdruck steigt. Außerdem wurde dabei festgestellt, dass das Erschlaffen der Gefäße immer schlechter möglich ist, je häufiger man dem Lärm ausgesetzt ist. Das heißt, es gibt keine körperliche Gewöhnung an Fluglärm.

Dazu kommen die Folgen von Schlafstörungen. Viele Meschen sind sich nicht bewusst, dass ihre Schlafstörungen vom Fluglärm kommen. Auch Schlafmangel führt zu Bluthochdruck. Das kann Herzinfarkte und Schlaganfälle auslösen, und es ist in Studien nachgewiesen, dass Schlafprobleme Depressionen und Brustkrebs verursachen können. Auch für Schwangere können Schlafmangel und Lärm gefährlich sein: Dadurch, dass der Blutzucker steigt, kann eine Schwangerschaftsdiabetes ausgelöst werden. Außerdem gibt es Studien dazu, dass die Leistungsfähigkeit schon bei Kindern stark sinkt, wenn sie nachts von Lärm betroffen sind. Fluglärm kostet uns alle Lebenszeit und Lebensqualität.

Was ist der Unterschied bezüglich gesundheitlicher Schäden bei Fluglärm und anderen Formen von Lärm?

Es wurde festgestellt, dass Menschen auf Fluglärm sensibler reagieren als auf Schienen oder Straßen, auch bei gleicher Lautstärke. Spekuliert wird, dass das daran liegt, dass der Lärm von oben kommt.

Was kann man selbst für den nächtlichen Schutz vor Lärm tun?

Ich persönlich schlafe jede Nacht mit Silikonohrstöpseln. Das ist eine Abmilderung, aber dennoch nimmt man den Lärm weiterhin wahr. Im Sommer, wenn ich einen Ventilator aufgestellt habe, ist mir aufgefallen, dass ich so weniger Fluglärm höre. Ich habe dann recherchiert: auf diese Weise werden auch Leute mit Tinnitus behandelt, durch das sogenannte „Sound Masking“. Mithilfe von kleinen Geräten, die leichte, konstante Gegengeräusche produzieren, nimmt man weniger Fluglärm wahr.

Wie geht es jetzt in der Thematik jetzt weiter?

Einige vom Fluglärm betroffen Städte fordern in ihren Resolutionen, die an Herrn Krischer gehen, nochmal neue Studien zu den Folgen von Fluglärm. Ich denke, wir brauchen nicht noch mehr Studien, es gibt bereits über 1000 Studien darüber. Das kostet Geld und Zeit, und die Zeit haben wir aus meiner Sicht nicht. Im April nächsten Jahres haben wir Landtagswahlen; und es konnte mir keiner bisher sagen, wann eine Entscheidung gefällt werden soll. Ich spüre da schon zeitlichen Druck. Die Studienlage ist eindeutig, und trotzdem haben wir immer mehr Flugzeuge und immer mehr Lärm am Flughafen Köln/Bonn. Ich möchte mir später nicht vorwerfen lassen, ich hätte gewusst, in welcher Situation wir sind, aber nichts getan. Ich würde gerne etwas tun, ich würde gerne wieder Demos im Terminal 2 des Kölner Flughafens haben.

Warum glauben Sie, gibt es gerade keine Demos?

Da kann ich natürlich nur spekulieren. Ich habe von zwei Bürgermeistern die Auskunft, dass das Thema nicht die oberste Priorität hat. Die Frage ist auch, ob manche sich vielleicht nicht engagieren wollen, denn wenn das am Ende nicht erfolgreich ist, schadet das der politischen Karriere. Vielleicht sind wir aufgrund der letzten Jahre, die wir erlebt haben, auch in eine Art Phlegma gekommen – Leute ergreifen nicht mehr die Initiative. Dabei geht es um die Gesundheit aller.